Schwerblütige Schlagersänger

Der Philosoph Emile Cioran hat geschrieben, dass das Leben nur «den leichten Wesen» erträglich sei und nur die Schlagersänger etwas von der Welt begriffen hätten.

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Ane Hebeisen

Umdada umdada umdada. Neulich hörte ich mir den Schlager «Santa Maria» des deutschen Schmacht­sängers Roland Kaiser etwas genauer an. Quasi als Ferienvorbereitung. Denn ich hatte die Absicht, der gleichnamigen Insel auf den Azoren einen Besuch abzustatten.

Mächtig was los auf dem kleinen Eiland, dachte ich mir, als die letzten Kastagnetten verstummt waren und das Lied langsam ausklang. Dem Kaiser Roland muss da Spektakulöses widerfahren sein. Seine Sinne habe er dort verloren, singt er im Sehnsuchtsvibrato. Und in einem Fieber, das wie Feuer brannte, muss es dann geschehen sein: Irgendwann ist er mit dem «Kind der Sonne», mit dem er dort offensichtlich Bekanntschaft geschlossen hatte, «auf bunten Flügeln» entschwebt, nachdem er an den «schneeweissen Stränden» Santa Marias dessen «Jugend in den Händen» gehalten und das «Mädchen zur Frau» gemacht hatte – «umdada umdada …».

Mit solch schmierigem Klimbim erlangte man in den Achtzigerjahren als Schlagersänger also noch Ruhm und Reichtum, dachte ich mir, als ich an einem der keinesfalls schnee­weissen Strände der Insel entlang­spazierte und das «Santa Maria»-Liedchen vor mich hinpfiff.

Zurzeit scheint es ja gerade wieder Mode zu sein, die Schlagersänger dieser Welt aus ihren Mallorca-Residenzen zu locken und sie zum Zwecke des Welt­erklärens in Talkshows einzuladen. Peter Maffay ist da gerade sehr oft zu Gast. Das ist der Mann, der einst mit der Liedzeile «Ich war 16 / und sie 31 / Und über Liebe wusste ich nicht viel / Sie wusste alles» auffällig wurde. Auch der Howard Carpendale («Das schöne Mädchen von Seite 1 / Das möcht ich haben und weiter keins / Vom Katalog aus dem Versandhaus / Möcht ich das Mädchen von Seite 1») darf immer wieder sein geräumiges Haupt vor die Talkshow-Kameras halten. Und es ist erstaunlich, dass diesen Herren, von denen man immer dachte, sie würden die Menschheit mit ihren Tabaluga-Drachen und ihren Gefühligkeits-Medleys in voller geldgieriger Absicht für blöd verkaufen, zuweilen Sätze passieren, die man gern von staatstragenderen Figuren vernehmen möchte.

Der Maffay Peter hat kürzlich zu seinem Einsatz gegen Rechtsradikalismus gesagt: «Einem Knüppel kannst du ausweichen. Gedanken auszuweichen, ist sehr schwer.» Und der Howie meinte neulich: «Wir leben in einer Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist und in der Vernunft keine grosse Rolle mehr spielt. Es ist sehr schwierig, heute zu sagen: ‹Ich bin glücklich.›»

Etwas weniger gut klappt das Welt­erklären jedoch offenbar, wenn man dafür Personal im Fussballmilieu zu rekrutieren trachtet. So kam eine grosslettrige deutsche Zeitung auf die gar nicht mal so gute Idee, den ehe­maligen Bundesliga-Torschützenkönig Ailton zu den Bränden im Regenwald Brasiliens zu befragen. «Das ist nicht so gut», antwortete dieser, um in der Folge eine Ode auf den Präsidenten, der das ganze Schlamassel mitzuverantworten hat, vor sich hin zu stottern.

Der schwerblütige Philosoph Emile Cioran hat einst so schön geschrieben, dass das Leben nur «den leichten Wesen» erträglich sei: «Je mehr ich überlege, umso gewisser wird mir, dass die Einzigen, die etwas von unserer Horde begriffen haben, die Scharlatane, die Toren und die Schlagersänger sind.» Vermutlich hat er die Fussballspieler bewusst davon ausgenommen.

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