Aufstand im Paradies

«Die Vernichtung» von Olga Bach und Ersan Mondtag handelt von der Selbstauslöschung der westlichen Gesellschaft. So moralisch die Vorlage, so spektakulär die Inszenierung am Stadttheater Bern.

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Friedlich, aber wie ausgestorben liegt er da, der Garten Eden. Die Sonne bricht durchs Geäst, der Nebel verzieht sich allmählich, die Vögel zwitschern. Hier möchte man sich niederlassen. Warum also die Menschenleere? Wer sich mit klassischer Musik auskennt, macht gleich zu Beginn das erste Unglücksomen aus: Brahms’ deutsches Requiem.

Die Totenmesse erklingt auf der Bühne der Vidmar 1 gleich für eine ganze Gesellschaft. Dabei herrscht auf den ersten Blick wenig Endzeitstimmung im Stück «Die Vernichtung». Es umfasst keine eigentliche Handlung, sondern ist vielmehr eine lose Abfolge von verdrogten Dialogen zwischen Freunden – pendelnd zwischen Hobby-Philosophie und Party-Oberflächlichkeiten.

Beides ist nur schwer erträglich. Aber gerade um die abstossende Lebensweise des hedonistischen Westens solls ja gehen in dieser Stückentwicklung, für die sich die deutsche Autorin Olga Bach mit dem derzeit gefragtesten Jung-Regisseur Ersan Mondtag zusammengetan hat.

Avatare im Ruhezustand

Auf der Textebene ist das reichlich moralisch. Und auch ohne Reiz, denn um urbanen Mittzwanzigern dabei zuzuschauen, wie sie sich wegen ihrer Abgestumpftheit selbst bemitleiden, dafür braucht man nicht ins Theater zu gehen. Dorthin muss man wegen Mondtag. Innert kürzester Zeit hat sich der 28-jährige Berliner mit seinem Theater der Bildgewalten einen Namen gemacht. Und auch diesmal rührt Mondtag mit der grossen Kelle an, und auch diesmal ist das erfreulich grössenwahnsinnig.

Das beginnt beim weitläufigen Paradies inklusive Schaukel und Teich, und hört auf bei den kunstvollen Ganzkörperanzügen des Ensembles, auf denen nackte Leiber aufgemalt sind (Bühne und Kostüme: Ersan Mondtag). Kunstkenner mögen in der Bühnenkomposition ein expressionistisches Gemälde à la Ernst Ludwig Kirchner erkennen. Jüngere Zuschauer denken vermutlich an ein Videogame, wenn die stehenden Figuren leicht hin und her wiegen wie Avatare im Ruhezustand.

So oder so, echt ist hier jedenfalls nichts. Auch die Gespräche wirken wie eine verschobene Soundspur zum Bühnengeschehen: Zum ausgiebigen Rudelbumsen beurteilt man die Outfits für den Ausgang. Angetrieben von einem sinnlosen Aktionismus bewegen sich die Nackten (Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider) wie Karikaturen durch den Sehnsuchtsort.

Er ist ihnen abhanden gekommen, virtuell geworden, wie sie sich selber. Im Kontrast zur zauberhaften Welt, die sie umgibt, wirkt ihre emotionale Unterkühlung umso stärker. Dafür sackt allerdings die Spannung ab, und der innere Stillstand dieser Gesellschaft wird auch zum toten Punkt im Theater.

Hunger nach Identität

Dann aber: Revolution. Eine schwarz verpixelte Projektion überzieht die Landschaft und ihre Bewohner mit den erhobenen Fäusten; eine Roboterstimme wiederholt mantraartig Sätze aus dem Stück, dazu wummert ohren­betäubender Techno-Sound (Beat: Jonas Grundner-Culemann).

Man kann das sicher plakativ finden. Und doch: Wie in einem sozialen Vakuum extremistische Ansichten keimen, wird fassbar in dieser Inszenierung. Derselbe Hunger nach Identität, Einheit und Natur ist es, der eines der Individuen dazu treibt, seine Hülle abzulegen. Jetzt springt er über die grünen Hügel und planscht sorglos im Wasserbecken. Was für ein freier, glücklicher Idiot.

Weitere Aufführungen in der Vidmar 1 bis 11. Dezember. www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 16.10.2016, 13:37 Uhr

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