Aufbruch an der Rathausgasse

Neue Formate, neue Gruppen, neues Publikum: Unter dem Motto «Wir zeigen’s euch!» will Leiterin Maike Lex das Schlachthaus-Theater noch stärker als Brennpunkt des zeitgenössischen Theaters positionieren.

Ariane von Graffenried und Matto Kämpf werben für ihr neues Stück.

Ariane von Graffenried und Matto Kämpf werben für ihr neues Stück.

(Bild: Rob Lewis/zvg)

Und plötzlich steht der Revolutionär in der guten Stube. Und erzählt. Von einem neuen Stück über die Konferenz von Zimmerwald, die vor fast 100 Jahren statt­gefunden hat. Der Berner Schriftsteller Matto Kämpf ist der Mann in der Uniform, sekundiert wird er von Co-Autorin Ariane von Graffenried, und die beiden machen Werbung für ihr neues Stück «Alle Vögel sind schon da», das im Oktober im Berner Schlachthaus-Theater gezeigt wird. Wie weitere Autoren und Schauspieler, deren Produktionen in der neuen Saison im Schlachthaus zur Aufführung kommen, sind die beiden erst einmal im Wohnzimmer von wildfremden Leuten aufgetreten. «Wir zeigen’s euch!» ist das Motto der aktuellen Spielzeit, und für einmal ist der Spruch wortwörtlich gemeint.

Neue Zielgruppen angepeilt

«Für uns ist es ganz wichtig, neues Publikum für das Schlachthaus zu gewinnen», sagt Maike Lex, die nach dem Weggang von Myriam Prongué das Theaterhaus in der Rathausgasse alleine leitet. Über Facebook und andere Kanäle wurden kurzerhand Leute gesucht, die bereit waren, ­Autoren und Schauspieler zu Hause zu ­empfangen und sich die neuen Stücke ­vorstellen zu lassen.

Auch der aktuelle Spielplan ist darauf angelegt, das Schlachthaus für neue ­Zielgruppen attraktiv zu machen. Ein Schwerpunkt sind Projekte der sogenannten Transkultur oder Interkultur, Begriffe, die mittlerweile das gute alte Multikulti abgelöst haben. So hat das Schlachthaus in der neuen Saison die kosovo-albanische Gemeinde in Bern im Visier. Gezeigt wird «Einer flog über das Kosovotheater» der Gruppe Qendra Multimedia aus Pristina. Jeton Neziraj, der Autor, war einst für kurze Zeit Direktor des Nationaltheaters. Vor die Türe wurde er gesetzt, weil er nicht bereit war, den staatlich gewünschten Patriotismus unkritisch zu zelebrieren.

Thema seiner ­politischen Komödie ist nun der Wunsch des Kulturministeriums an eine junge Theatergruppe, was Schönes zum Unabhängigkeitstag aufzuführen. Die Gruppe gerät in die Bredouille, einerseits möchte sie brillieren, andererseits den Staat kritisieren, der vorgibt, was gesagt werden darf und was nicht.

«Mit diesem Stück, das auch für unser Stammpublikum spannend ist, möchten wir Berns kosovo-albanische Bevölkerung zu einem Besuch im Schlachthaus verführen. Kein einfaches Unterfangen – das ist sich Maike Lex bewusst. Erste ­Kontakte sind bereits vor zwei Jahren geknüpft worden, als ein Schauspieler aus dem Kosovo im Schlachthaus wohnte. Geplant ist auch, die Zusammenarbeit mit dem Autor in den nächsten Jahren weiterzuführen. Zudem soll auch im Jugendclub des Theaters die kosovo-albanische Schiene verfolgt werden, vorgesehen ist eine Partnerschaft mit einem der dortigen Jugendtheaterclubs.

Überrannt von Anfragen

Neben der Ausweitung der Theaterzone will Maike Lex das Haus noch stärker für neue Formen öffnen und als Brennpunkt des zeitgenössischen Theaters positionieren. «Uns interessieren vermehrt Gruppen, die aus einem kollektiven und performativen Gedanken heraus Theater machen.» Das heisse aber nicht, dass Gruppen, die nach bewährter Manier mit Regisseur arbeiten würden, keine Chance mehr hätten.

Keinen Platz mehr hat es allerdings im Schlachthaus für Neubearbeitungen von Klassikern sowie für Roman-Adaptionen. Zu diesem Schritt habe man sich entschlossen, weil das Schlachthaus für aktuelle Stücke stehe, die sich mit dem Hier und Heute auseinandersetzten. «Zudem werden wir von Anfragen überrannt», sagt Maike Lex, «und wenn wir einen Mix aus bekannten und neuen Gruppen anbieten wollen, so müssen wir uns auch mal von Formaten trennen.» Das Schlachthaus ist in der freien Szene als Aufführungsort äusserst beliebt. Nicht nur wegen des Labels, das für Aktualität und Qualität steht, sondern auch wegen der guten Arbeitsbedingungen und der fairen Gagen.

Zentral bleiben für das Schlachthaus die Berner Produktionen. «Die sind unser Lebenselixier», betont Lex, die seit knapp fünf Jahren zur Schlachthaus-Leitung gehört. So zeigt Peng!Palast seine neue Produktion «Fight!Palast: #membersonly», mit der die vermeintlich grosse Freiheit der Generation Y reflektiert wird. Der Club 111, eine der ältesten Formationen der Freien Szene, bringt «Frisches Blut», Eiger, Mönch und Jungfrau das Kinderstück «Die drü Söili mit Ingwer» des preisgekrönten Berner Autors Michael Fehr, und Magic Garden untersucht den heutigen Umgang mit der Erinnerung.

Nur bis Januar 2015 sind die Termine vergeben. Auch das ist eine Neuerung, lag doch bisher bei Saisonstart jeweils der ganze Spielplan bis Juni vor. «Wir wollen schneller reagieren können und auch kurzfristig aktuelle Produktionen engagieren, das wird im zeitgenössischen Theater immer wichtiger», sagt Maike Lex. «So flexibel zu arbeiten, ist allerdings eine Herausforderung, und dafür müssen wir uns auch neue Formate ausdenken.»

Froh über Fusionsaufschub

So schnell bezüglich Aktualität und Neuproduktionen gehandelt werden will, so wichtig ist es für die Schlachthaus-Leiterin, genug Zeit zu haben, eine mögliche Fusion mit der Dampfzentrale anzugehen. «Über Tschäppäts Brief und den Aufschub sind wir sehr erleichtert gewesen. Denn jetzt haben wir hoffentlich genug Zeit, den Dialog mit der freien Szene zu führen und inhaltlich seriös abzuklären, welche Kooperationen mit der Dampfzentrale sinnvoll sind.»

Bereits heute nutzt das Schlachthaus Räume in der Dampfzentrale und zeigt im April 2015 Milo Raus «The Civil Wars» an der Aare.

Morgen Samstag, 16 Uhr, präsentiert das Schlachthaus die aktuelle Spielzeit und eröffnet mit einem Apéro die neue Bar im Foyer. Programm: www.schlachthaus.ch

Der Bund

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