Picasso und die «Primitiven»

Der Maler stöberte auf Flohmärkten gern nach exotischen Werken und liess sich davon inspirieren. Das Musée Quai Branly in Paris zeigt, wie die beiden Kunstwelten verschwammen.

Exotische Einflüsse: «La femme au vase», 1933. Foto: Edward Quinn © 2017 ProLitteris, Zürich

Exotische Einflüsse: «La femme au vase», 1933. Foto: Edward Quinn © 2017 ProLitteris, Zürich

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Es gibt diese Geschichte, wie Pablo Picasso an seinen «Demoiselles d’Avignon» malte und daneben regelmässig auf dem Pariser Flohmarkt nach afrikanischen Masken stöberte. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts, und die Anekdote vermittelt eine Vorstellung davon, wie die Künstler die Malerei über den erlahmten abendländischen Kunstkanon hinaustrieben. Ihr Suchen löste im Pariser Milieu einen wahren Kaufrausch aus. Georges Braque kaufte 1905 einem Seemann eine afrikanische Maske ab. Apollinaire schrieb 1906 an Picasso, er habe «einen schönen Stock mit einem Negerkopf gekauft». André Derain erwarb von Maurice de Vlaminck eine Fangmaske, die dann Matisse bei ihm im Atelier entdeckte und ihm seinerseits abkaufte.

Seit seiner Ankunft 1900 in Paris wurde auch Picasso von dieser Inspirationssuche erfasst. Ob er bei der Weltausstellung jenes Jahres den Pavillon der französischen Kolonien besucht hat, weiss man nicht. Bekannt ist aber sein Besuch in der ethnografischen Sammlung des Trocadéro-Museums im Juni 1907. Er sei eher zufällig in das widerlich muffige Museum geraten, habe gleich wieder gehen wollen, aber nicht gekonnt; denn etwas sei passiert zwischen ihm und diesen Masken: So zitierte André Malraux die Erinnerung des Künstlers. Fest steht wohl auch, dass ein oder zwei Gesichter der damals fast fertigen «Demoiselles d’Avignon» sich nach dem Museumsbesuch veränderten. Und dass Picasso in jenem Sommer eine Tiki-Statue von den Marquesas-Inseln kaufte.

Photomontage: Picasso als Häuptling. Foto: Harold Jean © RMN-Grand Palais / Mathieu Rabeau

Das ist das Thema der jüngsten Ausstellung des Museums Quai Branly in Paris. Elf Jahre nach seiner Eröffnung spiegelt es mit dieser Schau zugleich seinen eigenen Ursprung. Wie Picasso mit seiner Faszination für die exotische Kunst – ein Begriff, den er verabscheute – zielte der Quai Branly darauf, die Objekte aus ihrem völkergeschichtlichen Erklärungsrahmen zu lösen und in die Kategorie des reinen Kunstschönen zu überführen. «Arts premiers» hiess am Quai Branly zuerst der Museumsinhalt: Ursprungskunst. Entsprechend bedeutet das «primitive» im Ausstellungstitel «Picasso primitif» nicht den Nullpunkt einer Entwicklung, sondern den Kernpunkt eines Seins.

Im Trocadéro-Museum sei Picasso plötzlich aufgegangen, was Malerei für ihn sei, resümierte später Françoise Gilot: nämlich kein ästhetischer Prozess, sondern eine «Form von Magie». Und so verzichtet die Schau auf jeden Versuch von Spurennachweis afrikanischer oder ozeanischer Objekte in Picassos Werk. Es kommt ihr allein darauf an, zu zeigen, wie selbstverständlich sich für Picasso von Anfang an diese extrem stilisierten oder aus buntem Allerlei zusammengebastelten Plastiken in den Pantheon der grossen Meisterwerke einfügten.

Die alltägliche Nähe führte bei Picasso allerdings früh auch zu Aversionen gegen neue Kanonisierungsversuche. Die Studien häuften sich nach Carl Einsteins Schrift «Negerplastik» von 1915. «Negerkunst? Keine Ahnung», lautete Picassos schroffe Antwort darauf, 1920 in der Zeitschrift «Action».

Der Künstler wird anonym

Ebenso symptomatisch sind Picassos Reaktionen auf die ästhetisch nie ganz domestizierbare Kraft dieser Objekte. Matisse wollte ihm 1950 eine bizarre Vanuatu-Assemblage einer sitzenden Frau mit gespreizten Beinen schenken, vor der Picasso sich lange drückte. «Dieses Ding aus Neuguinea macht mir Angst», erklärte er, nahm es nach dem Tod von Matisse aber doch noch an und posierte später gelegentlich daneben. Mehr als 200 Sammlungsobjekte aus nicht abendländischen Kulturen hat Picasso hin­terlassen. Manche wie die grosse Baga-Figur aus Guinea sind uns von den zahlreichen Fotos vertraut und gehören heute zur Sammlung des Pariser Picasso-­Museums.

Auch der Quai Branly konnte für diese Schau mit seiner Sammlung aus dem Vollen schöpfen. Der erste Ausstellungsteil illustriert Picassos Jahrzehnte währendes Interesse fürs «Primitive». In ihrem zweiten Teil sprechen allein die Objekte. Es ist, als wäre Picassos Gouache «Stehender Akt im Profil» (1908) aus demselben Holz geschnitzt wie die Fang-Statuette daneben oder die in sich verknoteten Statuen aus Gabun. Die Minotaurus- und Faungestalten des Spaniers wirken wie Verwandte der mexikanischen Otomi-Masken.

Seine Bilder kämen von sehr weit her, sagte Picasso einmal und wunderte sich: «Wie kann sich jemand in meine Träume, Instinkte, Begierden, Gedanken einschleichen und mich dazu bringen, manchmal gegen meinen Willen dieses oder jenes zu malen?» So geschieht in diesem letzten Ausstellungsteil das Unglaubliche: Wir vergessen in der Fülle der zugleich archetypischen und raffinierten Formenwelt zeitweise den Künstlernamen, das Kunstlabel, die Qualitätsmarke Picasso. Was von ihm ist und was nicht, wird beim Schauen fast nebensächlich. Picasso wird anonym.

Bis 23. 7. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 17:48 Uhr

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