Laktose-Lawinen und der Schorf der Städte

Wahrheit-Kolumnistin Regula Fuchs ist zu Weihnachtszeit bestimmt kein Miesepeter, oder etwa doch?

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(Bild: zvg)

Regula Fuchs

Es ist ja jetzt überhaupt kein Durchkommen mehr in der Innenstadt. Wo man hinschaut, wächst er, der Bretterbudenzauber. Tannenzweige, Mistelzweige, Scheiterbeige, und überall das Besinnlichkeitsgebot: Du sollst Duftlampen kaufen, Rosenquarze, Kirschkernkissen, Traum­fänger. Und vor allem: Hüttenfinken!

Ja, Hüttenfinken für all die Hütten­dörfer, die gewuchert sind in den letzten Wochen. Keine Ecke zu klein, um nicht noch ein Raclettechalet oder ein Fonduezelt zu beherbergen, denn dieses Jahr sind die Marktstände nicht mehr allein: Zu ihnen haben sich heuer die Halligalli-Buden gesellt, mit ihrem Alpenchic und dem an­getackerten Tannenreisig. Es ist, als seien die ganzen Pop-up-Bars des Sommers wundersam wieder­geboren worden im Winterkleid, behängt mit Lichterketten und rot-weiss gemusterten Vorhängen. Aber nicht nur in Bern, allerorten hat sich dieses Holzbudenkonglomerat mittlerweile wie Schorf über die Innenstädte gelegt. Es sieden die Glüh­weintöpfe, es blubbert in den Caquelons, Kinder tauchen Schnüre in heisses Wachs, die Wangen röten sich, und die Menschen rücken zusammen unter Heizpilzen, bis der Sandstein glüht. Der Weihnachtsmarkt, das ist ein einziger grosser Seelenwärmer, der Alltag wird darin durchlauferhitzt, auf dass die Sorgen ver­dampfen mögen im Zimtteedunst.

Und dann der Käse: Wer soll denn überhaupt all diesen Käse essen? Unbeirrt rühren die Menschen in den Töpfen, es höret nimmer auf, sie schieben Ladung um Ladung Geschmolzenes in sich hinein, und in ihren Mägen ballt sich die Käsesuppe zu einer schmierigen Kugel, die immer grösser wird, bis sie als Laktoselawine unerbittlich durch die Eingeweide schletzt. Manchmal aber überlegt sie es sich anders und kehrt um. Schöne Bescherung! Aber dafür liegen ja all die Holzschnitzel auf dem Boden, die Einstreu in diesen Menschenställen, saugfähig und stets aufnahmebereit.

Übrigens, kennen Sie den: Was ist weiss und geht den Berg hoch? Eine Lawine mit Heimweh! Genau, um Heimweh geht es schliesslich bei all dem auf die Plätze geschütteten Adventsklimbim, um die Sehnsucht nach diesem Kindergefühl von Weihnachten, nach Wohligkeit und Glöckchenklang. Mit der Brechzange und der Zimtstange soll dieser ­Empfindung wieder zu ihrem Recht verholfen werden, mit Hand­gestricktem und Bienenwachskerzen sonder Zahl. Da wird auf den Strassen der Heimeligkeitsbefehl ausgegeben und alles dafür getan, die Gemüter zu wärmen – die Pulswärmer aus Angora helfen dabei ganz bestimmt. Auf dass es klingelingelingle in den Kassen.

Aber halt, darf man jetzt überhaupt noch etwas haben gegen die Pilger­stätten der Gemütlichkeit, wenn dort gerade Abartiges geschieht? Ja. Weil man gleichzeitig Terror verurteilen und doch über Kitsch die Nase rümpfen darf. Und weil gegen den Klingelingeling-Koller ein Kraut gewachsen ist, und zwar ein ganz friedliches. Man atme also durch und schaue einmal bewusst auf die Rückseite der Weihnachts­­kabäuschen: Getränke­harassen, Abfallsäcke, Kabelgewirr, Kartonschachteln, Becher­depots. Ein Blick, und dem Christkindl­firlefanz ist der Stecker gezogen. Darauf einen Glühwein!

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