«Junge wissen vor dem ersten Mal, was ‹Gang Bang› bedeutet»

Wie wirkt sich permanent verfügbarer Online-Sex und Dating-Portale auf Liebe und Partnerschaft aus? Dazu Ärztin Heike Melzer im Interview.

Immer mehr Menschen leben ihre Sexualität im Internet aus: Dreharbeiten eines Pornofilms. Bild: Kim Kyung Hoon/Reuters

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Frau Melzer, Pornografie, Dating, Prostitution seien zu einem Massenphänomen geworden, behaupten Sie. Was bringt Sie zu diesem Fazit?
So wie Sie rund um die Uhr online shoppen können, können Sie sich 24 Stunden an sieben Tagen genau den Sex bestellen, den Sie wollen: oral, anal, jung, alt, mit Fetisch oder ohne, Asiatin, Russin oder sonst was. Nicht alle können mit der neuen Freiheit umgehen. Feste Beziehungen leiden darunter. Und die Zahl der Porno- und Sexsüchtigen nimmt zu. Sie müssen nur mal in deren Foren schauen, da finden Sie jede Menge Leidensberichte.

Sie meinen, das Angebot generiert die Nachfrage?
Davon bin ich überzeugt. Die sexuellen Superreize, die im Netz ständig verfügbar sind und mit denen heute schon Jugendliche konfrontiert werden, konkur­rieren immer häufiger mit dem Liebesleben in der Partnerschaft. Dabei wissen wir alle, dass Liebe Nähe braucht und Erotik Abstand.

Welche Menschen kommen in Ihre Praxis?
Früher kamen eher ältere Männer mit Potenzstörungen. Jetzt habe ich schon 18-Jährige, die stehen mit Viagra vom Urologen hier und sagen: Das kann es nicht gewesen sein. Und wenn ich dann frage: Geht es denn beim Masturbieren? Antworten sie: Klar, da geht es immer. Anderes Beispiel: Früher war das Problem vieler Männer der vorzeitige Samenerguss. Jetzt sagen viele, sie werden nicht mehr fertig, wenn sie Sex mit ihrer Partnerin haben – der Trigger beim Pornoschauen ist einfach so viel höher. Und das dritte Phänomen: Früher waren es eher die Frauen, die keine Lust hatten. Vor allem, wenn Kinder da waren. Jetzt sind es die Männer, die abends sagen: Schatz, ich habe so viel zu tun, ich muss noch E-Mails checken. Und dann kommen sie nicht vom Computer weg.


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Ein Fünftel der Schweizer Jugendlichen zwischen 9 und 16 Jahren hat schon sexuelle Inhalte im Web gesehen. Experten streiten, ob das grossen Einfluss aufs spätere Sexualleben hat ...
Jugendliche haben sich schon immer für Sex interessiert. Aber früher fanden sie Antworten im «Bravo» oder «Playboy» und machten dann ihre eigenen Erfahrungen. Heute können sie sich Hardcore-Sex aufs Smartphone holen. Wir haben inzwischen eine ganze Generation, die vor dem ersten eigenen Mal weiss, was «Gang Bang» bedeutet.

Steigt dadurch der Erwartungsdruck?
Ja. Die ersten Opfer habe ich schon in meiner Praxis sitzen. Das ist ein riesiger Menschenversuch ohne Ethikkommission, der abläuft. Eltern und Schule sind an vielen Stellen überfordert.

Sie schreiben auch von den Unberührten, die gar keinen Sex haben oder jedenfalls nicht in Verbindung mit Liebe.
Die gab es natürlich auch schon immer. Aber jetzt versorgen sie sich halt im Internet und perfektionieren ihre Masturbationstechniken. Da erlebe ich die kuriosesten Beispiele von Selbstinszenierungen. Doch spätestens, wenn ein Kinderwunsch aufkommt, steigt der Leidensdruck enorm. Was antworten sie auf die Frage nach der letzten Partnerschaft? Viele wissen nicht mal, wie ein Zungenkuss geht.

Sind nur Männer betroffen?
Nein. Frauen ziehen kräftig nach. Es gibt immer raffiniertere Sex-Spielzeuge, die können Super­stimuli darstellen. Und beim Dating können sich Frauen aus einem schier unendlichen Angebot bedienen. Sie können sich jetzt gleich in ein Portal einloggen, dann kriegen Sie auf Ihrem Handy im Umkreis von 500 Metern alle Männer angezeigt, die auf Ihr Profil passen. Dann fragen Sie: Treffen wir uns auf einen Prosecco? Und er antwortet vielleicht: Übrigens, das Hotel um die Ecke hätte ein Zimmer frei.

Was ist daran schlimm oder so viel anders, als wenn man sich in der Bar kennen lernt?
All die neuen Möglichkeiten bieten auch Chancen. Und klar kann sich daraus Liebe entwickeln. Hinter all den Profilen verstecken sich Menschen mit Hoffnungen und Bedürfnissen. Sie müssen sich dann nur irgendwann auf diesen Menschen einlassen, mit seinen Stärken und Schwächen.

«Ein Akademiker berichtete mir, er schaue 40 Stunden die Woche Pornos, der war fertig.»

Sie behaupten, wir seien eine Gesellschaft von Voyeuristen und Exhibitionisten geworden.
Voyeurismus, Exhibitionismus, Fetischismus, Sadomasochismus waren früher Randbereiche der Sexualität. Heute lieben es Paare, an öffentlichen Orten Sex zu haben, ihre Nacktfotos oder selbst gedrehten Pornos online zu stellen. Auch die Anzahl pornoinduzierter Fetische steigt an, dazu finden sich jede Menge Communitys im Netz. Fetische sind aber eine zwanghafte Fixierung und können, wenn sie sich in der Partnerschaft entwickeln, für allerlei Stress sorgen.

Wo liegt die Grenze zwischen zu viel Konsum und Sucht?
Die Weltgesundheitsorganisation hat vor kurzem «zwang­haftes Sexualverhalten» in ihren Katalog der Erkrankungen aufgenommen. Es gibt Studien, die belegen, dass Sex und Pornografie ähnliche Suchtwirkung haben können wie Alkohol oder Kokain. Bilder, die sich ins Bewusstsein eingeprägt haben, lassen sich nicht leicht wieder löschen. Sie setzen die Messlatte im Belohnungssystem des Gehirns jedes Mal ein Stück höher. Natürlich ist nicht alles Schwarz und Weiss, es gibt viele Graustufen zwischen regelmässigem Konsum und Sucht – aber diese «Grauen» sollten sich fragen: Wo stehe ich? Bin ich schon getrieben?

Sucht setzt nach klassischer Auffassung der Psychologie eine Neigung voraus. Nicht jeder wird Alkoholiker, der regelmässig seinen Wein trinkt.
Richtig. Aber mit dem Sex ist es wie mit der Ernährung. Es ist ein Genuss, wenn ich mir ab und zu meine Lieblingspralinés gönne. Aber wenn sich die Gedanken nur noch ums Essen drehen, wird es bedenklich. Genauso ist es mit den Pornos. Dienen sie als Ersatz für Bindung, wird es gefährlich. Ein Kennzeichen für Sucht ist ja auch: Sie wird geheim ausgelebt.

Pornografie und Prostitution gab es schon im alten Rom.
Natürlich. Zusammen einen guten Porno zu schauen oder zu experimentieren, kann Leben in eine Beziehung bringen. Aber durch die neuen Medien ist der Sog mächtig. Und das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. In die Entwicklung von Virtual-Reality-Pornos, in denen Sie sich Ihren Avatar designen und grenzenlosen Hardcore-Sex in 3-D haben können, fliessen derzeit gigantische Summen.

Wann landen Betroffene in Ihrer Praxis?
Etwa weil die Beziehung in die Brüche zu gehen droht. Die Enthüllungsmethoden werden immer besser: Da knackt die Ehefrau den Account ihres Mannes, wundert sich über die Kreditkartenabrechnung oder ortet sein Handy per GPS. Oder es gibt Probleme am Arbeitsplatz – ein Akademiker berichtete mir, er schaue 40 Stunden die Woche Pornos, der war völlig fertig. Manche haben sich finanziell ruiniert. Und dann gibt es noch jene, die im Laufe der Zeit ihre «Genres» wechseln und in kriminelle Bereiche abgleiten, etwa in die Kinderpornografie.

Dann setzen Sie sie auf Entzug?
Ein paar Dinge sind wichtig: Bilder und Accounts löschen, Computer ins Wohnzimmer stellen, Sex-Filter auf dem Smartphone. Aber viel wichtiger ist es, ans Unterbewusstsein heranzukommen. Wer unter Kontrollverlust leidet, schafft es aus eigener Kraft kaum, den Stecker zu ziehen. Vielen Betroffenen fehlt es an Selbstachtung. Sie sollten sich nicht sagen: Ich muss mich befreien – das geht von einem negativen Selbstbild aus. Sondern: Ich will frei sein. Das macht einen grossen Unterschied.

Heike Melzer: Scharfstellung. Tropen 2018, 236 S., ca. 19 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.09.2018, 18:48 Uhr

Die Neurologin, Paar- und Sexual­therapeutin Heike Melzer führt eine Praxis in München.

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