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Aufgespiesste Zitrone und schwarze «Einschlafwerke»: Das Kunstmuseum Thun zeigt unter dem Titel «Kunstmahl!» die diesjährigen Gewinner des Aeschlimann-Corti-Stipendiums.

Aufgespiesste Sehnsucht: «Ohne Titel (ohne Heimat)» von Lorenzo Salafia.

Aufgespiesste Sehnsucht: «Ohne Titel (ohne Heimat)» von Lorenzo Salafia.

(Bild: zvg)

Der Künstler Lorenzo Salafia steht vor seinem Werk und sagt lachend: «Schade, immer wenn ich über eine Arbeit von mir sprechen muss, mache ich sie mit Worten kaputt.» Tut er nicht. An der Wand hängt ein Ast, nein besser, ein zugespitzter «Brätlistecken» mit aufgespiesster Zitrone. Seine «innere Zerrissenheit» hat der Sohn eines Sizilianers in ein starkes Bild überführt mit dem Titel «Ohne Titel (ohne Heimat)». Wir alle kennen das Land, wo die Zitronen blühen. Diese hier ist übrigens echt und wird im Laufe der Ausstellung langsam verdorren – «so wie meine sizilianische Seite auch immer mehr verkümmert, ob ich das will oder nicht».

Der garantiert unechte Schweizer Holzstecken ist allerdings schwer und solide, er ist nämlich aus Bronze. Allein die Zitrone, darauf weist der Künstler hin, ist nicht einfach dem Verfall preisgegeben. Säuretropfen werden hinunterfallen und auf dem Bronzeast ihre Spuren hinterlassen. Der in Worblaufen lebende Lorenzo Salafia (geboren 1983) hat mit dieser Arbeit und mit der Installation «Tigre contro Tigre» (2018) einen der drei Förderpreise des Louise-Aeschlimann-und-Margareta-Corti-Stipendiums 2019 in der Höhe von 10000 Franken gewonnen. Das seit 1942 vergebene Stipendium gehört zu den wichtigsten privaten Förderinstrumenten im Kanton Bern für bildende Künstlerinnen und Künstler, die unter 40 Jahre alt sind und einen Bernbezug aufweisen können.

Säuretropfen werden hinunterfallenund auf dem Bronzeast ihre Spurenhinterlassen.

Eine Boygroup aus Bümpliz

Die diesjährige Jury, präsidiert von Eva Inversini, prüfte 60 Bewerbungen; deren 21 haben es in die Ausstellung geschafft. Auffallend sei die grosse Anzahl von Duos oder Kollaborationen in diesem Jahrgang, sagt Eva Inversini. Es sehe fast so aus, als ob der Geist der Sharing-Economy auch die Kunst erfasst habe. Eine dieser Gruppenarbeiten empfängt den Besucher gleich zum Auftakt der Ausstellung. An der einen Wand hängen wie ein Triptychon drei Frottiertücher mit den aufgedruckten Konterfeis von drei schwitzenden Jünglingen in normierten Rockstarposen.

Auf einem Sockel liegen die zusammengefalteten Frottiertücher (die übrigens auch im Museumsshop gekauft werden können), während gegenüber in einer Videoperformance im Geiste der Selbstoptimierung der Liebessong «Isotonisch» unter der Dusche dargeboten wird: Liebe als ein isotonisches Getränk, das schnell einfährt, aber auch schnell wieder seine Wirkung verliert. Die drei Künstler David Bregenzer, Samuel Rauber und Jonas Weber haben in «Project Boyband: Chic» in Bümpliz eine Band gegründet und thematisieren in diesem klugen Kunstprojekt auch die mediale Konstruktion von Männlichkeitsbildern.

Verschwundenes Werk: «Vanishing Point» (2019) von Karen Amanda Moser.

Weitere Förderpreise erhielten Sabrina Röthlisberger (geboren 1988) für eine feministische Bibliothek namens «Notre Matrimonie» mit Büchern, Edelsteinen und weissen Handschuhen. Die in Bern lebende Nina Rieben (geboren 1992) wurde für Arbeiten aus ihrer Serie «Einschlafwerke» prämiert – fast monochrome schwarze Flächen, die bis zu einem monumentalen Format von 3 × 7 Metern reichen. Unter dem Titel «Lächerlich radikal entfernter Inhalt» steht man diesem «Stillleben» gegenüber und befindet sich in einem Bereich zwischen Wach- und Schlafzustand, ehe man winzige, lodernde Flammen im schwarzen Meer entdeckt.

Mit dem Hauptstipendium in der Höhe von 20'000 Franken wurde die 31-jährige Thunerin Karen Amanda Moser ausgezeichnet. Die Jury war begeistert von einer Künstlerin, die mit «minimalen Gesten» Denkräume zu eröffnen vermag und Fragen der Autorschaft in der Kunst reflektiert. So hat sie in «Vanishing Point» auf Atelierfotos, die sie jeweils zu Dokumentationszwecken bei der Einreichung von Wettbewerbsdossiers benutzt, die dar­auf abgebildeten Werke mittels Photo­shop entfernt. Zurück bleiben geisterhafte Umrisse von Gewesenem – ein durchaus preiswürdiger Erinnerungsraum.

Die Ausstellung wird am Donnerstag um 18.30 Uhr eröffnet und dauert bis zum 18. August.

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