Andocken an eine andere Welt

Flucht und Migration sind schon seit einiger Zeit beliebte Themen im Theater. Was aber bedeutet es konkret, wenn Geflüchtete auf der Bühne stehen?

Das Theater erlaubt es Geflüchteten, sichtbar zu werden. Vorabbild aus dem Stück «Winterkrieg im Galgenfeld».

Das Theater erlaubt es Geflüchteten, sichtbar zu werden. Vorabbild aus dem Stück «Winterkrieg im Galgenfeld». Bild: Manuel Zingg

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Es fühlt sich an, als sei man zur Drohne geworden, der Blick geht über ganz Bern, in alle Richtungen. Wir sind im 15. Stock des ehemaligen Swisscom-Hochhauses im Galgenfeld, das derzeit von Kreativen wieder halbwegs wachgeküsst wird. Hier hat sich die Theatergruppe Vor Ort ein temporäres Hauptquartier eingerichtet. Kostüme hängen über Garderobenständern, an den Wänden kleben die Resultate von Brainstormings. «Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin», hat jemand hingekritzelt. Langspielplatten von Reggae-Sänger Peter Tosh lehnen an einer Wand.

Vor Ort, das ist jene Berner Gruppe, die abseits von Theaterbühnen spielt, ihre Stücke ganz vom Schauplatz her denkt. Letztes Jahr hat sie am Wohlensee «Moby Dick» inszeniert; das neue Stück wird ein szenischer Rundgang, der zwar im und rund ums Hochhaus stattfindet, aber eigentlich in die Tiefe zielt. In «Winterkrieg im Galgenfeld» geht es nämlich um den Ernstfall – und hinunter in die Eingeweide des Gebäudes, lose inspiriert von Dürrenmatts «Winterkrieg in Tibet». Das Publikum wird an Bunkerräumen vorbeigehen und an Fragen zu Krieg und Angst, zu Endzeit und Endlichkeit, zu Gerüstetsein und Sicherheit. Und zu dem, was man meint, wenn man von der schweizerischen «Bunkermentalität» spricht.

Diesem etwas in die Jahre gekommenen Sicherheitsdenken stellt Vor Ort eine aktuelle und ganz andere Erfahrungswelt entgegen; eine, die viele hier nur aus zweiter Hand kennen – zum Beispiel mit dem Schicksal einer Frau aus Somalia. Oder jenem eines Mannes aus dem Kongo. Von ihnen wird im Stück nicht nur die Rede sein, diese Menschen sollen ihre Geschichten auf der Bühne selber erzählen. Bei Vor Ort hat man früher schon mit Migranten und Geflüchteten zusammengearbeitet; dass sie nicht nur im Hintergrund wirken, sondern auch selber das Wort ergreifen, ist eine Premiere.

«Ich habe schon erlebt, dass eine Frau einen Tag nach der Aufführung aus­geschafft wurde»


Dominique Jann

Entwurzelte Figuren

Flüchtlinge sind zwar schon länger auf den Berner Bühnen angekommen. Allerdings nicht als Personen, sondern als Thema. Als vor drei Jahren die Zahl der Asylgesuche auch in der Schweiz zunahm, begann sich die hiesige freie Theaterszene vermehrt mit Flucht, Migration oder Heimat zu befassen. 2015 liess der Club 111 in «Hotel Kosmos» entwurzelte Figuren aufeinandertreffen; 2016 skizzierte die Gruppe Peng!Palast in «Bye Bye Babel» ein auch angesichts der Flüchtlingskrise ängstlich gewordenes Europa; bereits 2005 verglich Schauplatz International in «Château Europe. Der Super-Asylantenslam!» die Situation von Asylsuchenden mit einer Castingshow.

In den letzten Jahren sind auch die Akteure unterschiedlicher geworden, die für Berner Gruppen auf der Bühne stehen. Es traten vermehrt Schauspieler in Erscheinung, die nicht im deutschsprachigen Mitteleuropa geboren worden waren. Rar sind allerdings jene Stücke, bei denen Geflüchtete auf der Bühne stehen; und zwar nicht im Rahmen von Workshops, sondern bei Bühnenproduktionen, die weniger Sozialarbeit als vielmehr Kunst sein wollen.

