«Er war fromm, aber nicht gläubig»

Erwin Messmer bewundert Kurt Martis «heiligen Ernst des Kindes», Angelika Boesch erinnert an den «Querdenker», und Werner Wüthrich denkt zurück an einen aufmunternden Brief.

Kurt Martis Tod hat grosse Trauer ausgelöst.

Kurt Martis Tod hat grosse Trauer ausgelöst. Bild: Franziska Scheidegger (Archiv)

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Mit einer Freundin hatte der Berner Lyriker Erwin Messmer («Klartext im Wasserglas») dieser Tage einen kontroversen Mailaustausch wegen eines Weihnachtsgedichts einer Klosterfrau. Als Nachtrag zu seinen Bemerkungen notierte Messmer: «Ich kenne übrigens nur einen Dichter unserer Zeit, der den Spagat zwischen religiöser und dichterischer Aussage wiederholt auf bewundernswerte Weise gemeistert hat: Kurt Marti.»

In vielen von Martis Gedichten würden die «Grenzen zur Transzendenz mit spielerischer, ja fast traumtänzerischer Leichtigkeit aufgebrochen», sagt Messmer, der wie Marti als Lyriker in Dialekt und Schriftsprache schreibt. Wie kein Zweiter habe es Kurt Marti verstanden, «das Metaphysische quasi auf den Boden des Diesseits herunterzuholen, ohne ihm deswegen sein Geheimnis zu nehmen». Als Beispiel nennt Messmer das Gedicht: «Weihnacht: damals // als gott // im schrei der geburt / die gottesbilder zerschlug // und // zwischen marias schenkeln / runzlig rot / das kind lag.»

«Keine Berührungsängste»

«Kurt Marti war ein frommer Mensch, aber nicht unbedingt gläubig», sagt Angelika Boesch. Als Mitglied des «Samstags-Clubs», dem unter anderen auch Joy Matter angehörte, hat sie während vieler Jahre regelmässig mit Kurt Marti im Restaurant Gfeller am Bärenplatz über Gott und die Welt diskutiert. «Bis vor zwei Jahren kam er regelmässig, dann nur noch selten, und seit einem Jahr überhaupt nicht mehr.»

Für die mit Marti befreundete langjährige Redaktorin des katholischen Berner «pfarrblatts» ist diese Frömmigkeit beim theologischen Querdenker Marti entscheidend: «Dieses Fromme drückte sich eben nicht in Bekenntnissen aus oder in einer bedingungslosen Abhängigkeit.» Kennen gelernt hatten sie sich, als Angelika Boesch die katholische Buchhandlung Voirol führte und Kurt Marti dort als Stammkunde ein- und ausging.

Mit den meist freikirchlich orientierten reformierten Buchhandlungen habe Marti wenig anfangen können: «Er hatte keine Berührungsängste mit anderen Konfessionen und interessierte sich sehr für Befreiungstheologie und feministische Theologie.» Marti habe sich übrigens in erster Linie als Theologe gesehen, die Schriftstellerei habe für ihn im Dienst der Theologie gestanden.

«Er war für die Wurzeln»

Die Gründe für die schwindende Bedeutung der Kirche in einer immer säkulareren Welt habe Kurt Marti als hauptsächlich «hausgemacht» erkannt. Ihm sei das Bemühen, im Rahmen der Kirche Events zu kreieren, um attraktiver zu werden, ein Dorn im Auge gewesen: «Er war für die Wurzeln, für die biblischen Texte, die er sehr präzise und durchdacht las und vermittelte.»

Für Angelika Boesch stellte Martis theologisches Denken eine «unglaubliche Herausforderung» dar. Ein Lob von ihm für einen ihrer Artikel sei für sie das «Grösste» gewesen. In den letzten Wochen und Monaten sei er allerdings immer schwächer geworden und zusehends «verstummt».

