So berichtet SRF über Kultur

Eine Aufstellung über die Kultursendungen zeigt, wie die Kunstsparten gewichtet werden. Und welch zentrale Rolle die Radiosender bei der Vermittlung von Kultur spielen.

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Die Zahlen

«Die SRG trägt bei zur Stärkung der kulturellen Werte des Landes» – so steht es in der SRG-Konzession. Um dem Auftrag nachzukommen, gibt es beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) die Abteilung Kultur. Sie verwaltet ein Gesamtbudget von rund 80 Millionen Franken, verfügt über 220 Vollzeitstellen und gestaltet 750'000 Sendeminuten pro Jahr, die Wiederholungen einberechnet. Rund 20 Millionen Franken entfallen auf Eigenproduktionen, etwa die Serien «Bestatter» oder «Wilder». Dabei geht es zum einen um Geld, das SRF direkt in Filmproduktionen steckt, und zum anderen um Mittel, die aus dem Fördertopf der SRG kommen, mit dem auch Kinofilme wie «Heidi» mitfinanziert werden.

Einen grossen Teil von SRF Kultur macht das ganze Dokumentarfilmangebot aus. Zur Abteilung gehören auch die Wissenschaftsredaktion von Radio und Fernsehen («Einstein») sowie die Website SRF.ch/kultur und die Sendung «Kulturplatz», die pro Jahr 3 Millionen Franken kostet und auf 13'000 Sendeminuten kommt. Auch «Echo der Zeit» oder die «Tagesschau» senden immer wieder Beiträge zu Kulturthemen. Von den Gesamtkosten SRF Kultur lassen sich rund 16 Millionen Franken auf die Berichterstattung nach einzelnen Kultursparten aufschlüsseln. Wir haben uns also gefragt: Wenn SRF über Kultur berichtet, welcher Kunstsparte misst es mehr Bedeutung zu, welcher weniger?

Erstmals lassen sich so Kosten, Stellen und Sendeminuten der SRF-Kultursendungen pro Kunstgattung ausweisen. Die Auszählung macht deutlich, welch bedeutende Rolle die Radiosender bei der Vermittlung von Kultur spielen.

4,2 Millionen Franken gibt SRF für die Redaktion von Hörspielen aus. Ebenfalls gewichtig ist die Fachredaktion Musik, die Sendungen wie die Hitparade gestaltet, aber ebenso das Musiktagesprogramm zusammenstellt. Auch klassische Musik, die ihre Heimat vor allem bei Radio SRF 2 Kultur hat, macht einen bedeutsamen Teil des Budgets aus. Die Berichterstattung über Kunst und Film hingegen fällt weniger ins Gewicht. Für die Kunst reserviert SRF die Sendung «Sternstunde Kunst»; Filmkritik findet vor allem im Radio und im Netz statt, in hohem Masse während Festivals wie Locarno oder Solothurn. Der Filmpodcast ist sehr gut gemacht, eine relevante Kinosendung im Fernsehen gibt es allerdings nicht mehr.

Im Folgenden erklären wir näher, was die SRF-Berichterstattung zu Pop/Volksmusik, Literatur, Hörspiel und Klassik ausmacht.

Pascal Blum

Pop/Volksmusik

«Ohne die SRG ist nicht mehr viel los in der Schweizer Musikszene», sagte DJ Antoine jüngst dieser Zeitung. Er gehört neben Züri West, Oesch’s die Dritten und Luca Hänni zu den prominentesten Namen auf einer Liste von Musikschaffenden, die sich jüngst gegen die No-Billag-Initiative ausgesprochen haben. Diese seltene Verschränkung von Indie und Mainstream, von Volksmusik und Jazz legt nahe: Es geht auch um die Existenz des Schweizer Musikschaffens, das ohne die Radiostationen seine grösste Plattform verlieren würde.

Wie unterstützt die SRG die Musiker dieses Landes genau? Da sind etwa die rund 17,7 Millionen Franken an Tantiemen, die dank dem Musikprogramm von der Urheberrechtsgesellschaft Suisa an Schweizer Musiker aus den Sparten Pop, Jazz und Volksmusik ausbezahlt werden. Dabei belaufen sich die Kosten für die Fachredaktion Musik, die für das gesamte Musikprogramm der Radiosender SRF 1, SRF 3 und Virus verantwortlich ist, auf 4,1 Millionen Franken.

