Auch der Herrgott ist ein Hallodri

In der Schiffbauhalle hat Schauspielhausintendantin Barbara Frey Ödön von Horváths «Zur schönen Aussicht» als Tanz der Untoten inszeniert.

Schon bessere Zeiten gesehen: Michael Maertens und Friederike Wagner in der «Schönen Aussicht». Foto: Matthias Horn

Schon bessere Zeiten gesehen: Michael Maertens und Friederike Wagner in der «Schönen Aussicht». Foto: Matthias Horn

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Nach der Saison ist vor der Saison? Jedenfalls hatte Ödön von Horváth sein frühes Stück über die verschlissene Seele von Menschen in vermaledeiten Verhältnissen «Nach der Saison» genannt, bevor er zum Titel «Zur schönen Aussicht» fand – und ein Satz daraus ist bis heute en vogue. Dieser hats in den Nullerjahren gar zum Udo-Lindenberg-Song gebracht: «Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.» In der Inszenierung von Barbara Frey im Schiffbau nuschelt Friederike Wagner als abgetakelte Baronin Ada den Aphorismus kopfschüttelnd auf die nackte Tischplatte des Holztischs. Der hat, wie sie, schon bessere Zeiten gesehen. Ganz grossartig kleingefahren ist das – und todtraurig.

Darum muss Carolin Conrads starke Christine – die junge Frau, die der alten zuhört – dann auch lachen: Alles andere wäre noch grausamer. Denn da hockt die versoffene Baronin mit den schütteren, grauen Locken mitten in der Nacht von allen guten Geistern verlassen im Restaurant des titelgebenden Hotels; und sie hat, wie die anderen Bewohner, bloss düstere Aussichten. Selbst ihr Outfit scheint lauter über sie zu lachen als die junge Mutter: Corsage, neckische Boxershorts über den Leopardenmusterleggings, und die Füsse stecken in Puschel-Pantöffelchen (Kostüme: Bettina Walter). «Lachen Sie mich nur aus!», maunzt die Dame und taumelt ins Zimmer 11. Im Lichtausschnitt der Tür sieht man es kurz aufleuchten: Niemand sonst strahlt, wenn Ada kommt, auch wenn sie der einzige zahlende Gast ist.

Alles schreit immerzu «nicht!»

Die altmodischen Glaseinsätze in den Türen im ersten Stock erlauben eine ironische Lichtchoreografie der Silberstreifen am Horizont, die Ada sicher als «charmant» bezeichnen würde. Die dunklen Holzmöbel könnten einer Hotel-Angst-Fantasie von Anna Viebrock entstammen, auch das Telefonhäuschen mit dem Drehstuhl und dem kaputten Telefon; oder die orangene Makramee-Eule in der Portiershöhle unter dem Treppenaufgang aus falschem Marmor. Und ebenso die Schilder: «Do not use elevator – in event of fire» oder «Visitors are requested to refrain – from cigar smoking in the lobby». Alles schreit hier immerzu «nicht!».

Uneigentlich ist der ganze Kosmos in der «Schönen Aussicht». Christine hatte sich vor einem Jahr als Sommerfrischlerin in Zimmer 11 von den Liebesschwüren des Hoteldirektors Strasser täuschen lassen: Michael Maertens könnte den Schmierentheaterkünstler nicht besser – schmieren. Wieder daheim, gebar die mittellose Frau ein Kind, schrieb Strasser Brief um Brief, bat um Hilfe, aber es kam keine Antwort. Als sie nun ins Hotel zurückkehrt, fürchtet Strasser ihre Alimentansprüche. Daher spannen die anwesenden Männer zusammen: Sie alle hätten ein Techtelmechtel mit dem leichten Mädchen gehabt, behaupten sie. Christine fehlen die Worte: «Nicht du so sein!», fleht sie Strasser an. Wo die Sprache voller Lüge ist, würgt sie Schmerzensbrocken. Selbst ihr lieber Gott erweist sich als Hallodri.

Zwischen Speisesaal und Lobby spielt man also zur miesen Posse auf. Die Lobby: ein paar unbequeme Sessel um einen Flachbildschirm: Zu Beginn hebt die Regie die kalte Komödie von 1926 in die Ära des Fake-News-Gurus aus dem Weissen Haus. Die allerersten Worte der zweistündigen Soiree kommen aus der Flimmerkiste und drehen sich um Trumps Steuerreform. Bis der fertige Typ mit Zauselbart und Zombie-Augen, der die Baronin chauffiert – ein schauriger Nicolas Rosat –, weiterzappt zu einer Sendung über Tierrechte und die Brutalität des Schächtens. Auf einmal scheint das wandfüllende Schlachtengemälde im Fond mit den Rittern auf weissen Pferden in den Raum hineinzurufen. Und wonnig säuselts aus dem Fernseher. Ein Kaleidoskop der Herzlosigkeit, mehr zum Hingucken als zum Hinfühlen.

Blutrünstige Vampire

Ohne Herz sind auch die horváthschen Untoten, die einer nach dem anderen ihren Auftritt haben. So der Kellner, der – eigentlich – kein Kellner sein will, sondern «Kunstgewerbler»: Edmund Telgenkämpers Max spielt den Möchtegernkarrieristen derart biegsam, dass dem Zuschauer schwindlig wird. Oder der Sektvertreter mit der Früher-war-alles-besser-Leier und der kranken Kriegsgeilheit, der von Grösse träumt und sich für Niedrigkeit hergibt – mit fiebrig roten Wangen und leeren Augen: Markus Scheumann. Er will beim Hoteldirektor Geld eintreiben, vergeblich natürlich.

Auch Hans Kremers hohlwangiger, totenschädelbleicher Baron, Adas Zwillingsbruder, der sein Vermögen verzockte, wird ohne Knete abziehen. Ada selbst ist am Ende gleichfalls arm dran: «Sehnsucht» entpuppt sich als «Durst» und die gekauften Verehrer – Direktor, Kellner, Chauffeur – als falsch. Sie scharwenzeln wie blutrünstige Vampire um Christine herum, als sich zeigt, dass sie Geld hat.

«Du wolltest als Bettelkind gefreit werden, du Kitsch», wirft Strasser ihr dabei vor. «Du kannst doch nicht verlangen, dass einer, der wirtschaftlich zugrunde gerichtet wurde, sich in eine Bettelprinzessin verliebt.»

Horváth hat die Verhältnisse, die des Menschen Herz (ver)formen, exakt gekannt und nichts beschönigt. Und Frey kennt ihren Horváth genau. Trotzdem fühlt sich manches nach perfekt durchexerzierter Etüde an, springt der Funke nicht recht über. In einzelnen Szenen brilliert das Ensemble: Die harten Sprüche knallen rein, die Komik kreisst vor Pein. Aber insgesamt ist es, als ob Stück und Plot dem Rhythmusgefühl der Musikerin und ihrem sonst fabulösen Händchen fürs Nichtgreifbare irgendwie in die Quere gekommen seien. Eigentlich wär’ der Abend ganz anders, er kommt nur so selten dazu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2018, 19:12 Uhr

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