Schulhausbauten für Kinderaugen

Mit dem Lehrplan 21 stellt sich auch die Frage nach dem Schulhaus der Zukunft.

Frischer Wind in der Schulhausarchitektur: Der Neubau in Port bei Biel.

Frischer Wind in der Schulhausarchitektur: Der Neubau in Port bei Biel. Bild: Nathalie Ritter

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Schulen sind gemeinhin mit dem Bild eines stattlichen Altbaus an zentraler Lage verbunden. Etwas abweisend, klar strukturiert und wenig einladend. Meist ein abwehrender Ort. Blicke ich auf meine Schulzeit zurück, erscheint vor meinem geistigen Auge die Architektur von Bauten aus den 1950er- und den 1970-Jahren. Der Erstere dunkel, muffig und streng geordnet, sodass von seinem Baucharakter wenige Spuren im Bildgedächtnis geblieben sind. Der andere ein leichter aus Stahl und Glas errichteter Kubus, der überhitzte Schulzimmer mit vielen Fenstern in sich aufnahm und einen herrlichen Blick ins Grüne hinter Jalousien bot. Diese Schulhausarchitektur hat kaum eine Sensibilität für die gebaute Umwelt hinterlassen.

Mit den aktuellen Diskussionen zum Lehrplan 21, zur Basisstufe und zum Kindergarten, welche in vielen Gemeinden geführt werden, stellt sich die Frage nach dem Schulhausbau und dessen Innenstruktur. Schulbildung ist heute anders ausgestaltet, und der Schulhausbau drängt nach einer Form, die aus seinen Aufgaben und Funktionen heraus kommt. Die Neuerungen im Lehrplan wie Gruppenarbeit oder klassenübergreifende Projekte können durch die vorgegebene Architektur nicht überall sinnvoll, geschweige denn spielerisch umgesetzt werden.

Darum fallen in der Stadt Bern und ihrer Grossregion die neuartigen Schulhausarchitekturen (oder neuartigen architektonischen Konzepte) besonders ins Auge: sei es bei den Gewinnern im Wettbewerb zum Neubau der Heilpädagogischen Schule in Bümpliz oder beim Schulhausneubau in Port bei Biel. Mit den neu erstellten oder noch geplanten Schulhäusern wird ein vermeintlich neuer Weg begangen. Dabei erweitern Leitworte wie identitätsstiftende Bereiche, Cluster, diagonale und vertikale Transparenz sowie unterschiedliche Funktionsbereiche den Wortschatz. Ausgelernt haben wir nie.

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Die mit der Tradition brechenden Neubauten stehen dennoch in einer langen Reihe von Versuchen zu Schulhausbauten, deren Anfänge in den 1950er-Jahren liegen. Pavillonartig zusammengesetzte Baukörper mit Klassenwohnungen sind bei Hans Scharoun an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule von 1956 in Lünen zu finden. Herman Hertzberger hat in Delft in den Niederlanden 1960 die Montessori-Schule nach den Prinzipien des Lernstoffes entwickelt. Die Munkegaard Skole in Dänemark von Arne Jacobsen 1957 gilt als Musterbeispiel «unhierarchischer und demokratischer Schulbautradition».

Mit den neuen Schulen und deren Innenstrukturen lernt das Kind Architektur auf neuartige, bewusste Weise kennen. Diese hoffentlich positiven Erfahrungen und die frühe Sensibilisierung legen eine gute Basis zur Achtsamkeit gegenüber der gebauten Umwelt und dem Umgang mit ihr. Die projektierten oder bereits bestehenden Neubauten legen den Wunsch nahe, dass Kinder mit leuchtenden Augen ihre Schule betrachten und kaum daran denken, nicht hingehen zu wollen. Somit kann dem Titel «Apprendre à voir l’architecture» der 1959 veröffentlichte Publikation von Bruno Zevi Rechnung getragen werden, dass Architektur schon mit Kinderaugen sehen gelernt werden kann und soll. Denn diese Schularchitektur ist nicht nur eine monotone, streng strukturierte Hülle, sondern bietet sich als eine grosse Skulptur an, die von aussen betrachtet, in die hineingegangen und die spielerisch belebt werden kann.

Nathalie Ritter ist promovierte Kunst- und Architekturhistorikerin und lebt in Biel. Sie ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnenteams. (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2018, 06:23 Uhr

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