Tagein, tagaus dieselben Fragen

Ein vergesslicher Vater, ein einsamer Sonnenblumenkern und ein Orgasmus in drei Sprachen: Am Berner Hörfestival Sonohr gibt es Vielfältiges für die Ohren.

On Air B&B ist ein virtuelles Hotel für zeitgenössische Dramaturgie. Hier finden die Hörer auf jeder Etage ein anderes literarisches Genre.

On Air B&B ist ein virtuelles Hotel für zeitgenössische Dramaturgie. Hier finden die Hörer auf jeder Etage ein anderes literarisches Genre. Bild: zvg

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«Mama kommt heute Abend nach Hause, richtig?» «Nein, sie kommt am Sonntag zurück.» «Sonntag, richtig . . . und heute ist Freitag.» «Nein Vater, heute ist Dienstag.» «Natürlich ist es das, Dienstag, und sie kommt am Sonntag zurück.» «Ja.» «Das ist . . .» «Was?» «Das ist morgen.» «Nein Vater, das ist in sechs Tagen.»

Ja, es ist Dienstag. Und seit mittlerweile zwei Wochen kümmert sich der 52-jährige Uniprofessor Ray um seinen an Demenz leidenden Vater. Seine Mutter ist nicht zu Hause. Sie erholt sich gerade von einer Operation, bei welcher man ihr einen Tumor in der Lunge entfernt hat. Das – und eigentlich auch alles andere – vergisst der Vater immer wieder und stellt Ray damit auf eine Geduldsprobe. Tagein, tagaus dieselben Fragen. So auch an diesem Dienstag. Die Dialoge zwischen Vater und Sohn erinnern an einen zähen Pingpongmatch, bei dem die Spieler immer wieder von vorne zu zählen beginnen. Das Hörstück «Minutes of an Extended Departure» zelebriert dieses Spiel auf tragikomische Weise und zeigt, wie komplex der Umgang mit demenzkranken Menschen sein kann.

Ein Bijou fürs Ohr

Produziert wurde das Hörspiel in englischer Sprache von der Berner Non-Profit-Theatergruppe The Caretakers; keine Theatergruppe im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr ein Netzwerk mit Projektcharakter, welches seinen Mitgliedern den finanziellen Rahmen, die personellen Ressourcen und die Plattform bietet, ihre Ideen umzusetzen. Die Kunstform des Hörspiels war für die Bühnenkünstler von The Caretakers jedoch ein Novum, bisher konzentrierten sie sich in erster Linie auf die experimentelle Umsetzung englischsprachiger Theaterstücke. Auch Budget hatte die vierköpfige Produktionscrew keines. Das tut dem Werk aber keinen Abbruch. Im Gegenteil: «Minutes of an Extended Departure» ist ein Bijou fürs Ohr. Insbesondere das hochstilisierte, quälend lange Hin und Her zwischen Vater und Sohn hinterlässt beim Hörer eine nachdenkliche Stille, eine Geräuschlosigkeit wie nach der Durchfahrt eines Zuges: diffus und unfassbar.

Die Nominierung für einen der vier Preise beim Sonohr-Wettbewerb überrascht also keineswegs. Vergeben tut die Jury nebst der Auszeichnung für ein besonders herausragendes Hörerlebnis einen Fiction- und einen Non-Fiction-Preis. Die vierte Ehrung übernimmt das Publikum. Mit 19 nominierten Hörbeiträgen herrscht im Hauptwettbewerb ziemlich Konkurrenz. Die Vielfalt wird dabei auch bei der siebten Ausgabe des Berner Hörfestivals hochgehalten. Am Wettbewerb nehmen nicht nur deutsche Audioproduktionen teil, sondern auch solche in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache. Was überrascht: Nebst «Minutes of an Extended Departure» sind zwei weitere Berner Produktionen nicht auf Deutsch. In der Reportage «Una rivoluzione a ritmo hip hop» veranschaulicht Stefania Summermatter, warum Hip-Hop in Senegal mehr ist als nur eine Art, Musik zu machen; und in der Collage «La Terra Promessa» von Nora Ringgenberg umspielen Wasserklänge Interviewfragmente. Wettbewerb für Kurzgeschichten

