Wenn die Gräfin in die 
Südsee abdampft

«Söue säuber luege, die huere Thuner Habasche»: Die Schlossspiele Thun zeigen zur Feier des 750-jährigen Stadtrechtes Matto Kämpfs Stück «Wir sind frei».

Im Bild: Die gelangweilte Gräfin und der ?psychopathische Knorrli.

Im Bild: Die gelangweilte Gräfin und der ?psychopathische Knorrli. Bild: zvg

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Die Stadt Thun hat Grund zum Feiern: Es ist genau 750 Jahre her, dass Gräfin Elisabeth von Kyburg ihr die Stadtrechte erteilt hat. Entsprechend haben die Schlossspiele Thun den Berner Schriftsteller Matto Kämpf beauftragt, er solle doch ein Theaterstück zu diesem Thema verfassen. Das tat er auch. Und wie.

«Wir sind frei» wird zurzeit unter der Regie von Luzius Engel als Stationen-­Theater rund um das Schloss Thun aufgeführt. Das Mittelalter solle dabei einmal von einer anderen Seite gezeigt werden, verspricht die einleitende Ansage und fürwahr, was der Kämpf aus dem Stoff gemacht hat, hat herzlich wenig mit historischen Fakten zu tun, ist dafür aber ein Stück Laientheater geworden, das dank närrischem Haudrauf-Humor, skurrilen Figuren, kruden Witzen und tollen Wortspielereien Freude bereitet.

Stock, Stein und Schlosstreppe

Das Mittelalter war offenbar vor allem ­eines: langweilig. Entsprechend packt Gräfin Elisabeth von Kyburg kurzerhand ihre Koffer und verdampft in die Karibik, wo sie gedenkt, eine Strandbar zu eröffnen. Den zurückbleibenden Thunern erteilt sie die Freiheit: «Söue säuber luege, die huere Thuner Habasche.» «Wir sind so frei» zeigt, wie die unterschiedlichen Stände in der Folge mit der neu gewonnen Freiheit umgehen und welche Problematik diese mit sich bringt.

Die ungefähr ein Kilometer lange Route des Stationen-Theaters sei nicht für gehbehinderte Personen geeignet, erklären die Veranstalter auf ihrer Homepage. Ist sie fürwahr nicht. Über Stock und Stein, verschlungene Pfade mit vielen Nacktschnecken, Schlosstreppen, durch die obere Hauptgasse und entlang der Burgstrasse führt die Spiel-Route, wobei unterwegs kurze Episoden gegeben werden, bei denen die Umgebung stimmig miteinbezogen wird.

Kämpfs Stück lebt dabei vor allem auch von den einzelnen, mit viel überbordender Fantasie gestalteten Charakteren. Da wäre allen voran die wunderbar gelangweilte und selbstverliebte Gräfin Lisi (Tina Straubhaar) und ihr Hofnarr Knorrli (Markus Wey), der nicht nur himmeltraurig schlecht Flöte spielt, sondern auch einen psychopathisch-pyromanischen Hang offenbart. Der ständig besoffene Tod (Vithusa Vincen Raj) findet töten «todeasy» und im Henker (Thomas Boss) steckt eigentlich ein poetischer Vegetarier.

«So ä Seich»

Kurzweilig ist auch, wie Kämpf die Spiel­ebene immer wieder durchbricht – so schimpfen die Figuren auf die Dramaturgie des Stücks oder beklagen den Fusel, den man ihnen zu trinken gibt. Einige Charaktere wie z.B. der Ritter Rost (Andreas Anderegg) werden gleich zu Beginn des Stückes umgebracht («em Ritter geits schitter»), um zu späterem Zeitpunkt doch wieder ins Geschehen einzugreifen. Und wie Kämpf seine drei jugendlichen Kiffer, die doch eigentlich das Schloss besetzen wollten («033 drufspraye»), zu Securitas-Rekruten werden lässt, die im Gleichschritt durch die Gegend joggen, ist wunderbarst skurril.

«So ä Seich» beurteilt eine Figur denn auch das närrische Treiben in «Wir sind frei.» Tatsächlich hat Kämpf in seinem Stück nicht verbergen können, dass da (gar nicht mal so) tief in ihm ein grosser Bub mit Affinität zu Kasperlitheater, Überdrehtem und Absurdem schlummert. Zum Glück auch nicht.

«Wir sind frei» wird noch bis zum 
13. September auf dem Thuner Schlossberg gezeigt. Infos: www.schlossspielethun.ch (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2014, 11:28 Uhr

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