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«Sie verschwanden einfach»

Ivan Lefkovits ist einer der letzten Überlebenden des Holocausts. Ihm und dreizehn anderen, die in der Schweiz eine neue Heimat gefunden haben, ist eine Ausstellung im Berner Kornhausforum gewidmet.

«Wir fuhren durch das zerstörte Deutschland nach Hause, und es tat uns gut, das zu sehen»: Ivan Lefkovits, geboren 1937.
«Wir fuhren durch das zerstörte Deutschland nach Hause, und es tat uns gut, das zu sehen»: Ivan Lefkovits, geboren 1937.
Beat Mumenthaler © Gamaraal Foundation

Die Fahrt in die Hölle dauert Tage. Es ist eng in den Viehwaggons, die Menschen frieren, leiden an Hunger und Durst: Die Deportation ins Konzentrationslager Ravensbrück wird Ivan Lefkovits immer in Erinnerung bleiben. Damals war er erst acht Jahre alt. Obwohl er die Verfolgung der Juden in der Tschechoslowakei, einen Todesmarsch und die Haft in zwei Konzentrationslagern überstehen musste, ist der heute 80-jährige Immunologe nicht verbittert. Im Gegenteil: Er wirkt warmherzig und aufgeschlossen. Man sieht ihm weder sein hohes Alter noch seine schwere Vergangenheit an. Mit überschlagenen Beinen sitzt er in seinem Büro in Basel und erzählt. Es ist eine Geschichte vom Überleben.

«Meine frühe Kindheit verbrachte ich sehr behütet», sagt Lefkovits. Er wird 1937, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, im tschechoslowakischen Prešov geboren. Mit zarten sechs Jahren bekommt er die Verfolgung der Juden in der Tschechoslowakei das erste Mal zu spüren: Als jüdisches Kind durfte er nicht eingeschult werden. «Ich merkte aber schon vorher, dass etwas nicht in Ordnung war», sagt er. Denn der ältere Bruder Paul kam oft bedrückt von der Schule nach Hause. «Er war den Schikanen seiner Mitschüler bereits ausgesetzt.»

Schliesslich fühlt sich Familie Lefkovits in ihrer Heimat nicht mehr sicher. Sie erwägt 1944 eine Flucht nach Ungarn. Die Deportationen begannen zwar schon Jahre vorher, aber die Familie gehörte zu den «geschützten Juden». Denn der Vater war Zahnarzt und die Mutter Apothekerin. Deshalb galten sie dem Deutschen Reich als wirtschaftlich wertvoll. Doch man wusste nicht, wie lange der Krieg noch dauern und diese Regelung noch in Kraft bleiben würde. «Wir glaubten, die Verhaftungen würden schon irgendwann aufhören. Aber sie hörten nicht auf.»

«Wir sassen in der Falle»

Allerdings kam die Entscheidung, sich abzusetzen, bereits zu spät. Denn Ungarn wurde in diesem Jahr ebenfalls von deutschen Truppen besetzt. «Ich und mein Papa waren bereits in Budapest, als auch dort die Deportationen begannen. Wir sassen in der Falle.» Ivan Lefkovits gelang jedoch die Heimkehr nach Prešov. Der Vater blieb in Ungarn zurück. In Prešov war aber nichts mehr wie früher. Lefkovits, seine Mutter Elisabeth und sein Bruder Paul mussten sich fortan verstecken. Im November 1944 wurde die Familie schliesslich verraten, von der Gestapo verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. «Wir fürchteten, das sei der Anfang vom Ende.»

Bei der Ankunft in Ravensbrück herrscht Gedränge. Angst und Verzweiflung greifen um sich. Lefkovits und seine Mutter werden von Paul getrennt. Weil dieser schon vierzehn ist, muss er ins Männerlager. «Wir haben meinen Bruder danach nie wieder gesehen.» Die Trennung sei zwar vorauszusehen gewesen, so Lefkovits. Aber sie habe ihn und seine Mutter dennoch tief getroffen. Jahrzehnte später erfuhr er, dass Paul in den Gaskammern umgekommen war.

Um ihrem Sohn eine grössere Überlebenschance zu bieten, arbeitete Elisabeth Lefkovits freiwillig in einem Arbeitskommando. «Dafür bekam sie eine zusätzliche Ration Suppe, die sie mir dann gab.» In der Nacht schliefen sie auf Strohsäcken in einer Baracke. Wer im Schlaf starb, wurde am nächsten Morgen hinausgetragen. Wohin, das wusste Lefkovits nicht. «Sie verschwanden einfach.» Nicht nur mit dem Tod wurde er nun laufend konfrontiert, sondern auch mit der Niedertracht der Menschen. «Es wurde viel gestohlen.» Es sei nicht möglich gewesen, einen Kanten Brot unter dem Kopfkissen zu verstecken. «Sonst war er am nächsten Morgen weg.»