Die Fachredaktion Musik legt neben Musikformaten wie «Bestseller auf dem Plattenteller», «Sounds!» oder dem Rock- und CH-Special auch das Tagesprogramm fest. Dieses redaktionell zusammengestellte «Grundrauschen» geht dann aber weit über die 150'000 Sendeminuten aus der Grafik hinaus. Jazz wird mit drei Vollzeitstellen und verschiedenen Formaten auf Radio SRF 2 Kultur abgedeckt, was 800'000 Franken umfasst.

Radio SRF Musikwelle, die Station für die Volksmusik, kostet jährlich 2,3 Millionen Franken. SRF rechnet die Musikwelle intern nicht zur Abteilung Kultur, der Übersicht halber sind ihre Gefässe trotzdem Teil unserer Grafik. Die Kosten der Musikwelle beinhalten auch TV-Sendungen wie «Potzmusig» oder Livekisten wie «Viva Volksmusik». Im Popbereich werden Formate wie «Songmates» im Rahmen der «Sternstunde Musik» gesendet.

Finanziell unterstützt SRF weder Künstler noch Veranstalter direkt, sondern setzt auf Medienpartnerschaften, ermöglicht Liveübertragungen und Mitschnitte von Popfestivals oder Jazzkonzerten. Auch Musikschaffende, die nicht auf den SRG-Stationen arbeiten, sprechen sich gegen No Billag aus. Die Initiative bedroht nämlich auch diverse Lokalsender, die experimenteller oder spezialisierter programmieren als beispielsweise Radio SRF 3.

Benedikt Sartorius

Literatur

15'000 Minuten im Jahr über Bücher, Autoren und das literarische Leben: Das sind 250 Stunden oder täglich 41 Minuten. So viel bietet kein anderes Medium, und sollte SRF zerschlagen und teilprivatisiert bzw. pay-tvisiert werden, wird wenig bis nichts übrig bleiben. Aus Quantität ergibt sich, wenn 11 Literaturredaktoren ihrer Leidenschaft nachgehen, auch Qualität – über die sich im Einzelfall, und das ist gut so, auch streiten lässt. Auch darüber, ob die SRF-Literaturredaktion aus ihren Sendungen unbedingt Texte generieren muss, die an Literaturkritiken erinnern.

Literatur findet bei SRF in vielen Sendungen statt, gelegentlich in «Kultur aktuell», «Kontext» oder «Kulturplatz». Vor allem aber in drei wöchentlich wiederkehrenden Radioformaten: der Mundartsendung «Schnabelweid» (SRF 1), den «Buchzeichen» (ebenfalls SRF, ebenfalls in Mundart, was zu aparten sprachlichen Zusammenstössen mit der besprochenen hochdeutschen Literatur führt) und «52 beste Bücher» (SRF 2). Letztere bietet vertiefte Einblicke in die neueste Literatur, Gängiges wie Abseitiges, in Gespräch und Textauszug, eine Wohltat für Hörer, die sich noch konzentrieren können und wollen.

Am meisten öffentliche Aufmerksamkeit erntet aber immer noch der «Literaturclub» (Fernsehen, neunmal im Jahr). Hier bin ich befangen, weil Mitglied der Kritikerrunde. In wechselnder Zusammensetzung wird 75 Minuten lang teils höflich, teils heftig gestritten, oft mit Erkenntniswert, und sei es, dass man Bücher mit dem Kopf oder auch aus dem Bauch heraus beurteilen kann. Manchmal produziert der «Literaturclub» ungewollt gar einen kleinen Skandal wie bei der schon legendären Heidegger-Heidenreich-Zweifel-Kontroverse.

Martin Ebel

Hörspiel

«Guten Tag in der humangenetischen Beratungsstelle», sagt die Frauenstimme und bereitet den Icherzähler auf einen Abstrich der Mundschleimhaut vor. Züge zischen, dann katapultiert uns die Geräuschkulisse aus dem Labor hinaus – und hinein ins Frankreich von 1942. Durch einen Mix deutscher und französischer Soundbites («ich platziere Rohrbomben, die SA-Männer suchen nach Saboteuren wie mir» – «Merde!») entfaltet sich schon in den ersten vier Minuten eine lebhafte Szenerie. Wir erleben Angst und Hoffnung eines Résistance-Kämpfers, bevor es uns in die Welt der DNA-Analysen zurückschleudert.

