Geoutete Rekruten, Lesben in Kaderstellen

Mit Fakten gegen den Gender-Hass: Das Institute of Queer Studies an der Universität Zürich stellt seine Forschung vor.

Das Institute of Queer Studies widmet sich der LGBTI-Szene: Teilenehmende an der Pride Parade in Zürich. Foto: Keystone

Das Institute of Queer Studies widmet sich der LGBTI-Szene: Teilenehmende an der Pride Parade in Zürich. Foto: Keystone

Michael Meier@tagesanzeiger

Heute ist die Community von Schwulen und Lesben in allen ­öffentlichen Lebensbereichen sichtbar. Sie haben eigene Sport- und Studentenvereine. Längst gehört Zürichs «Warmer Mai» in ihre Kulturagenda. Der Dachverband Pink Cross vertritt ihre Interessen gegenüber Öffentlichkeit und Politik.

Noch ­etwas im Schatten dieser etablierten Organisationen erobert seit fünf Jahren das Institute of Queer Studies (IQS) seinen Platz. Es vermittelt wissenschaftliche Einblicke in Lehre und Forschung zu LGBTI-Themen. Wobei LGBTI heute die gängige englische Abkürzung für «Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersexual» ist und auch den Inhalt des Wortes «queer» umschreibt.

Prominent besetzter Beirat

«Was früher fast nicht möglich war, wird seit 20 Jahren ­immer selbstverständlicher: Lizentiats- und Doktorarbeiten oder Nationalfonds-Studien zu queeren, nicht heteronormativen Themen.» Das sagt Jurist Jürg Koller, Mitgründer und Projektleiter der wissenschaftlichen Plattform, die einem eher akademischen Publikum Studien vorstellt, die sonst in der Schublade zu verschwinden drohen.

Als eine Art Volkshochschule organisiert das Institut jährlich sechs bis sieben Veranstaltungen an der Universität Zürich – zu Themen von LGBTI im Alter über das schwedische Schulsystem, von dem das unsrige in Sachen LGBTI einiges lernen könnte, bis hin zur «Trans*Swiss»-Studie über das Befinden von Personen in der Schweiz, die sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen haben.

Das IQS greift auch die Frage auf, ob Firmen, die Diversity in ihrem Leitbild verankert haben, Schwule und Lesben wirklich in Kaderstellen aufsteigen lassen.

Mit 200 Hörern brach die letzte Veranstaltung im März den Besucherrekord. Der französische Autor und Soziologe Frédéric Martel präsentierte die These seines Bestsellers «Sodoma», wonach der Antagonismus von Homophilie und Homophobie für Klerus und Vatikan systembildend ist. Stark beachtet war auch das Referat zur «Sexualität in islamischen Diskursen». Wegen der persönlichen Betroffenheit holten Themen zu Religion und Erziehung besonders viele Leute ab, erklärt Koller.

Jürg Koller, Rechtsanwalt in Zug, hat das Institut 2014 zusammen mit dem verstorbenen Molekularbiologen Fabian Heinz Jenny ins Leben gerufen. Er steht dem fünfköpfigen Projektteam vor. Unterstützt wird es von einem wissenschaftlichen Beirat, in dem renommierte Professoren wie Rechtswissenschaftler Thomas Geiser und Andreas Ziegler, Medienwissenschaftler Martin Zimper oder die Psychologin Nathalie Meuwly sitzen. Sie fungieren auch als Türöffner für das Institut, das weder Verein noch Thinktank, sondern eben eine Plattform ist. IQS steht unter dem Patronat der Vereine «Z&H – Gay Students Zürich» und «Network – Gay Leadership», ist aber von beiden unabhängig. Letz­terer übernimmt die Defizitgarantie und sponsert einen Forschungspreis. Sonst finanziert sich das auf Ehrenamtlichkeit basierende IQS durch Kollekten und Spenden.

Eine Community wird sichtbar: Die Pride Parade in Zürich, 2018. Foto: Urs Jaudas

In Amerika kennt man Queer­studies schon länger, meist als Unterabteilung der Genderstudies, der Geschlechterforschung. Beim IQS gibt es laut Koller wohl eine Schnittmenge mit Genderstudies, es versteht sich aber disziplinenübergreifend. «Uns geht es nicht einfach um das soziale Geschlecht; wir sind auch an psychologischen, juristischen, naturwissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Themen interessiert.» Im Oktober greift das IQS etwa die Frage auf, ob Firmen, die Diversity in ihrem Leitbild verankert haben, Schwule und Lesben wirklich fördern und in Kaderstellen aufsteigen lassen.

Koller betont: «Wir äussern uns nicht politisch, das machen andere Organisationen.» So wird es vom IQS keine eigentliche ­Parole zur Ehe für alle geben. Wohl aber hat es im November 2017 die Auswirkungen des damals zehnjährigen Gesetzes zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft evaluieren lassen – durch eine hochkarätige Runde von Professoren und Stadtpräsidentin Corine Mauch im Zürcher Stadthaus.

Das Ziel ist die Versachlichung

Ob Ehe für alle, Fortpflanzungstechnologie oder die Ausweitung der Rassismusstrafnorm auf sexuelle Diskriminierung – Debatten im LGBTI-Bereich werden meist sehr emotional geführt. Nach der Devise «Fakten gegen Emotionen, Wissenschaft verpflichtet» will Koller die heissen Eisen durch die wissenschaft­lichen Beiträge des Instituts runterkühlen, das heisst ver­sachlichen.

Am 14. Mai lanciert IQS ab 19 Uhr an der Universität Zürich seine diesjährige Forschungsnacht: Studierende und Nachwuchswissenschaftler präsen­tieren ihre aktuellen For­schungsarbeiten aus dem LGBTI-Bereich – zu Themen wie «Spätes Coming-out», «Geoutete Rekruten im Militärdienst» oder «Was tut der Staat gegen Hate-Speech?». Zusammen mit dem Publikum kürt eine Jury aus Profes­soren die Gewinnerin des diesjährigen Forschungspreises.

www.queerstudies.ch

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