Dominique Jann hat Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten. Der Schauspieler und Regisseur wirkt regelmässig beim Projekt «Integration erleben» in der Heiteren Fahne mit; seit 2016 treffen an diesen Veranstaltungen Asyl­suchende und Schweizer aufeinander, man kocht gemeinsam oder macht Ausflüge. Jann hat in diesem Rahmen Theaterworkshops geleitet, und für ein Projekt der Steinerschule hat er mit minderjährigen Flüchtlingen ein Stück entwickelt. Bei der Gruppe Vor Ort, wo der Berner zum Kernteam gehört, werden seit längerem Menschen aus verschiedensten Ländern als Helfer beschäftigt.

«Es geht uns aber nicht um billige Arbeitskräfte», sagt Jann. Jene, die interessiert seien, wolle man auch am künstlerischen Prozess teilhaben lassen. Darunter waren auch schon Leute, die früher selber kulturell tätig waren. Bei «Moby Dick» etwa machte ein Mann mit, der einst in Damaskus die Schauspielschule absolviert hatte. Für ihn war die Arbeit eine willkommene Unterbrechung des Lebens auf Stand-by, das er derzeit führt. Er schrieb nach der Dernière dem Regisseur: «Ich bin seit drei Jahren in der Schweiz und warte auf einen Bescheid. Ob ich zurückgehen muss oder bleiben kann. Ob ich hier anfangen soll zu leben. Ich warte – und die Jahre ziehen vorbei. Bei ‹Moby Dick› konnte ich endlich aufhören zu warten.»

Probe im Hochhaus mit Regisseur Dominique Jann (3.v.r.). Foto: Franziska Rothenbühler

Das Theater kann solchen Menschen eine Art von Anerkennung verschaffen, es kann sie sichtbar werden lassen und ihnen Momente der Begegnung mit Einheimischen ermöglichen. Die Gruppe Vor Ort versucht zudem, längerfristig mit den Beteiligten zu arbeiten, die geleistete Arbeit fair zu entlöhnen oder allenfalls Unterstützung bei der Kommunikation mit Ämtern, der Arbeits- oder Wohnungssuche zu leisten.

Biografien, die Haken schlagen

Einfach ist die gemeinsame Theaterarbeit aber nicht. Es gilt, was eine allfällige Anstellung angeht, gesetzliche Bestimmungen zu beachten (siehe Box). Und es gibt weitere Hürden. Die Verbindlichkeit und Verlässlichkeit etwa, die ein Bühnenprojekt verlangt, ist manchmal ein Problem. «Das muss eine Gruppe aushalten können», sagt Jann. «Meine Erfahrung zeigt aber: Wenn es drauf ankommt, lassen einen die Leute nicht im Stich.» Oft ist das Leben von Geflüchteten schlecht planbar, von Entscheidungen anderer abhängig. «Ich habe schon erlebt, dass eine Frau einen Tag nach der Aufführung ausgeschafft wurde», erzählt Jann. Oder jemand war plötzlich nicht mehr verfügbar, weil er eine Lehrstelle in einer anderen Stadt gefunden hatte. «Manchmal haben diese Leben ein Tempo, das einen staunen lässt.»

Manche der Biografien schlagen ziemlich überraschende Haken. Wie bei Jeff Nsingi Ambassi aus der Republik Kongo, der als Fussballer in die Schweiz kam, nach einer Verletzung den Sport aufgeben musste, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt und irgendwann mit dem Gesetz in Konflikt kam. Heute ist er mit einer Schweizerin verheiratet und arbeitet temporär. Jann zeichnet das Bild eines extrem lebensklugen Menschen, der die Schweiz von einer Seite kennen gelernt hat, wie sie nur den wenigsten Einheimischen bekannt ist. «‹J’adapte vite›, sagt er oft. Wenn ich mit ihm spreche, frage ich mich manchmal, ob wir im selben Land leben», so Jann.

Sich auf einer Bühne zu exponieren ist allerdings für den grössten Teil der Geflüchteten keine Option. Schon nur der Zugang zum Schweizer Alltag stellt für viele ein Problem dar, und die wenigsten bringen einen Draht zum Theater mit. Oder sie befürchten Unmut in ihrem Umfeld, wenn sie sich auf eine Bühne stellen. Darum ist die Frau aus Somalia, die in «Winterkrieg im Galgenfeld» mitspielt, zurückhaltend, wenn es um ihr Engagement für Vor Ort geht (siehe Text rechts).

