Zum Hauptinhalt springen

Tanzen in Bibliotheken

«Wahrheit-Kolumnistin» Céline Graf über die von Regula Rytz unfreiwillig aufgeworfene Frage: Buchladen oder Bibliothek? Oder doch beides?

Der Satz fiel gegen Schluss, eher nebenbei, wäre leicht zu überlesen gewesen. Aber er prangte im Titel: «Ich kaufe kaum Bücher, sondern gehe in Bibliotheken.» Und so empörte er weitherum, der Satz der Grünen-Chefin Regula Rytz in einem Interview, das Ende Oktober unter anderem in dieser Zeitung erschien. Nach dem Glanz der Nationalratswahlen gab es nun Zorn und Schmach.

Vor allem die Literaturszene riss es jäh aus ihrer allherbstlichen Selbstreflexion über den Schweizer Buchpreis. Alain Claude Sulzer, einer der Nominierten, grollte in der «SonntagsZeitung»: «Geiz ist grün!» Er warnte vor einem «Diktat der ökologischen Observanz», wo alle in einer «leeren Wohnung» (wie Rytz) statt eines «Bücherbergs» (wie Sulzer) leben müssten.

Die Wut der einen war die Enttäuschung der anderen. «Liebe Frau Rytz», schrieb «Magazin»-Kolumnist und Autor Max Küng, «als ich dies las, da wurde ich traurig. Das ist natürlich ein Schlag in die Magengrube (oder gar tiefer) all jener, die ihr Geld mit dem Schreiben von Büchern verdienen.»

Die Buchhändlerin und Parteikollegin Vera Wenger versuchte in der «Berner Zeitung» zu besänftigen. Rytz habe gesagt, sie kaufe kaum Bücher, nicht gar keine. Auch glaube sie dem Gerücht, dass Historikerin Rytz eine grosse Hausbibliothek habe. Es half nichts. Rytz wurde nicht Ständerätin. Und Sulzer erhielt nicht den Schweizer Buchpreis.

Diese Frage sollte nicht sparsamen Politikerinnen oder beleidigten Autoren überlassen werden.

Doch Wahlkampf beiseite. Die Gretchenfrage, ob man Bücher lieber kauft oder ausleiht, sollte nicht sparsamen Politikerinnen und beleidigten Autoren überlassen werden. Denn ob man Käufer oder Ausleiher ist (oder gar beides zu sein wagt), hat mehr Gründe als Geld oder Klima. Das sieht, wer Lesermeinungen zu den erwähnten Artikeln konsultiert. Oder auch, wer eine unverfängliche Umfrage im Freundeskreis macht. Hier die Antworten:

«In meiner Stadt gibt es eine Biblio, in der ich bis 22 Uhr rumlungern kann. Ich liebs! Ich leihe oft bis zu 12 Bücher pro Monat aus und lese dann davon höchstens 3 durch. Bibliotheken: der Ort, wo du die grosse Liebe findest, wo sich Hinz und Kunz treffen, wo dir die Mahngebühren erlassen werden, weil dich alle schon kennen. Der Ort, wohin du vor manischen Mitbewohnern fliehen kannst, wo du neue Freunde findest, wo du Ruhe hast, aber auch tanzen kannst (ja, auch schon gemacht), wo meins auch deins ist.»

«Ich shoppe Bücher, weil dann kann ich sie ohne schlechtes Gewissen schlecht behandeln, wenn ich sie mitnehme.»

«Kaufen, damit ich dann damit posen kann. Und dann darf ich sie in die Badewanne fallen lassen. Denn sie müssen gelesen aussehen.»

Bücher besitzen ist geil.

«Ich finde den Blick der Bibliothekarin unangenehm, der bei einem Betrag ab 1.50 Fr. sagt, du hast dein Leben nicht unter Kontrolle. Ich kaufe Bücher oder leihe sie von meiner Schwester, Mitbewohnerin usw. aus. Das sind dann Dauerleihgaben.»

«Bücher besitzen ist geil. Ich nutze Bücher oft als Nachschlagewerke, weswegen ich bei der Lektüre oft Dinge markiere oder kommentiere.»

«Kaufen: Was mir richtig gut gefällt, falls ich es noch öfters lesen will, oder um es anderen auszuleihen. Und Fachliteratur für die Arbeit. Ausleihen: Wenn mir ein Autor gefällt und ich noch mehr von ihm lesen will, ohne sicher zu sein, ob mir sein restliches Werk gefällt. Und meine Bibliothek ist in Pyjama-Distanz.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch