Kunst zum Reinfallen (Staffel 1, Folge 2)

Stehen drei Qing-Vasen am Fuss einer Treppe. Und dann erscheint dieser Mann oben auf der Treppe. Sein Schnürsenkel ist offen.

Nach dem Einschlag: Das Werk von Nick Flynn im Fitzwilliam Museum in Cambridge.

Nach dem Einschlag: Das Werk von Nick Flynn im Fitzwilliam Museum in Cambridge.

(Bild: zvg)

Daniel Di Falco

Wir haben uns bemüht. Aber trotz hartnäckigen Recherchen und ebenso kostspieligen wie mitunter halblegalen Methoden war es der Redaktion bis Redaktionsschluss leider nicht möglich, den Mann aufzuspüren, der vor anderthalb Monaten in einem Museum in Porto in ein Kunstwerk von Anish Kapoor gefallen ist.

Wobei es sich vermutlich weniger um Kunst als viel eher lediglich um eine optische Täuschung handelte: ein zweieinhalb Meter tiefes, kreis­rundes Loch, dergestalt beschichtet mit einem licht­schluckenden Hightechmate­rial, dass man das Lochhafte des Lochs übersehen konnte, ja sollte und stattdessen eine kreis­runde schwarze Fläche vor sich glaubte. Wir berichteten.

«Abstieg in die Vorhölle» heisst das Werk, denn so viel Kunst muss dann schon sein. Und immerhin bekannt ist auch, dass der namenlose Museums­besucher aus Italien nach seinem Sturz in die Unterwelt in einem Spitalbett aufgetaucht ist, das er schon bald wieder verliess.

Bis wir mehr über ihn und seine Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Kunstschaffen wissen, vertreiben wir uns hier die Zeit mit einem anderen Museumsbesucher, der schon vor zwölf Jahren in ein Kunstwerk fiel. Mehr noch: in drei.

***

Es war im Januar 2006, im Fitzwilliam Museum in Cambridge, und eine englische Zeitung sah sich damals angesichts des Handyfotos, das jemand von der Szene am Ende der Treppe gemacht hatte, an einen Wal erinnert. Einen menschlichen Wal, «gestrandet auf Porzellanscherben». Wobei die Scherben gerade eben noch die Form dreier Vasen gehabt hatten, China, 17. Jahrhundert, Qing-Dynastie, Gesamtwert über eine Million Franken.

Ein halbes Jahrhundert hatten sie auf einem Sims an der Treppe gestanden, doch dann war Michael Flynn (42) auf der obersten Stufe erschienen. Kein gewöhnlicher Besucher, sondern einer mit einem offenen Schnürsenkel. Klingt nach Slapstick, funktionierte aber einwandfrei. «Ich versuchte, mich an irgend­etwas festzuhalten, aber die Wände waren aus glattem Marmor», erzählte Flynn dem «Guardian» später.

Und obwohl der Sturz über die Stufen nur einen Moment dauerte, hatte der Mann auf seiner Reise in die Qing-Dynas­tie noch Zeit für einen Gedanken: «Mir war klar, dass die Vase zerschellen wird. Aber ich konnte mir nicht vor­stellen, dass sie auch noch in die anderen zwei knallen würde.»

***

Drei Monate später erhielt Flynn Besuch. Zwei Dutzend Polizisten, Hausdurchsuchungsbefehl, Handschellen, eine Nacht in der Zelle. Nochmals drei Monate später liessen die Behörden den Verdacht fallen, er habe den entscheidenden Schritt nicht mit einem offenen Schnürsenkel getan, sondern mit dem Vorsatz der Sachbeschädigung.

Bald war zudem auch die Sache selbst wieder geflickt; nach drei Tagen hatte das Museumspersonal die letzte Scherbe gefunden, dann nahm eine Keramikspezialistin das Puzzle in Angriff. Flynn selber übrigens bekam entgegen anderslautenden Gerüchten nie ein Hausverbot. Und ein schlechtes Gewissen schon gar nicht. Immerhin hatte er auf jener Treppe nicht bloss sich selber, sondern auch das Museum in die Weltöffentlichkeit katapultiert. «Sie sollten mich», fand er, «zum Teilhaber machen.» Aber vielleicht wäre ein Posten in der Kunstvermittlung fast noch konsequenter gewesen.

Der Bund

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