Jenen aber, die sich darauf einlassen können, kann das Theater eine Plattform bieten, um ihre Geschichten zu erzählen – auch die teilweise traumatischen Erlebnisse. «Für manche kann es befreiend sein, darüber zu sprechen», sagt Dominique Jann. «In der Gruppe fällt das leichter.» Schliesslich haben Theaterschaffende von Berufs wegen eine ausgeprägte Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.

Für den grössten Teil der Geflüchteten ist es keine Option,
sich auf einer Bühne zu exponieren

Umgekehrt öffnet sich mit den Geflüchteten ein grosses Reservoir an Erfahrungen, über die hiesige Kulturschaffende nicht verfügen. Und die sie manchmal staunen lassen. Dominique Jann erzählt von einem Erlebnis während der Proben zu «Moby Dick»: «Wir haben ein Floss gebaut, und da war dieser Mann aus Pakistan, der uns dabei half und sich sehr geschickt anstellte.» Nach getaner Arbeit habe der Mann wie beiläufig erzählt, dass er auf seiner Flucht übers Meer vom Boot gefallen sei. Und sich anderthalb Tage an einem Stück Holz festgehalten habe. «Und jetzt hilft er uns ausgerechnet dabei, ein Floss zu bauen – für ein Theaterstück.»

Um solche komplett unterschiedlichen Erfahrungshorizonte aneinander zu spiegeln, steigen Jann und sein Team für «Winterkrieg im Galgenfeld» nun in den Keller. Der Schauplatz ist gut gewählt, weil er die Differenzen auf den Punkt bringt: Bei Dominique Jann ruft dieser Ort Erinnerungen an seine Jugend hervor. «Für uns war der Luftschutzkeller ein Stück Freiraum. Wir haben uns als Jugendliche dort getroffen und Partys gefeiert.» Ganz anders verhält es sich für einen Asylbewerber, der womöglich jahrelang in einer solchen Anlage gelebt hat – und damit eher Platzangst verbindet.

Der Humor hilft

Wie geht man als Theaterschaffender damit um, womöglich schmerzhafte Erinnerungen zu wecken? «Im Stück drehen wir die Situationen oft ins Komische. Humor hilft, schliesslich wollen wir auch nicht Leid ausstellen», sagt Jann. «Überhaupt ist es uns wichtig, mit den Geflüchteten möglichst viele fröhliche Momente zu teilen.» Dazu kommt, dass keine Bezüge zu konkreten tagespolitischen Ereignissen gemacht werden. «Ein palästinensischer Jordanier fragte mich einmal, ob er auf der Bühne etwas zu Assad sagen müsse. Natürlich nicht, denn wir wissen, dass viele sich nicht explizit politisch äussern möchten.»

Es verlangt also einiges an Sensibilität, mit diesem Personal Theater zu machen. Und Flexibilität. Warum stellt sich Dominique Jann mit Vor Ort trotzdem dieser Herausforderung? «Theater kann diesen Leuten helfen, an einer Welt teilzuhaben, an der sie sonst vielleicht nicht so einfach andocken können. Es bietet ihnen Raum für Entwicklung», so Jann. «Und was das Schweizer Publikum angeht: Theater ermöglicht, dass wir den Geflüchteten in die Augen schauen können. Das ist schliesslich die Grundlage für gegenseitiges Verständnis.»

Premiere von «Winterkrieg im Galgenfeld»: Donnerstag, 10. Januar, 19.30 Uhr, Ostermundigenstrasse 93. Vorstellungen bis 10. Februar. Tickets: www.vorort.be (Der Bund)

Erstellt: 05.01.2019, 08:10 Uhr

«Es braucht Leute wie mich»

Es mache immer noch ab und zu «Klick», sagt Nayruus Mohamed. So umschreibt sie die Momente, wenn die Erinnerungen an den Krieg hochkommen. «Ich habe viel gesehen, zu viel.» Sie schildert Szenen aus Mogadiscio, Somalia, wo Menschen auf der Strasse von Raketen getroffen werden.

