Schwanenprinzessin im urbanen Streetdance-Ambiente

Die Berner Tanzpreise 2017 gehen nach Taiwan, Belgien und Südkorea. Tanzchefin Estefania Miranda gab zudem Neuerungen bekannt, die auch Applaus verdienen.

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Die vierte Ausgabe des Choreografiewettbewerbs Berner Tanzpreise endet mit einer Überraschung. Stephan Märki, der Intendant von Konzert Theater Bern ruft nämlich gleich zwei Hauptgewinner aus. Einmal Victor Launay und Sara Olmo aus Belgien (Cie. Les Vikings) für ihr Stück «L‘aveuglement», ein zärtlich-berührendes Tanz-Duett, aus einem Bewegungsfluss geformt. Zweiter Gewinner ist Po-Cheng Tsai von der taiwanischen Gruppe B.Dance für sein messerscharf austariertes Männer-Duett «Innermost». Zur Musik von Arvo Pärt untersucht das Stück, wie man durch Körperkontrolle psychischen Schmerz überwindet.

Die achtköpfige Jury wollte oder konnte sich offenbar nicht entscheiden. Das mag am hohen Niveau der Stücke liegen. Aber auch daran, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden mussten: Die tänzerischen Stile, Themen und Besetzungen sind ganz unterschiedlich. Die Berner Tanzdirektorin Estefania Miranda, die vor vier Jahren den Berner Tanzpreis initiiert hat, sieht in der zweifachen Auszeichnung einen Mehrwert. Weil Choreografieren nur durch Erfahrung gelernt werden kann, sei die Talent-Förderung so doppelt nachhaltig.

Die Auszeichnung kommt nicht nur den Preisträgern, sondern dem Tanz generell zugute. Ein Gewinner oder eine Gewinnerin erhält hier nämlich kein Preisgeld, sondern die Chance, in der kommenden Spielzeit unter professionellen Bedingungen mit der Tanzcompagnie von Konzert Theater Bern eine Produktion zu erarbeiten.

Tanz den Einstein!

Anspruchsvoll ist diese Aufgabe. Sie ist an ein vorgegebenes Thema gebunden. Die Preisträger müssen zu Albert Einstein (1879–1955) kreieren – Schrittmaterial für ein gutes Dutzend Leute. Es würde nicht verwundern, wenn sich die Jung-Choreografen aus Belgien und Taiwan mit dem Hauptpreis auch die Garantie für ein paar schlaflose Nächte und einiges Kopfzerbrechen holen. Bevor es ans Kreieren geht, sollte man nämlich schon wissen, wer der Physiker war, den die Relativitätstheorie weltberühmt machte. Tanz den Einstein – diese Recherche könnte dauern. Doch der Premierentermin am 4. Mai 2018 steht schon fest.

Dass sich jedes Thema choreografisch umsetzen lässt, wenn das Konzept stimmt, zeigte die diesjährige Schau in der Vidmar eindrücklich. In fünfminütigen Ausschnitten bekommt das Publikum am Finale-Abend einen Einblick in die Stücke, die im Vorfeld ganz zu sehen waren. Die Tanz-Häppchen bilden die Ausgangslage für den Publikumspreis, der vor Ort bestimmt wird.

Die Befürchtung, dass durch die Verknappung eines halbstündigen Stücks auf fünf Minuten, eine schwache Produktion eher gewinnen könnte, erweist sich als unbegründet. Egal ob ein geübtes Auge oder der Bauch entscheidet: Fünf Minuten genügen offenbar, um zu erkennen, ob ein Choreograf etwas zu sagen hat oder nicht.

Geistreich und unorthodox

So gewinnt genau jenes Werk die Gunst des Publikums, das auch in der Vollversion überzeugt hat. Es ist «Swan Lake», ein Schwanensee im Hip-Hop-Stil. Der südkoreanische Choreograf Sooyoung Ahn hat das Stück bereits 2011 kreiert. Seine Auseinandersetzung mit einem Klassiker der europäischen Tanzkultur ist ebenso geistreich wie unorthodox. Ahn transferiert das romantische Topos der unerlösten Schwanenprinzessin in ein Streetdance-Ambiente, in dem sich ein heimatloser grauer Schwan die Flügel im nächtlichen Grossstadt-Ghetto abwetzt. Verwegen, aber es funktioniert. Die Präzision der halsbrecherischen Bewegungen ist verblüffend, das Schwänchen-Quartett bitterbös überzeichnet. Die Sprungvariationen werden um räumliche Drehs erweitert.

Da wird sich das Berner Tanzensemble warm anziehen müssen: Der Publikumspreis bedeutet, dass Sooyoung Ahn eine Produktionsresidenz bei der Berner Tanzcompagnie erhält. Der Aufenthalt ist verbunden mit der Erarbeitung einer Kurzperformance für die Tanzplattform 2018.

Verbesserte Arbeitsbedingungen

Doch es gibt nicht nur diese verdienten Sieger zu feiern. Im Abspann der Berner Tanzpreise gibt Estefania Miranda auch einige kulturpolitisch gewichtige Neuerungen bekannt. Den Tänzerinnen und Tänzern der Tanzcompagnie Konzert Theater Bern sollen die Löhne angepasst werden, zudem stehen ihnen künftig medizinische Unterstützung und Beratung zur Verfügung. Etwas, das andernorts längst gang und gäbe ist, in Bern aber bislang kein Thema war.

Ausserdem ist ein Fonds in der Höhe von 40'000 Franken eingerichtet worden, mit dem Tänzer am Ende ihrer Berufslaufbahn – das heisst, im Alter zwischen dreissig und vierzig – bei der Umschulung oder beruflichen Neuorientierung unterstützt werden. Als einer der ersten profitiert der 38-jährige Yu-Min Yang vom Fonds. Der überraschende Gewinner des Berner Tanzpreises 2016, der ein langjähriges Mitglied der Tanzcompagnie war, hat an diesem Abend in der Vidmar seinen allerletzten Auftritt.

Der Bund

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