Donald à l’orange

Enten kochen und Zeitung machen sind sich gar nicht so fern. «Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs erklärt die Zusammenhänge.

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Regula Fuchs

Jetzt verfolgt mich dieses Wollschwein. Nicht, dass es besonders furchterregend wäre mit seinem schafsmässigen Wuschelkleid; aber seit die Neugier mich im Internet auf eine bestimmte Seite gelockt hat, begleitet es meine Online-Streifzüge, wohin ich auch surfe. Ursprünglich stammt es aus Ungarn, wo seine Population in den Neunzigerjahren auf gerade einmal 200 Tiere gesunken war. Das war allerdings, bevor jemand herausfand, dass das Wollschwein in seiner verarbeiteten Form einen ausgezeichneten Serranoschinken ergibt. Und heute ist das Tier wieder quietschfidel – jedenfalls bevor es auf der Schlachtbank landet.

Aufgestöbert hatte ich es auf einer Anzeige, in der für Crowdbutchering geworben wurde. Schwarmmetzgen? Kollektivschlachten? Menschen mit scharfen Messern, die sich gemeinsam an einem toten Tier zu schaffen machen? I wo. Keine Fantasie wie aus einem B-Movie, sondern bloss eine Art Online-Fleischladen, in dem Fleischpakete eines Rinds, Lamms oder Schweins bestellt werden können, das allerdings erst geschlachtet wird, wenn es ganz verkauft ist. Die Tiere, so heisst es, stammen aus Bio-Weidehaltung und hätten ein glückliches Leben gehabt. Glücklicherweise hat Kuh Emilia keinen Internetanschluss, denn dann wüsste sie, dass sie bereits zu 76 Prozent verkauft ist und wohl nicht mehr lange zu grasen hat.

Keine Namen, dafür Nummern haben die Enten, die im Pariser Nobelrestaurant La Tour d’Argent gegenüber der Notre-Dame serviert werden. Eine Tradition seit der vorletzten Jahrhundertwende; so hat sich König Edward II. im Jahr 1890 Ente Nummer 328 schmecken lassen, 2003 ist die einmillionste Ente verzehrt worden. Und, ganz ehrlich, es war keine Zeitungsente. Auf der Menükarte der Tour d’Argent figuriert nämlich bis dato die «Caneton Frédéric Delair», die junge Ente also, wie sie der legendäre Koch des 19. Jahrhunderts kreiert hatte. Sie ist mindestens zwei Tage im Voraus zu bestellen und schlägt mit 230 Euro zu Buche.

Der «Caneton», das ist Erlebnisgastronomie avant la lettre, denn in der Tour d’Argent wird dafür ein Utensil namens Entenpresse verwendet, das am Tisch vor den Augen des Gastes zum Einsatz kommt. In dieses Gerät werden die Karkassen des gekochten Vogels gefüllt, also alles, was nach dem Tranchieren von Brust und Schenkeln übrig bleibt – im Wesentlichen das Gerippe. Dieses nun wird in der silbernen Gerätschaft ausgepresst, und heraus tröpfelt ein Konzentrat aus Fleischsaft und Blut, das der Kellner mit Portwein oder Cognac anreichert und zur Sauce gibt.

Und jetzt der Clou: Medienschaffende gehen ganz ähnlich vor. Wir nehmen zuerst eine grosse Handvoll Fakten (Halbwahrheiten eignen sich genauso gut). Wichtig ist vor allem die Herkunft der verwendeten Ware: Passionierte Fake-News-Chefs besorgen sie gerne im regionalen Internet, Hauptsache, der Transportweg ist kurz, der Aufwand gering und die Ware frisch.

Dann lösen wir das Fleisch vom Knochen (und behalten es für uns!), nehmen ein Utensil namens Lügenpresse zur Hand, füllen vor den Augen der Kundschaft die ausgeweideten Fakten ein und drücken so lange, bis unten ein dünnes Säftchen herauskommt. Profis servieren es in dicken Grossbuchstaben. Falls Ihnen das Gericht ein wenig bitter erscheint (wie jüngst einem gewissen D. T. aus Amerika, der nach dem Genuss von Donald à l’orange sämtliche Lügenpressen-Vertreter «Feinde des Volkes» nannte): Versuchen Sie es einmal mit Wollschwein, das Internet ist zu dieser Jahreszeit voll davon.

Ganz gleich funktioniert übrigens die Zubereitung von Zeitungsenten. Bon appétit!

Der Bund

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