Schreiben gegen das Leiden

Die Gesellschaft wird immer gesundheitsbesessener. Die Literatur hält dagegen: Schriftsteller lieben kranke Helden. Und immer häufiger sind sie es selbst.

Kranken- sind oft Erfolgsgeschichten: Die autobiografische Perspektive setzt die Heilung voraus.

Kranken- sind oft Erfolgsgeschichten: Die autobiografische Perspektive setzt die Heilung voraus.

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Unsere Gesellschaft ist in einer nie da gewesenen Weise auf die Gesundheit fixiert. Sie wird uns nicht erst bewusst, wenn wir krank sind, sondern rückt selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als kostbares Gut, das man hegen, pflegen und steigern soll. Ein Phänomen, dem sich eine gesellschaftliche Gruppe stur verweigert: die Schriftsteller. Sie fühlen sich seit jeher vom Besonderen angezogen, der Abweichung, dem Anderen, von dem aus ein scharfes Licht auf die Normalität fällt.

Kranke bevölkern die Literaturgeschichte, es gibt Krankheitswellen und -moden. Und Botschaften, Sinn und Bedeutung. In der klassischen Literatur, von Homer bis Manzoni, erregt die Pest Furcht und Schrecken und ruft die Menschheit zur Besserung auf. Abseits der grossen Epidemien kann Krankheit als Auszeichnung gelten: «Die Krankheit ist interessant, da sie zur Individualisierung gehört» (Novalis). Durch den Epileptiker etwa spricht eine höhere Wahrheit, er wird mit scheuem Respekt betrachtet, noch bei Dostojewski, der selbst am «grand mal» litt.

Dann kam die grosse Zeit der Schwindsucht (vulgo: Tuberkulose). Sie zehrt den Menschen von innen auf, vergeistigt und erhöht ihn dafür. In der Temperamentenlehre entspricht die Schwindsucht der Melancholie, die dem Künstler eigen ist. Auch Prostituierte wie Dumas’ «Kameliendame», Verdis «Traviata», können so gereinigt und erlöst werden. Susan Sontag hat in ihrem klugen Essay «Krankheit als Metapher» nachgewiesen, dass der Schwindsüchtige dem Schönheitsideal des späten 19. Jahrhunderts entspricht: hohle, gerötete Wangen, bleiche Gesichtsfarbe, glühende Augen. In Thomas Manns «Zauberberg» wird diese Krankheits-Ideologie (der kranke ist der edlere, des vulgären Alltags enthobene Mensch) nach allen Regeln der Kunst durchdekliniert, ironisiert und verabschiedet.

Das Sanatorium als Hölle

Heute ist die Tuberkulose (Tb) heilbar, sie hat ihr Adelsprädikat verloren und ist aus der Literatur verschwunden. Ein verspäteter Abgesang ist Thomas Bernhards «Die Kälte. Eine Isolation» von 1981. Bernhard war als Jugendlicher selbst Tb-krank, aber nicht wohlhabend wie die Bewohner des «Zauberbergs». Sein Roman zeigt die Krankheit und ihre Behandlung ungeschönt. Das Sanatorium Grafenhof ist Ende der 40er-Jahre eine Gefängnis-Hölle, in der die Kranken nach Klassenzugehörigkeit abgelegt und von brutalen Ärzten drangsaliert werden. Kunstfehler und allgemeiner Pfusch sind Alltag, der «Heilapparat» ist ein «Unheilapparat». Die Weltsicht des Schriftstellers Bernhard – es ist alles elend – findet sich dort wieder (oder ihren Ursprung).

Bernhards schmaler, wutbebender Roman zeichnet sich durch Innenperspektive und die Einbeziehung der Behandlungsinstitutionen aus. Das ist typisch für die neuere Krankheitsliteratur. Zum Ersten: Der Kranke, die Antithese zum Gesunden, die Abweichung von der Norm, ein Passivum in einer aktionsund produktionsbesessenen Welt, wird nun zum Subjekt, vom Der-da zum Ich. Der Künstler, immer Aussenseiter, ist dies als Kranker idealtypisch. Zum Zweiten wird er im modernen Spital mit einer Behandlungsindustrie konfrontiert, die das Technische betont, sich auf das befallene Organ konzentriert («die Lunge auf Zimmer 104») und insgesamt den Menschen im Patienten leugnet. Der Kranke erlebt also alle Aspekte negativer Moderne-Erfahrungen – Depersonalisation, Technisierung, Verlust der Autonomie, Isolation – in gesteigerter Weise: zur Passivität gezwungen, aber gerade durch diese Reduktion auch aufmerksamer als der Gesunde.

Beide Aspekte, Innenperspektive und Institutionenkritik, kennzeichnen auch Hervé Guiberts Roman «A l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie» (1990). Neu ist die rankheit: Aids erscheint in den 80er-Jahren und bringt, neben Tausenden Todesfällen im Künstlermilieu und einem dramatischen Kulturwandel unter Homosexuellen, eine bemerkenswerte Anzahl von Aids-Romanen hervor, unter denen der Guiberts wohl der berühmteste ist.

Ähnlich wie die Tuberkelbazillen (und der Krebs, für Susan Sontag die mit peinlichen, ekelerregenden Bildern verbundene Krankheit) zehrt Aids den Befallenen von innen auf. Der Infizierte erlebt das als «Besatzung» seines Körpers, der seine Natur verändert: «Der Körper eines Greises hatte Besitz von meinem Körper, dem eines Mittdreissigers, ergriffen.» Gross ist auch bei Guibert das Bedürfnis, der damals unheilbaren Krankheit einen Sinn zu verleihen: Aids, schreibt er, mache die Endlichkeit des Lebens bewusst, erhebe ihn über die «Unwissenden», die Gesunden.

