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So tun, als gäbe es keine Alternativen

Das Projekt Hirschengraben zeigt das Dilemma exemplarisch. Die Stadt Bern muss endlich mit der Bevorzugung von Einzelinteressen aufhören und ein Gesamtkonzept vorlegen.

Neupositionierung wegen des Zukunftsbahnhofs 2025 und nicht weil er städtebauliches Potenzial hat: Südansicht Hirschengraben mit Eingang zur Velostation.
Neupositionierung wegen des Zukunftsbahnhofs 2025 und nicht weil er städtebauliches Potenzial hat: Südansicht Hirschengraben mit Eingang zur Velostation.
Stadt Bern

Die Plätze in der Bundesstadt haben es schwer: wenig geliebt, vernachlässigt, Asphaltwüsten und Verkehrsschneisen ohne Verweilqualität. Dafür hat Marc Augé den treffenden Begriff des «Non-Lieu», des Nicht-Ortes, geprägt. Warum tut sich Bern so schwer, gerade auch im nationalen und internationalen Vergleich? Es gibt bislang kein überzeugendes städtebauliches Gesamtkonzept, das die Plätze als öffentliche (Stadt-)Räume eigener Art begreift, als nicht kommerzielle Orte jenseits von Einzelinteressen. Das Zauberwort hiesst «Platzbaukunst», der Albert Erich Brinckmann 1908 mit seiner Schrift zu «Platz und Monument» im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal setzte.

Nun ist seither mehr als ein Jahrhundert vergangen, die Welt dreht sich schneller, aber grundlegende Fragen von Raumwirkung, Plätzwänden und öffentlicher Nutzung sind geblieben. Als erster Platz jenseits der Altstadt, aber noch im Unesco-Perimeter steht nun das Projekt Hirschengraben im Fokus, das gerade unter dem Label «Zukunft Bahnhof Bern (ZBB)» zur öffentlichen Mitwirkung ausliegt (vgl. Bund, 19.2.2019). Er zeigt das Dilemma exemplarisch. Der Hirschengraben wird neu positioniert, nicht etwa weil er ein Platz von überragender Bedeutung mit städtebaulichem Potenzial ist, sondern weil der Zukunftsbahnhof Bern 2025 mit dem neuen RBS-Tiefbahnhof einen zweiten Ausgang zum Bubenbergplatz einrichten wird.

Das Zauberwort heisst «Platzbaukunst».

Da das seit 1930 an der westlichen Platzkante stehende Bubenbergdenkmal einer geplanten Unterführung im Wege ist, wurde auch schon laut über die Einnmottung des Denkmals für den Verteidiger von Murten nachgedacht. Zusammen mit dem damit verbundenen Lieblingsprojekt der Direktion Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) – einer unterirdischen Passage mit Velostation mit Gesamtkosten von 33 Millionen Franken – würde auch der auf der anderen Platzseite stehende Widmann-Brunnen zur Disposition stehen. Es bedurfte erst eines Gutachtens der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege, um mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass Denkmal und Brunnen nicht zur beliebigen Verschiebmasse gehören, sondern Teil der historisch gewachsenen Platzanlage sind. Auch die Begleitgruppe sprach sich für die Minimierung der Eingriffe aus und plädierte für eine Neuplatzierung des Bubenbergdenkmals auf der Platzmitte.

Wenn jetzt in der Mitwirkung die Velostation samt Passage als unumstössliche Bestandteile des Projektes lanciert werden, widerspricht das dem Schlussbericht und offenbart städtischerseits eine Konzeption ohne Alternativen. Dabei böten der Postparc und die Schanze genügend Raum für etwaige Veloparkplätze. Die Knacknuss liegt in der Verkehrsführung des gesamten Gebiets vom Bollwerk bis Hirschengraben/Schanzenstrasse mit dem Kernbereich Bahnhof- und Bubenbergplatz. Dieser soll unverständlicherweise erst nach 2035 beplant werden.

Dabei kommen zwei Aspekte zum Tragen: die Frage des Durchgangsverkehrs, dessen Reduktion unumgänglich ist, auch wenn Wirtschaftsverbände und die TVS heute noch dagegen sind, sowie die Gestaltung des Bubenbergplatzes. Diese böte die Chance, nicht nur eine neue Tramhaltestelle zwischen den beiden SBB-Zugängen anzulegen, sondern den Platz als Stadtraum zurückzugewinnen – was auch positive Auswirkungen auf den Hirschengraben hätte. Das aber würde voraussetzen, dass die Stadt endlich mit der Bevorzugung von Einzelinteressen aufhört und ein integriertes Konzept vorlegt.

Der Autor ist Professor für Architektur­geschichte und Denkmalpflege an der Universität Bern und Mitglied des Baustellen-Kolumnenteams.

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