«Eben spricht jemand noch, fünf Minuten später ist er eine leblose Puppe.» Nayruus Mohamed hat Tränen in den Augen. Den Gedanken an diese vielen unnötigen Tode ertrage sie nicht, sagt sie und steht auf, um ein Taschentuch zu holen.

«Klick» macht es manchmal auch, wenn die Frau aus Somalia Theater spielt, so wie jetzt bei der Gruppe Vor Ort. Schliesslich dreht sich «Winterkrieg im Galgenfeld» auch um Menschen wie sie, die den Krieg von nahem kennen. Aber immerhin, es gehe ja nicht um ein realitätsnahes Abbild, darum sei die Arbeit für sie nicht extrem belastend.

Im Gegenteil. «Ich war nicht vertraut mit Theater, darum finde ich es sehr interessant und lehrreich, da mitzumachen.» Und die «Klicks» kämen ja sonst auch. Etwa, wenn sie als Übersetzerin tätig sei für Menschen, die erst kürzlich geflüchtet sind.

Leben wie im Gefängnis

Nayruus Mohamed kam 2004 in die Schweiz, zusammen mit ihrem Sohn, der damals noch ein Baby war. In Somalia war sie Geschäftsfrau, die Familie handelte mit Sesamöl. Dann verschwand ihr Mann, und nachdem im Krieg weitere Familienmitglieder getötet wurden und das schützende Dach des Clans zu bröckeln begann, habe sie für sich dort keine Zukunft mehr gesehen. Mohameds Ziel war Grossbritannien; doch sie landete mit ihrem Sohn über Umwege in der Schweiz.

«Der Anfang hier war hart. Ich kannte weder die Sprache noch die Kultur. Ich durfte nicht arbeiten, nicht reisen, nicht wohnen, wo ich wollte. Bekannte, die in die USA geflüchtet waren, fragten mich am Telefon, ob ich eigentlich in einem Gefängnis lebe. Und ich fühlte mich tatsächlich so.»

Doch Nayruus Mohamed setzte sich durch. Die zurückhaltende Frau klingt plötzlich sehr entschlossen, als sie erzählt, wie sie darauf pochte zu arbeiten, wie sie einen Kita-Platz für ihr Kind fand und eine Stelle für sich. «Hätte ich den ganzen Tag zu Hause sitzen sollen und fernsehen? Ich wäre verrückt geworden.»

Heute ist sie bei einer Freikirche als Putzfrau tätig, sie macht gemeinnützige Arbeit – und sie engagiert sich im Theater. «In Somalia sangen wir in der Schule jeweils zum Nationalfeiertag. Ich mochte als Kind diese Auftritte. Doch meiner Grossmutter gefiel das nicht.»

Auch jetzt ist es für Nayruus Mohamed nicht unproblematisch, als Muslimin auf der Bühne zu stehen; sie befürchtet, dass ihr Umfeld das nicht goutiert. Darum möchte sie nicht zu prominent und nicht mit Bild in der Zeitung erscheinen. Warum aber hat sie doch eingewilligt, über ihre Geschichte zu sprechen, auch auf der Bühne?

«Mein Sohn ist zwar in Somalia geboren, aber er hat keine Ahnung, wie sich das Leben im Krieg anfühlt. Und genau deshalb braucht es Leute wie mich, die davon erzählen. Die Menschen müssen die Wahrheit erfahren.»

Was Arbeitgeber beachten müssen

Grundsätzlich können vorläufig aufgenommenen Personen (Ausweis F) oder anerkannte Flüchtlinge (Ausweise F und B) im Rahmen eines Theaterprojekts erwerbstätig sein. Der Arbeitgeber muss bei der zuständigen kantonalen Behörde Meldung erstatten, und die Entlöhnung soll orts- und branchenüblich sein, schreibt das kantonale Amt für Migration und Personenstand auf Anfrage.

Für Freiwilligenarbeit gibt es Auflagen. Sie könne bewilligt werden, «wenn diese nicht gewinnorientiert ausgerichtet, zeitlich befristet ist, es sich um einfache Mithilfe ohne komplexe Aufgabenstrukturen handelt, sie einen kulturell-integrativen Charakter aufweist und im gleichen Kontext keine vergleichbare Tätigkeit mit Entlöhnung angeboten wird».

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