Als die Briten Walfische torpedierten

Ein Stück über den Falklandkrieg eröffnet am Mittwoch das diesjährige Theaterfestival Auawirleben. Die Auseinandersetzung von 1982 ging in die Geschichte ein.

Geschichtsrekonstruktion auf vermintem Terrain: Einer der Falkland-Veteranen in «Campo Minado/Minefield».

Geschichtsrekonstruktion auf vermintem Terrain: Einer der Falkland-Veteranen in «Campo Minado/Minefield». Bild: Tristram Kenton/zvg

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Falkland? Das liegt am unteren Zipfel von Südamerika, ist etwa dreimal kleiner als die Schweiz und meistens regnerisch und kalt. Dennoch war die Inselgruppe jahrhundertelang immer wieder umkämpft. 1690 von den Engländern besetzt, kolonialisierten sie später die Franzosen, dann die Spanier, bevor die Briten spätestens ab 1833 wieder Besitzansprüche stellten. Heute gehören die Inseln geografisch zu Argentinien, politisch wurden sie dem britischen Königreich angegliedert.

So weit, so unspektakulär. Im Frühling 1982 aber trug sich auf Falkland ein Krieg zwischen Argentinien und Grossbritannien zu, der in mehrerer Hinsicht als einer der absurdesten in die Geschichtsbücher einging. Und den die argentinische Künstlerin Lola Arias in einem dokumentarischen Theaterstück beleuchtet: In «Campo Minado/Minefield», das den Auftakt zum diesjährigen Festival Auawirleben markiert, treten ehemalige Soldaten aus beiden Lagern auf und werfen einen persönlichen Blick auf die damaligen Ereignisse.

Wie im Ersten Weltkrieg

Was man bereits weiss, ist, dass es beiden Seiten gar nicht wirklich um die Falklandinseln ging. Leopoldo Galtieri, Militärherrscher und kurzzeitiger Präsident von Argentinien, wollte mit dem Krieg vielmehr von innenpolitischen Problemen ablenken. Während der Militärdiktatur herrschten in seinem Land bürgerkriegsähnliche Zustände. Und auch die britische Premierministerin Margaret Thatcher brauchte dringend Siege: Der Wirtschaft ging es schlecht, in englischen Städten kam es zu Unruhen und Streiks, und Thatchers Popularität war im Keller.

Beiden Parteien kam ein Krieg also gelegen, denn beide verfolgten das Ziel, eine gespaltene Nation durch einen gemeinsamen Feind wieder zu vereinen. Während zweieinhalb Monaten kam es daraufhin im südlichen Atlantik zu Seeschlachten und Schützengrabenkämpfen, wie man sie seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr gesehen hatte. Argentinische Generäle schickten Tausende von Soldaten ohne jegliche Kriegserfahrung an die Front, während Grossbritannien nepalesische Gurkha-Krieger rekrutierte – furchtlose Kämpfer, die ihre Gegner mit dem Krummdolch niederstrecken. Noch ist nicht vollständig überliefert, was sich damals auf den Falklandinseln zugetragen hat. Viele Dokumente über jene Zeit unterlagen bis vor wenigen Jahren der Zensur durch die britische Regierung, andere sind bis ins Jahr 2072 gesperrt. Bekannt ist aber beispielsweise, dass die Briten wegen technischer Probleme versehentlich Walfische statt gegnerische Flotten torpediert haben.

Trotzdem siegten sie letztlich über die Südamerikaner, und Margaret Thatcher gelang ein Jahr später wie erhofft die Wiederwahl. 2013, also rund dreissig Jahre nach dem Krieg, liess die Regierung der Falklandinseln über deren politische Zugehörigkeit abstimmen: 99,8 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner wollten weiterhin zum britischen Überseegebiet gehören. Seinen Anspruch auf die Inseln macht Argentinien aber bis heute geltend.

Die Veteranen treten auf

Ganz abgekühlt ist der Konflikt also noch nicht. Auch nicht für die damals Beteiligten, die nun in Lola Arias’ Stück auftreten werden. Durch die subjektiven Berichte der früheren Soldaten zeige «Campo Minado/Minefield» auf, wie Manipulation und Kriegspropaganda funktionierten, heisst es im Beschrieb zum Stück – das letzte Woche mit dem deutschen Preis der Autoren ausgezeichnet wurde. Und vielleicht kommt es ja auf der Bühne zu einer Annäherung zwischen den Veteranen. Immerhin haben sie das Gleiche erlebt – aus unterschiedlicher Perspektive.

«Campo Minado/Minefield» gastiert in der Dampfzentrale am Mittwoch, 16. Mai, um 20 Uhr (Festivaleröffnung) und am Donnerstag, 17. Mai, um 19 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2018, 07:20 Uhr

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Ganzes Programm: auawirleben.ch

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