Sie packt ihre Dämonen beim Schopf

Die junge Performerin Martina «Momo» Kunz macht Theater über die eigenen Schattenseiten. Es ist das Ergebnis einer jahrelangen Selbstsuche.

«Probleme werden individualisiert»: Martina «Momo» Kunz.<p class='credit'>(Bild: Franziska Scheidegger)</p>

«Probleme werden individualisiert»: Martina «Momo» Kunz.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Wenn Martina Kunz spricht, drehen sich die Köpfe. Sie besitzt ja auch ein kräftiges Stimmorgan; vor allem aber strahlt die Bernerin eine Präsenz aus. Man kann mit ihr in einem geschäftigen Altstadtcafé dieser Stadt sitzen, sie vertieft sich so lange in eine Frage, bis sie eine Antwort findet. Und wirkt trotzdem nicht vergrübelt, sondern immer hellwach. Und vergnügt.

Schwer zu glauben, dass es der Selbstzweifel ist, der sie antreibt. So sagt sie es selbst, die im Schlachthaus-Theater ihr neues Stück «Schmerzfreie Gesellschaft» zeigen wird. Und zwar mit dem Kollektiv Les Mémoires d’Hélène, dessen Kern Martina Kunz ist; für Projekte sucht sie sich jeweils die passenden Leute zusammen. «Schmerzfreie Gesellschaft» ist das zweite Stück, das sich Kunz ausgedacht hat. Und wie in ihrer ersten abendfüllenden Soloperformance von 2017, die sich um Suizid drehte, geht es auch jetzt wieder ans Eingemachte. Um die eigenen Schattenseiten, sagt Martina Kunz.

Inspirierende Massage

Doch ihr ist auf der Bühne die «Transformation» wichtig: die Verwandlung von Schmerz in etwas Befreiendes. Mehr als die Frage, wie man Versehrungen wieder los wird, interessiert sie jene, wie man mit dem Kummer leben kann. «Heute werden Probleme schnell individualisiert und pathologisiert. Dabei hat eine innere Zerrissenheit auch mit der Welt zu tun, in der wir leben.»

Und letztlich sei es das Unglück, das die Freude erst möglich mache, und damit auch tiefe Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Davon, was Schmerz für einen Wert haben kann, handelt die «Schmerzfreie Gesellschaft». Die Idee dazu ist Martina Kunz während einer Thai-Massage gekommen. «Es hat so wehgetan. Die Freundin, die mich massiert hat, sagte nur: Du musst immer mit dem Schmerz mitgehen, dann kommt es gut.»

Hausbesetzerin Momo

Ein Prinzip, das wir im Alltag kaum befolgen: Seit Social Media bewegen wir uns zunehmend in Echokammern, in «Wohlfühlblasen», sagt Martina Kunz. Konflikten mit Andersdenkenden könnten wir viel leichter aus dem Weg gehen. Statt auf der Bühne politisch zu werden, wählt Kunz aber lieber die persönliche Ebene – die sei ihr näher und könne vielleicht sogar verbindend wirken, sagt sie.

Gemeinsam habe man in der Gruppe nach seinem jeweiligen «Urbedürfnis» gesucht, das laut der amerikanischen Schauspiellehrerin Susan Batson jede Person habe, aber das man stets zu verschleiern versuche. «Vermeidungstaktik» nennt Martina Kunz das Vorgehen. Und es passt eigentlich gar nicht zu ihr selbst, die vielmehr wirkt, als würde sie ihre Dämonen mutig beim Schopf packen.

Mit fünfzehn ist sie von daheim ausgezogen, hat in besetzten Häusern gelebt und sich schliesslich bei einer Schule für Bewegungstheater angemeldet. Während jener Zeit gab sich Martina Kunz den Übernamen Momo, um bei Hausbesetzungen nicht gleich von der Polizei identifiziert zu werden. Auch wenn sie mittlerweile eine andere ist – der Name hat sich bis heute gehalten.

«Wie der letzte Johnny»

Für Martina «Momo» Kunz folgten Jahre der Selbstsuche. An der Jazzschule begann sie eine Gesangsausbildung, brach sie ab, reiste nach Brasilien, lernte Portugiesisch und verdiente als Backgroundsängerin einer Popmusikerin ihr Geld. Zurück in der Schweiz verkehrte Kunz in der Bieler Freejazzszene, wo sie mit Loopgeräten und eigenen Texten auftrat. Sie entschied sich für ein Studium am Literaturinstitut, wo sie sich «wie der letzte Johnny» vorgekommen sei: «Ich war nicht mal im Gymnasium, während dort die meisten schon studiert haben.»

Nach dem Abschluss wollte sie zuerst «nie mehr eine Zeile schreiben». Denn sie habe gemerkt, das sei auch nicht sie: eine, «die zwei Jahre im Kämmerlein an einem Roman arbeitet». Erst mit der Gründung des Kollektivs Phantomschmerz, ihrer ersten Theatergruppe, brachte sie 2013 die verschiedenen Disziplinen zusammen, die sie bisher nur einzeln verfolgt hat.

Seither macht Martina Kunz mit einem punkigen Körpertheater ein immer breiteres Publikum auf sich aufmerksam. Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie zwar nebenher noch Nachtschichten in einer Bar in Zürich, wo sie schon lange lebt. Mit Theater mache sie aber sicher weiter. «Was soll ich sonst?» Sie lacht, befreit.

«Schmerzfreie Gesellschaft» ist am 10., 11. und 12. Januar jeweils um 20 Uhr im Schlachthaus-Theater zu sehen.

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