Sie verwaltet mehr, als sie gestaltet

Isabelle Chassot leitet seit knapp vier Jahren das Bundesamt für Kultur. Was sie durchsetzt, sorgt immer wieder für Unverständnis und Wut.

Was sie persönlich denke, sei nicht relevant, sagt Isabelle Chassot. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Was sie persönlich denke, sei nicht relevant, sagt Isabelle Chassot. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Mangelndes Verständnis für Kultur, Technokratismus oder gar «Zahlenstalinismus», wie es jüngst in einem Leserbrief hiess: Harte Vorwürfe werden gegen das Bundesamt für Kultur (BAK) und seine Direktorin erhoben. Dabei begann alles so verheissungsvoll: Gut ein Jahr war Isabelle Chassot im Amt, da erklärte sie, sie vertrete «die Bedürfnisse und Interessen der Kultur und der Kulturschaffenden». Das war 2014.

Drei Jahre später verlieren einige Museen ihre BAK-Gelder. Künstlerverbände müssen miteinander fusionieren, sonst erhalten sie keine Unterstützung mehr vom Bund. Anfang Juli machte der TA zudem publik, wie das Amt für seine Kunstpreise Steuergelder verschleudert – über 100'000 Franken etwa für Internetvideos zu den Literaturpreisen, die sich fast niemand anschaut. «Eventuell Auftrag an Geschäftsprüfungskommission, das mal anzusehen?», fragte CVP-Präsident Gerhard Pfister auf Twitter.

Kein Talent für Musik

Chassot, ebenfalls CVP-Mitglied, hatte keine Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äussern. Erst nach einer Dienstreise in die Elfenbeinküste und bevor sie für zwei Wochen in die Ferien fährt, auf die eine weitere Dienstreise folgt, hat sie am Rand des Filmfestivals Locarno eine Stunde Zeit: Im Gespräch soll es ums grosse Ganze der Kulturpolitik, aber auch darum gehen, welchen Bezug die Juristin zur Kultur hat. «Ich habe ein ­enges, persönliches Verhältnis in dem Sinne, dass ich selbst gerne Kultur geniesse», sagt Chassot. Auch zur öffentlichen Kulturförderung habe sie einen starken Bezug. «Als Regierungsrätin in Freiburg war ich während mehr als zwölf Jahren für die Kultur zuständig. Ich kenne also auch die Perspektive der kantonalen Kulturförderung.» Als Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren war Chassot zudem an der Gründung des Nationalen Kulturdialogs beteiligt. «Ich weiss also um die Wichtigkeit einer Kulturpolitik, die aus dem Austausch zwischen allen Staatsebenen entsteht und von diesen gemeinsam getragen wird.»

Die Fragen fürs Gespräch mussten vorab eingereicht werden. Stellt man eine, die nicht auf der Liste war, wird Chassot unsicher. Bei der Frage etwa, ob sie ein Musikinstrument spiele oder Kunstgeschichte studierte, was ihre Affinität für Kultur unterstreichen würde. «Ich selbst hätte sehr gerne musiziert und ich habe es in der Schulzeit auch versucht, aber ich hatte leider überhaupt kein Talent. Mein Studium hat sich auf Jura konzentriert. Daneben, wie auch später als Politikerin, war ich oft im Vorstand von Laienorganisationen im Bereich Musik und Theater, wo es auch immer darum ging, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren.»

Im Mai 2013 wurde Chassot zur BAK-Direktorin ernannt. Alain Berset soll sie zur Bewerbung ermutigt haben. Der Bundesrat und seine Kulturdirektorin, beide aus Freiburg, kennen sich seit Jahrzehnten, haben schon auf kantonaler Ebene kooperiert. Das Innendepartement betont, dass Chassot das übliche Verfahren durchlief, wozu auch ein externes Assessment gehörte. Chassot war zudem schon vor ihrer Wahl in der Bundespolitik aktiv – als Beraterin von Arnold Koller und Ruth Metzler. Seither wurde Isabelle Chassot als Kandidatin für grosse Aufgaben gehandelt, etwa für die SRG-Generaldirektion oder als Bundesrätin. Chassot lehnte eine Kandidatur jeweils ab.

«Kultur und Bildung sind essenziell für die Entfaltung eines jeden.»

Was motivierte sie, sich als Direktorin des BAK zu bewerben? «Die Gewissheit, dass Kultur einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten kann, vor allem in einem mehrsprachigen Land. Aber auch die Überzeugung, dass Kultur und Bildung essenziell sind für die Entfaltung eines jeden wie auch für die Entwicklung der Gesellschaft. Und schliesslich das Interesse, diese Gewissheit und diese Überzeugung auf der Bundesebene weiterhin zu teilen zu versuchen, wie ich das zuvor auf der kantonalen Ebene getan hatte.»

