«Theater machen bedeutet unruhig bleiben»

Interview

Barbara Webers Begeisterung für das Neumarkt-Theater hat sich in fünf Jahren als Co-Leiterin nur vergrössert – gegen dessen Niedlichkeit müsse man aber stets ansteuern.

«Gegen Endproben ist Babybetreuung ein Klacks.» Barbara Weber in den Kulissen von «Elegante Nichtigkeit».

«Gegen Endproben ist Babybetreuung ein Klacks.» Barbara Weber in den Kulissen von «Elegante Nichtigkeit».

(Bild: Dominique Meienberg)

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Am 16. Juni kommt Ihre letzte Neumarkt-Premiere auf die Bühne. Wie fühlt sich das an?
Im Endprobenstress bleiben Abschiedstränchen aussen vor. Überhaupt Endproben: Dagegen ist die Babybetreuung ja ein Klacks. Die Stillhormone sind allerdings mit den Probenhormonen so gar nicht kompatibel, wie ich jetzt feststellen konnte. Das ist schon heftig. Aber ich gebe zu, dass wir jetzt gehen, kommt für alle einen Tick zu früh.

Man hatte Rafael Sanchez und Ihnen angeboten, das Haus sechs Jahre zu leiten. Stimmt. Aber zum Zeitpunkt dieses Angebots, in unserem zweiten Jahr, wussten wir nicht, wie sich alles entwickelt. Jetzt hätte ich tatsächlich noch ein paar Projekte in der Hinterhand. Und meine Begeisterung für dieses Haus hat sich nicht nur gehalten, sondern potenziert.

Was ist denn am Neumarkt so toll? Dass wir menschlich so weit gekommen sind. Dass man hier so weit kommen kann! Ich beobachte an den grossen Ensemblehäusern überall zunehmend den Verlust der Gemeinsamkeit. Es gibt keine ideellen Ensembles mehr, sondern nur auseinanderstrebende Einzelenergien: Schauspieler, die für Stücke und Rollen «eingeteilt» werden, Regisseure, die ein- und ausgeflogen werden. Der Theatergeist schrumpft zum Theaterbetrieb, besonders seit der Spardruck viel Angst in die Häuser gebracht hat. Eine Ausnahme im Sinne der künstlerischen Zusammengehörigkeit ist vielleicht Armin Petras’ Maxim-Gorki-Theater in Berlin; aber Petras geht ja jetzt auch und wird Intendant in Stuttgart. Hier am Theater Neumarkt lief das für uns anders: Wir waren eine eingeschworene Truppe. So kann dann auch künstlerisch mehr gelingen. Ich werde sicher bald eine neue Gruppe gründen.

Eine Gruppe mit wem? Mit meinen üblichen Verdächtigen ebenso wie mit Leuten aus Athen oder Berlin. Ich stelle mir da eine Art offene Beziehung vor.

Ist diese freie Form produktiver? Sehen Sie nach fünf Jahren Neumarkt mehr Innovation in der freien Szene als in der Institution? Das würde ich so nicht sagen. Und ich finde es gut, dass die Grenzen aufgehoben werden. Tomas Schweigen arbeitet mit seinen Far-a-Day-Cage-Leuten am Theater Basel, Lola Arias’ Sachen sieht man an den Wiener Festwochen oder am HAU Berlin genauso wie am Stadttheater Bern. Theater machen bedeutet einfach: unruhig bleiben. Egal, ob man am Schauspielhaus ist oder in der freien Szene. Es bedeutet offen bleiben, nicht zu gemütlich werden. Sein Ding durchziehen, auch wenn es manchmal schwierig wird. Genau das ist auch der Haken am Neumarkt.

Gibt es einen Haken am Neumarkt? Haken ist zu dramatisch ausgedrückt. Aber man läuft Gefahr, sich lähmen zu lassen. Es ist alles so niedlich. Die Häuserzeile am Rindermarkt, das hübsche Theater im 1. Stock. Alles denkmalgeschützt, und drunter ist ein Restaurant: Das ist kein Katalysator fürs Wildsein. Da muss man innerlich ein wenig gegensteuern: Das wäre mein Tipp an unsere Nachfolger. Nicht brav sein, immer wieder etwas Neues wagen. Ich finde es beispielsweise super, jetzt zum Abschluss noch eine komplett neue Form mit Liveorchester und klassischer Musik auszuprobieren.

Wie kommt es denn, dass Zürichs «Unplugged»-Regie-Ikone bei Wagner-Liedern landet? Ich wollte mit dem Festspielthema kreativ umgehen. Der Abend darf auf keinen Fall pompös, also «wagnerianisch», daherkommen; die Urfassung war ja auch nur mit einer Stimme und Klavier. Ich strebe schon ein Gesamtkunstwerk an – aber eins mit einer Art jelinekschem Duktus: also keinen belanglosen Kostümschinken in der Villa Wesendonck, sondern eine Soiree, in der die Bediensteten wie Untote in ihren Textschleifen gefangen sind und gefesselt an den realen Ort. Die Zuschauer sind dabei Statisten in der Szenerie des Gartens. Und es geht nicht nur um das historische, prominente Dreieck des Begehrens – die Hauptfiguren der Geschichte tauchen in «Elegante Nichtigkeit» gar nicht auf –, sondern um ein sehr gegenwärtiges Erlebnis der Verschiebung und des Wartens. Auch das kann man mit Wagner machen, denke ich.

Sie gehen bald als freie Regisseurin an feste Häuser, in Basel, Wien oder München. Wohin geht Ihr Theater? Auch diese letzte Saison hat mir gezeigt, dass das gesellschaftlich relevante Theater für mich entscheidend ist. Da hatten wir etwa die drei Doktheater-Arbeiten zur Schweiz, und Milo Rau machte seinen Zürcher Prozess. Recherchestücke können unter Umständen den Nerv besser – und schmerzhafter – treffen als die tausendste Klassikerinszenierung, selbst wenn diese frech gemacht ist. Dramenliteratur nachzuerzählen, wird für mich immer fragwürdiger; immer musealer. Meine andere Entdeckung gerade jetzt ist das Musiktheater.

Warum inszenieren Sie dann Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» in Basel oder in München Heinrich Manns «Jagd nach Liebe»? Aus diesen Romanen kann man viel herausholen. Das ist eben keine genuine Dramenliteratur. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an Johan Simons, der in Zürich aus einem zeitgenössischen Roman eine hochdramatische Soiree herausgearbeitet hat: aus Michel Houellebecqs «Elementarteilchen». Meiner Meinung nach muss man als Theatermacherin die richtigen Stoffe finden, egal, in welcher Form sie daherkommen.

Zum Stoff von heute zählen ja die Verarmung der Gesellschaft, das kollektive Burn-out. Haben Sie selbst Angst vor dem Existenzkampf? Komischerweise nein. Ich mochte die sesshafte Zeit hier in Zürich – und jetzt freue ich mich auf eine Zeit, die weniger sesshaft ist, und natürlich auf die Zeit mit meiner Tochter. Vielleicht ist das ja das Toggenburger Urvertrauen?

Tages-Anzeiger

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