Aderlass und geknickte Gartenschläuche

Erstaunliche Zuschauermassen strömen ins Ostermundiger Steingrüebli, wo «Chrüschbodebad» gespielt wird. Warum gehört Madame Bissegger zu den beliebtesten Bernerinnen?

  Wer bekommt wohl eins mit dem Holz auf den Kopf? Das Publikum weiss es schon, bevor es so weit ist.

Wer bekommt wohl eins mit dem Holz auf den Kopf? Das Publikum weiss es schon, bevor es so weit ist. Bild: zvg

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Das japanische Gruseltheater erfüllte an besonders heissen Sommertagen einen doppelten Zweck. Neben der Unterhaltung bot es seinen Zuschauern auch eine Abkühlung in Form von kalten Schauern, die es ihnen über den Rücken laufen liess. Das Theater Madame Bissegger greift bei seinem aktuellen Stück «Chrüschbodebad» auf andere Hitzeregulatoren zurück.

An «diesem wunderschönen Sommerabend», wie ihn Regisseur Thomas Scheidegger ankündigt, sorgen die kahlen Steinwände des Ostermundiger Steingrüebli und das exzessive Herumplantschen mit Wasser für Erfrischung. Und die ist auch besonders nötig angesichts des gar platten Humors und dem wenig differenzierten Spiel mit viel nackter Haut.

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In Ostermundigen tritt die Theatergruppe, die zuvor lange Jahre als Strassentheater unterwegs war, seit 2002 auf. Es wirkt fast ironisch, dass sie sich selbst mit «feinfühliger, hintergründiger Humor» charakterisiert. Denn da ist kein Witz zu platt, keine Zote zu einfältig, um sie dem Zuschauer nicht in aller Aufdringlichkeit vorzusetzen. Ob er aus der Pipi-Fudi-Ecke kommt oder mit überholten Geschlechterbildern zu tun hat, spielt kaum eine Rolle – die Lacher kommen wie aus der Pistole geschossen.

Wenn sich jemand versehentlich auf eine Katze setzt, wird losgeprustet, als hätten die meisten genau auf solche Schenkelklopfer gewartet. Aderlasse und geknickte Gartenschläuche verursachen ungehaltenes Gekicher, und für unfreiwillige Kopulationsbewegungen kann da schon mal Szenenapplaus ausbrechen.

Über sexuell anrüchigen Humor wird nicht beschämt geschmunzelt, sondern frei herausgelacht, wie es sich im geschlossenen Saal vermutlich wenige trauen würden. Während anderswo künstlerisch tief gegraben wird, um eine Handvoll Zuschauer anzulocken, füllt Madame Bissegger locker ihre 60 Vorstellungen in einem Sommer, das sind 30'000 verkaufte Karten.

«Dass keiner kommt, habe ich nie Angst», sagt Scheidegger. Zogen die ersten Aufführungen im Steinbruch vor über zehn Jahren knapp 30 Leute an, kann er sich seit einigen Jahren auf rege Publikums­ströme verlassen, ohne übermässig Werbung betreiben zu müssen.

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Den Stammgästen im Steinbruch scheint es zweitrangig zu sein, was genau gezeigt wird. Ihre Gespräche nach der Vorstellung drehen sich häufig um den Vergleich zum Vorjahr. Auch wenn die aktuelle Produktion weniger gefällt, ist für die meisten klar, dass sie das nächstes Jahr wiederkommen werden.

Scheidegger macht es sich aber nicht eben leicht. Seit Februar hat er zusammen mit Bühnenbildner Jann Messerli und den fünf Schauspielern an der multifunktionalen Kulisse gebastelt. Über die Schienen fahren nun Wag­gons, es fliegen brennende Zündschnüre, Badewannen werden durch die Luft gehievt und Verwirrspiele getrieben. Gegenstände führen gespenstische Eigenleben, und die Kulisse des Emmentaler Bauernhauses lässt sich durch Wegschieben der Vorderwand in eine Therme verwandeln. In ihrer Rolle als Bühnentechniker fühlen sich die Schauspieler mindestens so wohl wie auf der Bühne.

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Sie überzeugen eher durch Artistik, Timing und Ausdauer als durch schauspielerische Finesse und kommen vornehmlich aus der Clownerie, der Stand-up-Comedy oder dem Tanztheater. Die Improvisationen während der Proben und das raffinierte Bühnenbild waren die Ausgangspunkte für die gemeinsame Stückentwicklung. Folglich wirkt die Handlung übergestülpt und gesucht.

Eine blonde Frau kommt – wie Gulliver zu den Liliputanern – in das Chrüschbodebad, bringt die dortigen Verhältnisse durcheinander und verdreht erst dem einen, dann dem anderen den Kopf, bis zum Schluss gleich doppelt geheiratet wird. Die Geschichte, auf die vielleicht besser zugunsten eines konsequenten Variétés verzichtet worden wäre, erklärt auf jeden Fall nicht den Erfolg der Aufführung.

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Worauf beruht er dann? Auf der jahrelangen Arbeit der Gruppe und auf den Weiterempfehlungen, die die Truppe weit über die kantonalen Grenzen bekannt gemacht haben? Wie die meisten Freilichttheater wird ein Gesamterlebnis inklusive Verköstigung am eindrücklichen Schauplatz geboten, zu welchem sich Familien und Freunde verabreden wie zu einem Festanlass.

In dieser Hinsicht, aber auch nur in dieser, hat die Aufführung weit mehr mit dem antiken Theater zu tun als die meisten Stadttheaterinszenierungen von griechischen Tragödien.

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Die wohl plausibelste Erklärung für den Erfolg liefert wohl Scheidegger selber, wenn er betont, dass er «die Zuschauer zu Kindern machen» will. «Chrüschbodebad» kann nämlich beinahe mit dem Besuch eines Erlebnisparks mithalten. Im Steinbruch spritzt das Wasser fast bis zur ersten Reihe, und die trickreiche Artistik verblüfft immer wieder aufs Neue. In den Publikumsreihen wird besserwisserisch kommentiert, was gleich passieren wird, und einzelne Zuschauer erheben sich sogar, um ja alles sehen zu können, was zu einer ziemlich respektlosen Distanzierung vom Bühnengeschehen führt.

Das, was als Theaterstück angekündigt ist, wird dadurch eher zu einem Trickfilm: mit passablen Streichen, aber wenig Handlung. Die Bissegger-Gemeinde lässt sich damit bestens unterhalten. Manchmal schimmert auch eine Aussage durch, und wenn es nur ein Bekenntnis zu kindlicher Freude ist. Spätestens, wenn die kostümierten Darsteller sich im Anschluss an die Vorstellung unter die Menge mischen, weht ein Hauch von Disneyland durchs Steingrüebli.

Bis 19. September. www.madamebissegger.ch (Der Bund)

Erstellt: 18.07.2015, 13:56 Uhr

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