Rocky Balboas Erben

Boxen ist bei Kindern und Frauen genauso populär wie bei Managern oder Alzheimer-Patienten. Warum eigentlich? Ein Besuch im berühmten Gleason’s Gym in New York.

Ein junger Boxer und seine Betreuer im Gleason’s Gym in New York. Foto: Bryan Winter (Getty)

Ein junger Boxer und seine Betreuer im Gleason’s Gym in New York. Foto: Bryan Winter (Getty)

Es ist Sonntagvormittag, traditionell nicht die intensivste Trainingszeit in einem Boxstudio, aber im Gleason’s Gym in Brooklyn ächzen die Sandsäcke. Etwa 20 Menschen schlagen auf sie ein. Es sind zwei Gruppen hier, die Alzheimer-Patienten, denen körperliches Training dabei hilft, die Gehirnzellen auf Trab zu halten. Und die autistischen Kinder, die durch Boxen lernen sollen, aus ihrer beengten Weltwahrnehmung auszubrechen.

Es ist das kleine Boxen, abseits der Scheinwerfer – heutzutage Alltag in einer Boxschule. Die Ära von Muhammad Ali und Joe Frazier ist lange vorbei. Das Aufflackern von Grandezza, als sich Mike Tyson weisse Tiger hielt, ist auch fast vergessen. Sogar der Jüngere der beiden Klitschkos ist mittlerweile zurückgetreten. HBO, der berühmteste Bezahl-Boxsender, hat gemeldet, von 2019 an keine Kämpfe mehr zu übertragen. Im Gleason’s, einem der bekanntesten und traditionellsten Box-Gyms der Welt, aber steht der Betreiber Bruce Silverglade (74), deutet in die Runde der Trainierenden und sagt: «Der Laden ist voll, es läuft gut bei mir.»

Es hat natürlich etwas schwer Romantisches, dass die ganz Jungen und ganz Alten hier nebeneinander trainieren, um sich besser zu fühlen. Das war ja immer das Versprechen des Boxens, dass es denjenigen, die es ausüben, ein besseres Leben ermöglicht. Und eigentlich hat nie jemand behauptet, dass ein besseres Leben immer Reichtum und weisse Tiger bedeuten muss. Es kann auch genügen, dass der Körper auf eine Weise trainiert wird, die sich seit der Antike kaum verändert hat. Als die alten Griechen sich im Pankration miteinander massen, galt das Boxen sogar als edelste Form der Auseinandersetzung. Später löste es in seiner modernen, englischen Form die Duelle mit Säbeln oder Pistole ab, die für die Beteiligten meistens übler ausgingen als eine Hauerei.

«Boxen ist nicht nur ein Wettkampf, sondern auch eine besondere Art, den Charakter zu schulen.»Bruce Silverglade
Betreiber des Gleason’s Gym

Wenn man sich eine Weile im Gleason’s herumdrückt, hat es den Anschein, als ginge die Entwicklung wieder in diese Richtung. Bei Bruce Silverglade trainieren immer mehr Frauen und Kinder. Auch Männer ab 40. Im Fussball würde man «alte Herren» dazu sagen; hier sind es ehemalige Boxer und Spätberufene, die es noch mal wissen wollen. Silverglade bietet auch Gruppen für Veteranen an, die im wirklich fortgeschrittenen Alter trainieren.

Den Wettkampf gegen die Zeit kann niemand gewinnen, irgendwann ist man zu alt, die Reflexe sind zu eingeschränkt, um sich wettbewerbsmässig zu prügeln. Das bedeutet aber nicht, dass man zu alt wäre zum Boxen. Es ist ja nicht nur eine Form von Wettkampf, sondern auch eine besondere Art, Stärke und Charakter zu schulen. Wer boxt, arbeitet nie in erster Linie an der Überwindung eines Gegners, sondern immer an der Überwindung des eigenen inneren Schweinehundes. Das verbindet die autistischen Kinder, die Alzheimer-Patienten und die Manager von der Wallstreet, die nach Feierabend die Krawatten gegen Bandagen tauschen.

