Mafiamorde, Mafiamorde

Martin Scorsese hat einen neuen Film, wir haben ihn bereits gesehen: «The Irishman» mit Robert De Niro und Al Pacino erzählt von der Vereinsamung eines Auftragsmörders.

Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) und Auftragskiller Frank Sheeran (Robert De Niro) im Film «The Irishman». Foto: Niko Tavernise (Netflix)

Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) und Auftragskiller Frank Sheeran (Robert De Niro) im Film «The Irishman». Foto: Niko Tavernise (Netflix)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Okay, nach 209 Minuten wankt man erst mal reichlich ernüchtert aus dem Kino. Erschlagen von einer Bilderflut, in der eine Ansammlung zum Äussersten entschlossener Männer um Macht, Ehre und Geld gerungen hat – also das getan hat, was sie bei Martin Scorsese fast immer tun: Morde verüben und Leichen beseitigen. Oder wie es im Slang von «The Irishman» heisst: Häuser anstreichen und Zimmermannsarbeiten erledigen. Und ja, 209 Minuten sind selbst für einen Regisseur, den eine normale Spieldauer seit Jahren nicht mehr interessiert, ein neuer Langstreckenrekord.

Es fehle die Vision eines Künstlers, sagte der 76-jährige Amerikaner kürzlich und sorgte damit für einen Aufschrei. Scorsese zielte mit dieser Aussage auf Marvel-Superheldenwerke, die für ihn mehr Freizeitparks als Filme seien und keinerlei Geheimnisse oder Offenbarungen in sich trügen. Manchem schien es darauf recht und billig, Scorsese für solche Bemerkungen mit links in die Pfanne zu hauen, unter anderem deshalb, weil der Regisseur das Kino ja gar nicht mehr als Fixpunkt für sich reklamieren könne, da «The Irishman» eine Netflix-Produktion sei.

Aber erstens stimmt das so nicht – Scorseses jüngster Film läuft nun doch vereinzelt im Kino (siehe Box) –, und zweitens hat sich der Regisseur gegenüber dem Blockbusterkino seiner Regiekollegen Steven Spielberg und George Lucas schon in den Siebzigerjahren kritisch geäussert. Wenn Scorsese nun in «The Irishman» zu seinem typischsten und erfolgreichsten Themenfeld, den Mafianetzwerken, zurückkehrt, ist das riskant, weil man ihm eine gewisse Bequemlichkeit vorwerfen könnte. Was will der Regisseur denn noch erzählen, was er in «Goodfellas» oder «The Departed» nicht viel besser erzählt hätte?

Ein Protegé mit zwei Paten

Nun, «The Irishman» beginnt mit einer längeren Kamerafahrt durch ein Altersheim, wo der greise Frank Sheeran (Robert De Niro) zu den Klängen des Fünfzigerjahre-Songs «In the Still of the Night» auf sein Leben zurückblickt. Sheeran erzählt davon, wie er vom Mobster Russell Bufalino (Joe Pesci) als Auftragskiller entdeckt, aufgebaut und protegiert wurde. Und er erzählt vom einflussreichen, hitzköpfigen und kriminellen Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino), der Sheeran eine offizielle Berufskarriere ermöglichte.

Nun sind zwei Paten etwas viel, wenn es darum geht, Millionenbeträge zu verteilen und Widersacher aus dem Weg zu räumen, und da lässt sich auch schon erahnen, auf welchen Konflikt der Titelheld zusteuern wird: Er muss einen seiner beiden Förderer verraten.

Trailer zum Film «The Irishman»

Wie Scorsese das macht, ist insofern überraschend, als er in «The Irishman» auf sein typisches stakkatoartiges Tempo (wie zuletzt in «The Wolf of Wall Street») verzichtet. Stattdessen ist es, als ob der Regisseur noch einmal in Ruhe darüber nachdenken möchte, was eigentlich das Wesen jener Mafiastrukturen ausmacht, die ihn ein Leben lang fasziniert haben. Dafür findet Scorsese in «The Irishman» ausgesprochen präzise Bilder – aber nicht mit optischen Verheissungen, denen die Helden in seinen früheren Filmen erlagen, sondern mit Blick auf unscheinbare Orte wie Parkplätze, wo die Erzählstränge zusammenlaufen. Oder auch mit der Einführung einer scheinbar blassen Figur wie Sheerans Lieblingstochter Peggy (Anna Paquin), die eine Kindheit und Jugend lang nichts sagt, aber jedes Verbrechen mitbekommt und schliesslich, als es nicht mehr anders geht, den Kontakt zum Vater abbricht.

Es ist diese Stille, die «The Irishman» so erschreckend macht, und man spürt in diesen Momenten diese alles verschlingende Einsamkeit, die den Titelhelden umgibt. Mehr noch: Es entsteht ein Bewusstsein, dass da einer sein Leben vergebens gelebt hat, eine Erkenntnis, die der Titelfigur natürlich trotz priesterlichem Beistand oder beim Auslesen des eigenen Sarges verwehrt bleibt.

«Sag ihm das!» – «Wer sagt das?» – «Reden wir nicht mehr davon!» – «Das hat er gesagt?»Dialoge in «The Irishman»

So kann man sagen, dass Scorsese sehr wohl gelingt, was er den Marvel-Filmen abspricht – er ermöglicht eine filmische Entdeckungs- und Erfahrungsreise. Kommt hinzu, dass sich Drehbuchautor Steven Zaillian («Gangs of New York») in beneidenswerter Form befindet, was die verklausulierte Rede betrifft («Sag ihm das!» – «Wer sagt das?» – «Reden wir nicht mehr davon!» – «Das hat er gesagt?»), und dass die handverlesenen Zeitlupensequenzen Entscheidendes zur Melancholie in diesem Geflecht von Kaltblütigkeit und Korruption beitragen.

Was manchmal etwas irritiert, ist der Umstand, dass Scorsese seine Schauspieler mit digitaler Technologie verjüngt hat, um die Frühzeit von deren Figuren zu beleuchten. Aber wenn dann ein Al Pacino als paranoid-aggressiver Gewerkschaftsboss seine Untergebenen zusammenstaucht oder ein Robert De Niro am Telefon gegenüber Jimmy Hoffas Witwe nur noch stammeln kann, dann sind das schauspielerische Glanzpunkte in einer Gesamtschau von Martin Scorsese über Themen und Motive von Martin Scorsese.

Am Ende hat der vereinsamte Mörder noch eine Bitte. Man möge die Tür einen Spalt breit offen lassen. Es ist dann, als ob man noch einen Hauch von Menschlichkeit in diesem Monster suchen könnte, aber zugleich weiss, dass die Chance äusserst gering ist, dass man diese finden wird.

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