Nebst dem Hauptwettbewerb wird in diesem Jahr erstmals auch ein separater Wettbewerb für kürzere Hörstücke bis zu einer Länge von drei Minuten durchgeführt. «Damit würdigen wir die Arbeit von Audioschaffenden, welche bei Privatradios tätig sind», sagt Festivalmitgründerin Cheyenne Mackay. Häufig hätten Audioschaffende bei Privatradios nämlich gar nicht die Möglichkeit, längere Audioprojekte zu realisieren. «Mit diesem Preis zeigen wir, dass auch kürzere Radiobeiträge spannend und kreativ sein können», so Mackay. Insgesamt zwölf solcher Kurzbeiträge werden an diesem Wochenende in der neuen Wettbewerbskategorie «Flashstory» zu hören sein, darunter auch vier lokale Produktionen. Eine davon – und die wahrscheinlich kurioseste von allen – ist die Kurzgeschichte der Vorjahressiegerin des Fiction-Preises Christina Baron. Star ihres Hörspiels «Kernspaltung» ist ein Sonnenblumenkern auf einem Brot. Weil der Sonnenblumenkern mit dem Brot zusammen gebacken wurde, ist er dunkler als die anderen Sonnenblumenkerne. Ein Umstand, der in einer schmuddligen WG für Verwirrung sorgt.

Virtuelles Bed and Breakfast

Zur Sache geht es bei Sonohr aber nicht nur bei den Wettbewerben, sondern auch im stattlichen Rahmenprogramm (siehe Sideline). Da ist zum Beispiel Mina, die Hauptfigur des Hörspiels «Die Nymphe vom Fluss». Um ihre krankhafte erotische Besessenheit zu zügeln, ist sie von der Stadt aufs Land gezogen. Geholfen hats nicht. Ihrem Therapeuten erzählt Mina nämlich, wie sie bei ihren Ausflügen in der Wildnis eine Glaubensgemeinschaft mit promisker Lebensweise kennen gelernt hat. Ihre Mitglieder leben in der Nähe eines eingeschlagenen Meteoriten, weil sie glauben, er bewirke Übersinnliches. Dem Banne der Waldmenschen kann Mina nicht widerstehen, der Start einer aufregenden und gefährlichen Reise.

Produziert wurde das erotische Hörspiel von der Mailänderin Magdalena Barile in drei Sprachversionen – inklusive Orgasmen auf Italienisch, Französisch und Deutsch. Entstanden ist «Die Nymphe vom Fluss» im Rahmen des Hörspiel-Projekts On Air B&B, eine digitale Audioplattform als eine Art virtuelles Bed and Breakfast. Auf jeder Etage ist ein anderes literarisches Genre zu finden.

Wer sich nun bei der schieren Vielfalt des Sonohr-Hörfestivals überfordert fühlt, kann sich vor Ort radiophonologisch beraten lassen. Wie beim Termin mit einem Psychologen setzt man sich dort auf ein Sofa, beantwortet einige Fragen und bekommt dann mitgeteilt, welche Programmpunkte man auf keinen Fall verpassen sollte. (Der Bund)

Erstellt: 20.02.2017, 09:27 Uhr

Sonohr – das Programm

Das Thema der siebten Ausgabe des Berner Hörfestivals Sonohr ist Radio Reloaded. Die Veranstalter gehen vom Fr, 17., bis So, 19. 2. im Kino Rex der Frage nach, wie die Zukunft von Hörspielen und Features aussehen könnte. Dabei im Fokus: Podcasts. Ihr Potenzial in Europa wird am Samstag, 18. 2., um 19.15 Uhr in einer Panel-Diskussion thematisiert. Mit dabei ist unter anderem Jonathan Mitchell, ein Podcast-Guru aus den USA. Eröffnet wird das Festival am Freitag um 18.45 Uhr mit der Präsentation des Telefonhörspiels «Operation Data Saugus Rex» und anderen Radio-Innovationen. Nach der Panel-Diskussion am Samstag steht unter anderem ein Podcast-Marathon auf dem Programm. Die Wettbewerbsstücke sind am Freitag ab 20.45 Uhr, am Samstag ab 15 Uhr und am Sonntag ab 14 Uhr zu hören. Die Preisverleihung findet am Sonntag um 20 Uhr statt.

Das ganze Programm gibts unter ?www.sonohr.ch. (gg)

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