Football statt Profiboxen

Nur mit dem Nachwuchs für Wettkämpfe tut man sich seit Jahren schwer. «Wir haben mindestens zwei Generationen junger Athleten an Drogen verloren», sagt Bruce Silverglade, der an diesem Sonntag seine Arbeitskleidung trägt, einen Fallschirmspringerseide-Jogginganzug. Weite Teile jener Bevölkerungsschicht, aus der sich früher Boxer rekrutierten, verfielen in den Neunzigerjahren der epidemischen Drogensucht in den USA. Im ersten Jahrzehnt der Nullerjahre kamen immer weniger hungrige und athletische Jugendliche zu Silverglade ins Gleason’s Gym. Zusätzlich fingen die Baseball-, Basketball- und Football-Ligen an, so viel Geld zu zahlen, dass die grossen starken Jungs selbst auf der Ersatzbank bei den Yankees mehr verdienten als in den Top Ten der Boxverbände. Und das bei deutlich weniger Schmerzen. So sank das Wettbewerbsniveau im klassischen Amateurbereich allmählich, und das Profiboxen entwickelte sich zur Jahrmarktshow.

Die Bösen sitzen aussen

Die unseriösen Weltverbände bei den Profis und Amateuren verschlechterten die Situation weiter. Zudem wurde gerade ein mutmasslicher Verbrecher zum Vorsitzenden des Amateur-Weltverbands Aiba gewählt. Auch das ein ewig wahres Klischee des Boxens: Die bösen Menschen stehen selten im Ring, sie sitzen aussen herum. Das Olympische Komitee hat schon länger angedeutet, dass die Disziplin Faustkampf bald Geschichte sein soll. Bereits für Tokio 2020 könnte es eng werden.

Dass Boxen als Vereinssport zu klein wird, hat Bruce Silverglade frühzeitig begriffen. Man muss schon den ganzen Lebensstil anbieten. Boxen taugt nun mal als Bild für alles, was ein menschliches Schicksal so ausmacht. Reden Politiker, Schauspieler und Wirtschaftsbosse nicht immer von Tiefschlägen, wenn es wieder mal nicht läuft? Wird nicht auch im Alltag dauernd jemand angezählt, ist mit einem blauen Auge davongekommen oder liegt im Clinch mit jemandem? Alles Begriffe aus dem Boxen, die als gesellschaftliche Zuschreibungen herhalten, wenns ums Existenzielle geht. Bei Bruce Silverglade kommen noch regelmässig Boxveteranen vorbei: «Wenn man in den Siebzigern Weltmeister im Federgewicht war, will man auch mal über die guten alten Zeiten sprechen. Sonst kennt einen ja keiner mehr.»

Für die einzigartige Atmosphäre im Gleason’s ist das genauso wichtig wie die Aktiven, die es hier auch noch gibt. Und natürlich wollen auch die Manager lieber Hanteln stemmen, die von jahrzehntelangem Training abgewetzt sind und bereits schwer in den Händen eines Weltmeisters gewogen haben.

Eine Metapher fürs Leben

Dabei ist das Gleason’s bereits zweimal umgezogen. Das merkt man allerdings nicht, denn es wird immer wieder so aufgebaut, als würde es am neuen Standort bereits seit Jahren vor sich hinächzen. Nicht unwichtig, zumal «das Gym häufig als Kulisse in Boxfilmen auftaucht», wie Silverglade erzählt. Von denen gibt es nach wie vor einen pro Jahr. Im Januar kommt «Creed II» in die Kinos, der mittlerweile achte Teil der «Rocky»-Saga. Und vielleicht ist es ja auch ganz richtig, dass Boxen als Metapher für das Leben mittlerweile besser funktioniert als live. Man muss ja nicht gleich zuschlagen, nur weil man kämpfen möchte.

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