Auf der anderen Seite steht die Empörung über die Ausgrenzung und Diskriminierung von Aids-Kranken. Sie inspiriert Guibert zu gewagten Vergleichen und Begriffen wie «Genozid». Sein Roman ist Passionsgeschichte (er stellt seinen geschundenen Körper zur Schau) und gesellschaftlicher Appell. AidsKranke waren damals Todgeweihte, was ihren Äusserungen eine schwarze Glorie verlieh. Erst recht posthum: Nicht lange nach Erscheinen des Romans brachte sich Guibert um.

Triumph über das Leiden

Ansonsten setzt die autobiografische Perspektive ja die Heilung voraus, weshalb solche Kranken- meist Erfolgsgeschichten sind. In «Du stirbst nicht» (Deutscher Buchpreis 2009) erzählt Kathrin Schmidt, wie sie – vertreten durch ihre Romanheldin – 2002 eine Hirnblutung erlitt und nach zweiwöchigem Koma erwachte: ohne Sprache und ohne Erinnerungen. Sachlich und ohne Pathos, aber nicht ohne Komik beobachtet sie die Geschäftigkeit des Klinikpersonals, die Sorge ihrer Angehörigen und die allmähliche Wiederkehr ihrer intellektuellen Fähigkeiten (auch ihre Heldin ist Schriftstellerin). Das fertige Buch ist so Bericht und Beweis des Triumphs über die Krankheit.

Auch David Wagners schlicht «Leben» genannter Roman über eine geglückte Lebertransplantation erhielt einen bedeutenden Preis, den der Leipziger Buchmesse (2012). Noch stärker als Kathrin Schmidt setzt er sich mit dem auseinander, was im Spital mit seinem Körper angestellt wird und wie er physisch und psychisch darauf reagiert. Immobilität und Hilflosigkeit, Schwäche und Todesgefahr wirken auf Wahrnehmung und Empfindung ein, verändern das Ich. Stärker noch lassen der Einfluss der Medikamente und des neuen Organs ihn beständig fragen: Wer ist das jetzt, dieses Ich? Was davon ist noch meins?

Identitätsfragen sind natürlich Schlüsselfragen des modernen Menschen; die normalerweise tödliche Krankheit und die lebensrettende Transplantation spitzen sie hier zu, radikalisieren sie. Einen grossen Teil von David Wagners Bericht nimmt der Einfluss der Krankenhausrealität ein, die die Identität ebenfalls verändert, indem sie sie quantifiziert, auf das Messbare reduziert: «Ich bin die Kurve meiner Werte.» Wie für Guibert entlarvt sich auch für Wagner die «Unsterblichkeitsfiktion» früher als für alle Gesunden: «Eines Tages ist es aus, die Erde bekommt uns wieder, sie dreht sich trotzdem weiter, ohne uns.»

Dieser Tag ist für Wolfgang Herrndorf gefährlich nahe. Bei dem Berliner Autor («Tschick», «Sand») wurde 2010 ein Glioblastom diagnostiziert, eine bösartige Form des Hirntumors. Ein Todesurteil mit kurzem Aufschub also. Nach der Diagnose begann Herrndorf einen Blog zu schreiben mit dem äusserst sachlichen Titel «Arbeit und Struktur». Er unterscheidet sich von vielen Blogs durch seine disziplinierte Sprache, die dem Anspruch an Gedrucktes voll und ganz genügt (und zweifellos, wenn die Zeit gekommen ist, als Buch erscheinen wird).

Stoisch dem Tod entgegen

Herrndorf beschreibt seinen Alltag, der aus Alltagsverrichtungen besteht und aus Arbeit, nämlich Schreiben. Dies ist durch die Folgen der Krankheit oft unmöglich – epileptische Anfälle, Orientierungsschwierigkeiten, extreme Müdigkeit, Folgen von Chemotherapie, Bestrahlungen und Operationen. Was hier völlig fehlt, ist eine wie auch immer geartete Sinngebung oder gar Nobilitierung der Krankheit. Aber auch jedes Hadern à la «Warum ich?». Herrndorf bleibt sachlich und konkret, er beobachtet sich und seine Umgebung. «Meine Ärzte sprechen sachlich mit mir, ebenso sachlich schreibe ich über sie. Emotionen sind meine Sache, streng arbeitsteiliger Prozess.»

Die Krankheit heimtückisch zu nennen, in ihrem Voranschreiten und Stillstehen, in der Erzeugung von Verzweiflung und Resignation – das wäre schon eine Personalisierung, die er sich verbietet. Herrndorf registriert zwar, was der Tumor mit ihm macht, beharrt aber auf seiner Identität: «Ich will derselbe sein bis zum Ende.» Gerade im Verzicht auf Kunstmittel, in der Konzentration auf das Wesentliche liegt die literarische Qualität dieses Textes. Von der humanen zu schweigen: Mit einer fast stoischen Haltung, die immer wieder neu errungen werden muss, geht hier einer seinem Tod entgegen und lässt uns zuschauen dabei. «Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit. Ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spass.»

Herrndorfs Blog ist die Extremform eines Krankenromans. Er ist nahezu in Echtzeit verfasst (neue Lieferungen gibt es im Abstand einiger Wochen) und bleibt zwangsläufig unvollendet. Das letzte Kapitel schreibt nicht mehr der Autor. Und uns Lesern wird schmerzhaft bewusst: Wir sind gesund. Heute. Aber jede Krankheit, selbst die heilbare, lüftet den Vorhang vor dem Ende. Im Tod des Helden erkennen wir unseren eigenen.

Tages-Anzeiger

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