Zusammenhalt, Entfaltung und Entwicklung: Die jüngsten Entscheidungen fielen hart aus, etwa bei den Museen. Und dies, obwohl dem Bund seit 2017 eine Million Franken mehr zur Verfügung steht. Besonders schwer trifft es das Alpine Museum in Bern, das seit 2011 vom BAK unterstützt wird; das Parlament erhöhte die Bundessubvention für das Museum bis auf eine Million. In der Förderperiode 2018 bis 2022 soll sie auf 250'000 Franken gekürzt werden. Damit steht das Museum vor dem Aus.

Ist das verantwortungsbewusste Kulturpolitik? «Öffentliche Kulturförderung bedingt einen Verfassungs- und gesellschaftlichen Auftrag», sagt Chassot. «Der Auftrag wird dem BAK alle vier Jahre von Bundesrat und Parlament über die Kulturbotschaft bestätigt. Handlungsmöglichkeiten für den Bund ergeben sich dann, wenn Kultur gesamtschweizerisch wird – im Austausch zwischen den Sprachregionen, aber auch gegenüber dem Ausland. Zudem untersteht die Kulturpolitik des Bundes dem Subsidiaritätsprinzip, was gerade bei der Förderung der Museen und Sammlungen Dritter von zentraler Bedeutung ist. Deswegen wurde der Systemwechsel bei der Museumförderung mit den Kantonen, Gemeinden und Städten im Rahmen des Nationalen Kulturdialogs eingehend diskutiert. Die Frage ist also nicht, was ich persönlich denke, sondern was das BAK politisch legitimiert.»

Facebook-Likes als Massstab

Politisch legitim ist für das BAK unter anderem, was mit der Kulturbotschaft und den jeweiligen Verordnungen in Deckung gebracht werden kann. Dort ist etwa festgehalten, dass sich das Bundesamt nur zu einem Drittel am Gesamtbudget eines Museums beteiligen kann. Das schloss das Schweizerische Architekturmuseum in Basel aus, das bisher fast 80 Prozent seiner öffentlichen Gelder vom BAK erhielt. In anderen Bereichen gab es für das BAK durchaus einen Ermessensspielraum, etwa in der Frage, wie gut ein Museum ist (das Urteil hat Einfluss auf die Höhe der Subvention).

«Wenn wir öffentliche Gelder verteilen, ist es wichtig, dass wir unter anderem das Prinzip des Gleichheitsgebots einhalten.» Das gelte auch für jene Museen, die sich in diesem Jahr erstmals beim BAK für Betriebsbeiträge bewerben konnten. «Das war ja der Systemwechsel, den wir vollzogen haben», sagt Chassot. Die Kulturbotschaft sah vor, den Wechsel erst auf 2021 zu vollziehen. «Das Parlament war anderer Meinung und forderte den Wechsel schon per 2018. Wobei Bundesrat Berset im Parlament auf die möglichen Konsequenzen für die Museen, die bis jetzt unterstützt wurden, hingewiesen hatte.» Die Museen habe man sofort informiert. «Weil wir uns bewusst waren, dass der Vollzug des Systemwechsels innerhalb von nur sechs Monaten die Institutionen, die nicht mehr gefördert werden oder deren Förderung gekürzt wird, schwer treffen, ist in der Förderverordnung die Zahlung eines Übergangsbetrags für das Jahr 2018 vorgesehen worden.» Damit sollten die betroffenen Museen ein Jahr mehr Zeit erhalten, um sich auf die neue Situation einzustellen. «Wenn Entscheide auf der Basis von Kriterien fallen, die standhalten sollen und objektiv sind, dann müssen wir sie umsetzen.»

Was die Kriterien und die Gleichbehandlung betrifft, gibt es Zweifel: Ausgerechnet dem Basler Haus der elektronischen Künste, das sich als einzige Institution auf Digitalkunst konzentriert, hat das BAK die Mittel massiv gekürzt. Und dies, obwohl die Kulturbotschaft die Digitalisierung als «Megatrend» definiert hat. Neu gefördert werden dafür vier Museen aus der Romandie. Ein Ergebnis von Chassots politischen Loyalitäten? «Der Standort der Museen spielte bei der Bewertung keine Rolle; in der Verordnung steht auch nichts von einem geografischen Kriterium. Wir haben uns bei den Museen ganz auf die Meinungen der Experten gestützt. Als Romande bin ich aber nicht überrascht, dass es auch förderungswürdige Museen in der Westschweiz und im Tessin gibt.»

