Bei Blasphemie endet die Vaterliebe

Propheten-Pornos oder muslimische Emanzipation? Die Schweizer Erstaufführung von Ayad Akhtars «The Who and the What» am Theater Solothurn ist nur anfänglich seicht.

Frommer Vater und emanzipierte Tochter: Eine Kleinfamilie lebt in den USA zwischen ihrer islamischen Tradition und dem grossstädtischen Individualismus.

Frommer Vater und emanzipierte Tochter: Eine Kleinfamilie lebt in den USA zwischen ihrer islamischen Tradition und dem grossstädtischen Individualismus.

(Bild: Joel Schweizer)

Die ältesten Kontrahenten der Theatergeschichte kämpfen noch: Wir Menschen gegen alles Heilige. Unser weltliches Leben gegen die höhere Ordnung. Figuren ringen auf der Bühne mit dem Glauben, und weil auch dieser menschengemacht ist, entwickelte sich die antike Prügelei heute eher zu einer Art Schattenboxen.

Welche Liebe ist stärker? Diejenige zur eigenen Tochter oder diejenige zum Propheten Mohammed? Am Theater Biel-Solothurn wird diese Frage verhandelt, denn Katharina Rupp inszeniert als Schweizer Erstaufführung «The Who and the What» von Ayad Akhtar, einem amerikanische Dramatiker mit pakistanischen Wurzeln.

Akhtars Islamkritik aus muslimischer Sicht trifft nicht nur inhaltlich den Zeitgeist, sie weist auch stets eine konventionelle Struktur auf, weshalb Akhtars Stücke als relativ einfach zu inszenieren gelten. Darin bildet auch «The Who and the What» keine Ausnahme: Eine Kleinfamilie lebt in den USA zwischen ihrer islamischen Tradition und dem grossstädtischen Individualismus. Der alleinerziehende Vater Afzal, ein Taxiunternehmer, ist um die Zukunft seiner beiden Töchter besorgt und hat ihnen alle Aufstiegschancen freigespielt.

Hat Gott Brüste?

Tatjana Sebben spielt die jüngere Tochter Mahwish, die seit ihrem neunten Lebensjahr die «Lieblingsfrau des Propheten» werden will. Ihre ältere Schwester Zarina (Atina Tabé) aber hat sich emanzipiert und würde sich «in Sachen Sex» keinesfalls «vom Propheten beraten lassen». Sie schreibt an einem Roman namens «The Who and the What» und wird nebenher vom eigenen Vater verkuppelt. Damit sie auch einen anständigen Muslim heiratet, begibt sich der Vater Afzal in ihrem Namen auf die – fiktive – Partnerbörse muslimlove.com und «datet» den Auserwählten: Eli ist zwar ein weisser Konvertit, doch Tom Kramer spielt ihn engagiert und fromm genug, um als perfekter Schwiegersohn zu punkten.

Der Vater wird stutzig. Ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau wirklich eine politische Frage? Bild: Joel Schweizer

Projizierte Texte und verschobene Bühnenelemente (Karin Fritz) markieren Zeitsprünge, schliesslich sind Zarina und Eli verheiratet, der Vater zufrieden – bis Zarinas Roman erscheint: eine teilweise pornografische Gegendarstellung von Mohammeds Leben. Darin begehrt der Prophet hinterm Vorhang (Hidschab) die Frau seines Adoptivsohnes – weshalb heute muslimische Frauen den Schlafzimmervorhang im Gesicht tragen würden. Afzal versucht seiner Tochter zu widersprechen, auch was eine andere Behauptung betrifft: «Gott hat doch keine Brüste.» Auf diese vermeintliche Blasphemie hin ereilt ein Shitstorm die gesamte Familie, aus welcher der Vater seine Tochter nun am liebsten verbannen würde.

Es kommt zum Clash

In Solothurn beginnt das als Sitcom mit musikalischen Einspielern zwischen Jazz- und Loungemusik. Dabei verlässt sich das Ensemble zunächst auf Akhtars pointierte Komik. Günter Baumann spielt anfangs als Vater eher auf die Pointen hin als auf die Situation oder Spielpartner – die Figuren bleiben reichlich klischiert, allen voran Mahwish als arg einfältige Tussi. Auch bei Tom Kramer als Schwiegersohn wird nicht gleich klar, was diesen selbstgefälligen Intellektuellen antreibt - bis ihn Zarina beim Date mit den eigenen Waffen schlägt und ihn scharfzüngig mithilfe von Freud und Marx kalt abduscht. Dringlichkeit entwickelt sich erst im Verlauf, wenn etwa Afzal sich vom Schwiegersohn Kinder wünscht: «Machs einfach - schwängere sie!»

So finden alle mit der Zeit in ihre Figuren – und es kommt zum Clash, den dieses Stück braucht. Der Vater wird stutzig. Ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau wirklich eine politische Frage? Ist es natürlich, und diese Frage stellt das Stück auch in Rupps Inszenierung. Der Vater sitzt am Ende leicht entrückt betend im Park, spricht mit Vögeln und wirkt zerrissen zwischen Vaterliebe und Frömmigkeit. Ebenso stur, wie er auf seinem Bild von Mohammed beharrt, wird dieses Bild von seiner seiner Tochter dekonstruiert – und in jenem abrupt endenden Streit mit offenem Ausgang glückt diese Inszenierung nach einem seichten Einstieg.

Weitere Aufführungen bis zum 7. April in Solothurn und Biel. www.tobs.ch

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