Im Winter 1945 dann die drastische Änderung: Das Frauenlager Ravensbrück wird evakuiert. Eine Reise ins Ungewisse beginnt. Mit Lastwagen und Zügen werden die Häftlinge weggebracht. Die letzte Strecke muss zu Fuss bewältigt werden: Es wird ein Todesmarsch ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Viele der Häftlinge sterben mitten auf dem Weg – völlig erschöpft oder erschossen. Die Ankunft in Bergen-Belsen ist Lefkovits lebhaft im Gedächtnis geblieben. Was er dort sah, konnte er nie mehr vergessen: Links und rechts neben dem Weg lagen Leichen – überall waren Menschen gestorben und einfach liegen gelassen worden. «Uns war klar, dass wir selbst nur einige Tage vom Tod entfernt waren.»

Wer in Ravensbrück gestorben sei, habe noch seinen Namen und seine Geschichte gehabt. In Bergen-Belsen waren es namenlose Gesichter. Das Lager war zudem masslos überfüllt, es herrschte Gestank, Leid und Tod. Die Menschen starben in den Baracken – und wurden einfach dort gelassen. Aus den Leichen in den oberen Schlafkojen traten Exkremente aus und tropften durch die Bretter auf die Lebenden hinunter. Denn niemand hatte die Kraft, sie hinauszutragen.

Die Zustände seien unvorstellbar gewesen, erinnert sich Lefkovits. Die Menschen seien gestorben wie die Fliegen. «Bergen-Belsen war ein Lager, in dem es die Aufseher nicht mehr schafften, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Das Gefühl von Gefahr war allgegenwärtig.» Doch seine Mutter habe ihm stets Mut zugesprochen.

«Das war blosser Zufall»

Am 15. April 1945 rollt plötzlich ein britischer Jeep in das Lager. Die deutschen Aufseher haben die Häftlinge bereits sich selbst überlassen. Die Befreiung ist endlich da. Doch es dauert zwei weitere Tage, bis Lefkovits und seine Leidensgenossen endlich Wasser bekommen. «Die Briten waren einfach überfordert mit dem, was sie sahen», vermutet Lefkovits. Drei Wochen nach der Befreiung aus dem Lager endete der Zweite Weltkrieg. «Ich habe mich relativ rasch erholt», sagt er. Bald konnten Mutter und Sohn die Heimreise nach Prešov antreten. Zu Hause erfuhren sie, dass Bruder und Vater nicht überlebt hatten.

Warum gerade er den Krieg überlebt hat, darauf weiss Ivan Lefkovits keine Antwort. «Wer am Leben blieb oder starb – das war blosser Zufall.» Seine Mutter habe die Strapazen wohl nur überstanden, weil sie wollte, dass ihr Sohn überlebt. All das Leid hat ihm dennoch nicht die Lebensfreude geraubt. Er verspüre heute keinen Groll gegen deutsche Staatsbürger, sagt Lefkovits. «Die Menschen, die mir etwas angetan haben, die sind alle schon tot.» Die Heimreise in die Tschechoslowakei sei für ihn damals ein prägendes Erlebnis gewesen. «Wir fuhren durch das zerstörte Deutschland, und es tat uns gut, das zu sehen», sagt er. Zu Hause fühlte er sich dann wie reingewaschen. «Ich brauchte die Deutschen nicht zu hassen, denn sie hatten bekommen, was sie verdienten.»

Die Gruppe wird immer kleiner

Ivan Lefkovits besucht heute regelmässig mit anderen Überlebenden die Gedenkstätte in Bergen-Belsen. Aber die Gruppe werde immer kleiner. 1969 ist Lefkovits mit seiner Frau Hana und ihrem gemeinsamen Sohn Michael in die Schweiz gekommen. Seit 1984 haben sie das Schweizer Bürgerrecht. Über seine Erfahrungen hat Lefkovits in der Memoirensammlung von Holocaust-Überlebenden «Mit meiner Vergangenheit lebe ich» berichtet. Es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er seine Geschichte erzählt. Und das ist gut so. Weil es auch eine Geschichte gegen das Vergessen ist.

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