«Ich habe ein enges, persönliches Verhältnis zur Kultur in dem Sinne, dass ich gerne Kultur geniesse.»

Vor zwei Jahren erlitt das BAK eine Niederlage: Mit dem Schweizerischen Bühnenverband musste ein Vergleich geschlossen werden. Seither will man möglichst viel Numerisches haben, um nicht erneut zu scheitern. So mussten die Museen und Verbände über Seiten hinweg Zahlen eintragen, etwa zu ihren Facebook-Likes. Chassot sprach denn auch ganz offen von «Killerkriterien».

Zahlen lässt die BAK-Direktorin nicht gelten, wenn sie gegen die eigene Arbeit sprechen. Wenn man etwa die Wirksamkeit der Kulturpreise bestreitet, deren Verleihung Alain Berset so gerne für seine Selbstdarstellung nutzt und die doppelt so viel wie die Verbände und fast so viel wie die Museen kosten, die das BAK via Ausschreibung unterstützt – also etwas über 5 Millionen Franken.

Nur die Hälfte davon geht direkt an die Preisträger; der Rest fliesst in «Promotion und Vermittlung». Dazu gehören die Porträts der Literaturpreisträger, die über 100'000 Franken kosten. Ist das sinnvoll, wenn sich die Videos fast niemand anschaut? Die Porträts seien für das Kulturerbe und das Verständnis der Preisträger wichtig, sagt Chassot. «Sie erzählen sehr viel darüber, was es bedeutet, heute als Schweizer oder in der Schweiz literarisch zu schreiben. Das soll auch in Zukunft erhalten bleiben. Wenn wir schon Preise vergeben, dann wollen wir nicht nur eine Zeremonie veranstalten, sondern auch etwas für das historische Gedächtnis in Bezug auf die staatliche Kulturförderung tun.»

Erfolgloses Theatertreffen

Die Grosszügigkeit, mit der das BAK seine eigene Kulturpolitik dokumentiert und feiert, wird von vielen kritisiert, da sie mit Sparzwängen bei den Künstlerverbänden einhergeht. Etwa von der Clownin Gardi Hutter, die selbst der Theaterpreis-Jury des BAK angehört, oder von Heinz Holliger, der 2015 den mit 100'000 Franken dotierten Grand Prix Musik des BAK erhielt. Für beide sind die jetzigen Verbände unverzichtbar. Etwa die Kleinkunstvereinigung KTV, die eine Börse in Thun ausrichtet, die das BAK künftig nicht mehr unterstützt, aber vielen Künstlern gerade am Anfang ihrer Karriere zu Auftritten verhilft, zuletzt Hazel Brugger.

Bei seinen eigenen Bemühungen in Sachen Promotion und Vermittlung scheiterte das BAK wiederholt. Zum Beispiel beim Schweizer Theatertreffen, auf dem 2017 die Schauspielerin Ursina Lardi nach dem Schweizer Filmpreis auch noch den Schweizer Theaterpreis von Alain Berset überreicht bekam. Und das in diesem Jahr in Lugano mit seinen 13 Aufführungen gerade mal 1600 Zuschauer anzog – bei einem Budget von rund 680'000 Franken. Man gewann den Eindruck, dieses Treffen sei eine Feier der Deutschschweizer Theaterszene, so viele kannte man mit Namen.

«Ihre Auswertung ist nicht die unsere und auch nicht jene, die wir mit den Organisatoren und Vertretern der Theaterbranche gemacht haben», erwidert Chassot. Als sie selbst im Saal sass, habe sie mehr Italienisch als Deutsch gehört. «Beim Theatertreffen geht es auch darum, dass die Bühnenkünstler aus den unterschiedlichen Sprachregionen eine Neugier aufeinander entwickeln können.» Man müsse dem Treffen, das in diesem Jahr erstmals im Tessin stattfand und insgesamt erst vier mal ausgerichtet wurde, zudem die Chance geben, «dass es sich entwickeln kann, was ja auch geschah: Bei seiner ersten Austragung in Winterthur dauerte das Theatertreffen zehn Tage, jetzt nur noch vier Tage.» Statt einer Konzentration erreichte die Massnahme aber das Gegenteil: Die Eintritte sanken – von 2500 bei der ersten Austragung auf 1600 beim Treffen in Lugano, was einer erfolgreichen Kulturpolitik widerspräche. Zumindest, wenn man Zahlen als Kriterium gelten liesse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 17:26 Uhr

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