Gespräche auf dem Trottoir

Dem eine Generation älteren Kurt Marti ist der Schriftsteller Werner Wüthrich auf der Maturareise Mitte der 1960er-Jahre im Schnellzug nach Rom begegnet. Nach dem ersten Gespräch ermunterte Marti den Jungautor zwei Jahre später «mit einem noch immer beeindruckenden Brief» zum Weiterschreiben («Es zeichnet sich bei Ihnen eine erfreulich eigenständige Diktion ab»). «In Erinnerung bleiben Wüthrich bei einem Wiedersehen in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien «Martis verhalten schelmischer Blick und unser beredtes, gemeinsames Schweigen».

Nochmals viel später, als der Schosshalden-Bus seine Endstation noch vor dem Berner Laubegg-Schulhaus hatte, kam es regelmässig, wenn auch stets spontan, zu kollegial-freundschaftlichen Gesprächen unter Nachbarn: «Beide hatten wir in der Einkaufstasche Frischsalat vom Berner Märit und wollten nicht aufgehalten werden, was uns kaum je gelang. Erst beim Hinterfragen einer kanonisierten und nur allzu oft missbrauchten Sprache, wovon sein literarisches und theologisches Werk zeugt, lernte ich auf dem Trottoir wieder und wieder neue Aspekte des engagierten Schriftstellers Kurt Marti kennen.» (Der Bund)

Erstellt: 12.02.2017, 21:03 Uhr

Sätze für Kurt Marti von Christoph Geiser

«Kurt Marti war für mich vor allem eines: ein heiterer Denker, ein heiterer Theologe, ein heiterer Philosoph, ein Spieler – dem es bei all der Leichtigkeit und dem Spiel immer verbindlich ernst war. Ein würdiger Nachfolger des Kohelet. Mit der Vanitas vertraut. Ein volksverbundener Poet, ohne je Populist zu sein.»

Christoph Geiser, Jahrgang 1949, lebt in Bern und Berlin

Sätze für Kurt Marti von Ariane von Graffenried

«Poesie und Politics: dass Skepsis ein Imprägniermittel, dass Liebe Zwiesprache, dass Sprache Wiedergeburt ist. Farewell, schönstes Unkraut im Röseligarte.»

Ariane von Graffenried, Jahrgang 1978, ist Mitglied der Autorengruppe «Bern ist überall» und von «Fitzgerald & Rimini».

Sätze für Kurt Marti von Maja Beutler

«Zum ersten Mal ist Kurt Marti vor 45 Jahren zu uns nach Hause gekommen. Als Pfarrer: Er war zuständig für die Beerdigung meines greisen Vaters. Heute kommt mir vor, es hätte nur einen Lidschlag gedauert, bis Kurt und ich selbst betagt waren. Er ist mir auch darin ein gutes Stück voraus gewesen. Aber nicht so weit wie in der Literatur: ein Meister. Er hat 1976 den Klappentext zu meinem Erstling geschrieben. Auf jedes weitere Buch hat Kurt umgehend reagiert: ein treuer Ermutiger.

Nur ein Lidschlag, bis wir greise Paare geworden waren? Und doch erinnere ich mich an fröhliche Wegmarken, Geburtstagsfeste, unbeschwerte, die wir feierten im Abstand von zehn Jahren. In Erinnerung geblieben ist mir das Wortspiel einer Tischrede: Kurt sei zwar haushälterisch, aber haushalten könne er nicht. Richtig: Fürs Alltägliche war seine Frau Hanni zuständig. Und plötzlich kippte es, das Alltägliche. Kurt hatte nicht mehr freie Hand für die Literatur, er war verantwortlich für die Rehabilitation seiner Frau, man traf die beiden unterwegs mit Hannis Rollator: Unser MammaMobil, nannte es Kurt.

Nur einen Lidschlag lang, dann waren wir beide verwitwet. Über die Verlorenheit schrieben wir uns nie, nur manchmal über die Müdigkeit, diese Art neuer Vernunft: Kein Wort kann das Leben noch ändern. Immer hatte ich beim Lesen den Impuls, die Hand zum Winken zu heben, wie früher, wenn wir auseinandergegangen sind: A Dieu, lieber Kurt.»

Maja Beutler («Ich lebe schon lange heute»), Jahrgang 1936, ist Schrifstellerin und lebt in Bern.

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