Sex und Koks in Sin City

Die Musiktheatersaison im Stadttheater startet mit Mozarts «Don Giovanni». In der Regie von Matthew Wild wird die Geschmacklosigkeit zum Prinzip erhoben.

Glimmer und Glitzer im Casino des Lebens: Don Giovanni (Todd Boyce, stehend rechts) und der Chor von Konzert Theater Bern.

Glimmer und Glitzer im Casino des Lebens: Don Giovanni (Todd Boyce, stehend rechts) und der Chor von Konzert Theater Bern. Bild: Philipp Zinniker

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Man kann es Konzert Theater Bern nicht verargen, nach dem Grosserfolg mit «Le Nozze di Figaro» im letzten November die Saison wiederum mit einer Oper von Mozart und da Ponte in Angriff zu nehmen. Keine originelle Werkwahl, so wenig wie später in der Saison «Trovatore» oder «Carmen», aber sichere Werte allesamt. Wie sollte man mit «Don Giovanni» auch falsch liegen, gilt das Werk doch seit E.T.A. Hoffmann als «Oper aller Opern».

In allen drei Libretti von Lorenzo da Ponte für Mozart geht es um Sex: Treue und Partnertausch («Così»), Untreue und Klassenkampf («Figaro») und um mass- und grenzenlosen Sex im «Giovanni» – Sex sells.

Das nimmt der südafrikanische Regisseur Matthew Wild vielschichtig wörtlich. Er siedelt die Handlung in einem glitzernden Amerika der Achtzigerjahre an und bedient ironisch Klischee um Klischee. Ein Sündenbabel mit vielen Versatzstücken, eine wahre Sin City: Spielautomaten, Baseballschläger, Schnellhochzeiten, Pole Dance und Playboyhäschen – alles da.

Schonungslose Scheusslichkeit

Diese Szenerie ist ein gefundenes Fressen für Ingo Krügler, dessen Kostüme die Mode-Scheusslichkeiten der Achtziger schonungslos vorführen. Glimmer und Glitzer, hochhackige Schuhe und Anzüge, deren Farbe das Auge schmerzt. Dies alles findet in einem Bühnenbild (Kathrin Frosch) statt, dessen Furnierwände die vielen Verwandlungen problemlos machen, aber auch an den schrecklichen Charme jener Zeit erinnern.

Da liegt ein Problem der Produktion, denn wer die Geschmacklosigkeit zum Prinzip erhebt, nimmt in Kauf, dass das Publikum ihrer dann doch etwas überdrüssig wird. Es gibt viele gute Ideen in diesem «Don Giovanni». Die Gastauftritte von Elvis und Liberace im Casino gehören dazu oder Leporellos Katalog in Form zahlloser VHS-Kassetten. Video in der Oper gabs zum Überdruss, aber selten so schlüssig eingesetzt wie hier: Auf zwei Monitoren flimmern mal Bilder der Überwachungskamera, mal Elviras Zimmermädchen – und hin und wieder Giovannis gefilmte Übergriffe, die reihum den gehörnten Männern die Augen öffnen. Entbehrlich wäre anderes wie die Statue des Komturs als bronzener Pegasus. Alles in allem aber ist es intelligentes Theater, das überraschenderweise das Werk in keiner Weise strapaziert, was wohl daran liegt, dass der 230-jährige Stoff nun mal zeitlos ist und bleibt.

Es gibt viele gute Ideen in diesem «Don Giovanni». Die Gastauftritte von  Elvis und Liberace im Casino gehören dazu.

Gesungen wird vorzüglich, von Sängerinnen und Sängern wohlgemerkt, die alle aus dem Ensemble stammen; ein beeindruckender Leistungsausweis also zum Saisonstart. Die beiden adeligen Frauen sind bei Evgenia Grekova (Donna Elvira) und Elissa Huber (Donna Anna) in besten Händen, neurotisch überdreht die eine, zutiefst gefühlsverwirrt die andere. Grekova mit etwas abgedunkeltem, Huber mit höhensicher hellem Sopran.

Er tanzt allen auf der Nase herum

Der hier gespielten Wiener Fassung ist es geschuldet, dass dem ansonsten als Spieltenor erfolgreichen Andries Cloete nur die eine Arie des Don Ottavio («Dalla sua pace») zugestanden wird, die er jedoch formvollendet und biegsam gestaltet. Young Kwon als Komtur hätte mit etwas mehr Bassschwärze und Durchschlagskraft auftrumpfen dürfen. Für die hier hochschwangere Zerlina findet Eleonora Vacchi die Balance zwischen Koketterie und jugendlicher Unsicherheit. Doch so leicht lässt sich Carl Rumstadt nicht um den Finger wickeln, sein Masetto ist ein misstrauischer Wutbürger. Heute würde er wohl Trump wählen – und das ist vielleicht die Botschaft dieser Regie: Don Giovanni tanzt allen auf der Nase herum und trotzdem bleiben sie ihm irgendwie ergeben.

Idealer Flegel

Todd Boyce als Giovanni bewegt sich in diesem Casino des Lebens wie ein Fisch im Wasser. Er flirtet, flattiert, kokst, prügelt, belügt und betrügt der Reihe nach alle. Enthemmt und verwöhnt, triebhaft und zynisch. Ein Wüst- und Widerling, ein adeliger Aussenseiter, der sich um nichts schert, das aber konsequent bis zum eigenen Ende. Boyce ist eine ideale Besetzung für diesen Flegel. Sein heller, schlank geführter und doch kerniger Bariton hebt sich vom dunkleren Michele Govis deutlich ab; dessen Leporello könnte auch Giovannis Vater sein, angesichts seines Sprösslings längst verzweifelt: ein resignierter, frustrierter, sarkastischer Diener seines Herrn. Hier stellt sich Govi, üblicherweise ein raumgreifender Sänger, ganz in den Dienst des Konzepts. Er ist der Croupier und kennt die Regeln – und den Ausgang des Spiels. Es ist auch das Spiel des Berner Symphonieorchesters: Einzig die Anfangstakte lassen an Wucht und Präzision zu wünschen übrig. Dann aber spielt das Orchester wunderbar aufgefächert, transparent und farbenreich.

Kevin John Edusei am Pult kostet die reiche Partitur aus mit schlank entschlacktem Ansatz. Der klangklare Chor ist auch optisch präsent, der Kostümbildner konnte sich richtig austoben. Es ist keine Welt, in der man leben möchte. Folgerichtig und der Fassung entsprechend wird auf das aufgesetzt anmutende «Lieto fine» verzichtet, mit Giovannis Höllenfahrt endet die Oper – aber natürlich nicht die Hölle. Es wäre nur konsequent, würde die nächste Saison nun auch noch «Così fan tutte» bringen.

Aufführungen bis 17. April 2018. (Der Bund)

Erstellt: 16.10.2017, 10:15 Uhr

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