Das im Januar auf Radio SRF 2 Kultur erstmals ausgestrahlte Hörspiel «Züge in Gegenrichtung» von US-Autor David Zane Mairowitz zeigt, was diese Kunstform am besten kann: durch blosse akustische Andeutung und die schiere Kraft des Worts irre Intensitäten schaffen beim Zuhörer, der sich als Fantasiearbeiter involvieren muss. Kinder machen das besonders gut: Haben nicht auch Sie noch Hörspiele im Ohr, die Sie einst ständig auf Kassette laufen liessen?

Daher produziert SRF für die Kindersendung «Zambo» spezielle Kinderhörspiele. Die zuständige Redaktion heisst Hörspiel und Satire. Ohne sie fände das nicht kommerzielle, auch experimentelle Hörspiel wohl kaum eine Bühne im Äther. Noch aber gibts alle paar Wochen zu guten Sendezeiten Hörspielpremieren. Sendeplätze bieten Radio SRF 1 und Radio SRF 2 Kultur. Das Team realisiert auch den nächtlichen Kurzkrimi «Schreckmümpfeli» (SRF 1), «Maloney» (er ermittelt sonntags von 11 bis 12 Uhr auf SRF 3) und diverse Satiresendungen wie «Spasspartout» oder «Vetters Töne». Die gut 20'000 Minuten kosten jährlich 4,2 Millionen Franken; die Redaktion umfasst 14 Vollzeitstellen. Für die verwandte Disziplin Theater haben weder Radio noch Fernsehen eine eigene Redaktion. Das Thema wird vor allem in Aktualitätssendungen wie «Kultur aktuell» oder «Kontext» kritisch begleitet.

Alexandra Kedves

Klassik

Wie ist die klangliche Balance im Chor? Wirkt die Pause in Takt 247 nicht eher wie ein Loch? Und wie ist der Generalbass umgesetzt? Würde man solche Fragen in der Zeitung verhandeln, würden sich wohl höchstens Spezialisten dafür interessieren. Auf Radio SRF 2 Kultur dagegen werden sie in einer Sendung diskutiert, die Kult geworden ist: Wenn zwei Experten und ein Moderator in der «Diskothek» verschiedene Aufnahmen eines Werks vergleichen, sitzen auch Leute vor dem Radio, die nie ins Konzert gehen würden. Weil man sich da mit fast schon detektivischem Spürsinn in die Interpretationen vertiefen kann. Und vor allem, weil all diese subtilen Unterschiede tatsächlich hörbar werden.

Man muss es neidlos anerkennen: Für die klassische Musik gibt es kein besseres Medium als das Radio. Und SRF 2 Kultur weiss die Chance zu nutzen, nicht nur mit der «Diskothek». Zwar wurde mit dem Porträtformat «Parlando» eine zweite Schlüsselsendung weggespart (wobei immerhin ein Teil der Inhalte in anderen Gefässen untergekommen ist). Aber es gibt immer noch sehr vieles: Zugängliches und Nischiges, Kurzkritiken und Hintergrundsendungen, kleine Entdeckungen und grosszügig begleitete Konzertübertragungen (die es in den allerglamourösesten Fällen sogar ins Fernsehen schaffen). Die journalistischen Formen sind vielfältig, der stilistische Mix sorgfältig ausgewogen. Anders als auf billigeren Klassikkanälen will man hier weit mehr als nur den Tag mit Musik füllen.

Das kostet, und nicht überall ist das Verhältnis von Aufwand und Hörerzahl gleichermassen günstig. Aber auch bei Sendungen mit tiefen Marktanteilprozenten sind die absoluten Zahlen beachtlich; selbst bei Neue-Musik-Spezial-Sendungen füllt das Publikum ein mittleres Fussballstadion. Wird es geschlossen, gibt es kein anderes – weder für die Spieler noch für die Hörer.

Susanne Kübler

Erstellt: 21.01.2018, 16:50 Uhr

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