Schönheit war ihm nicht genug

Jörg Ewald Dähler war ein Vermittler von musikalischen Geheimnissen, die über die Töne hinausführen. Am Samstag ist der Dirigent, Cembalist und Komponist 85-jährig gestorben.

Bewegender Abschied mit Mozart: Im Dezember 2011 leitete Jörg-Ewald Dähler im Münster den Berner Kammerchor zum letzten Mal.

Bewegender Abschied mit Mozart: Im Dezember 2011 leitete Jörg-Ewald Dähler im Münster den Berner Kammerchor zum letzten Mal. Bild: Beat Mathys

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«Ich werde nicht bis zum Umfallen dirigieren», sagte Jörg Ewald Dähler. Das war 2011. Der damals 78-jährige Berner Musiker und Dirigent hatte sich gerade entschieden, die künstlerische Leitung des Berner Kammerchors abzugeben, den er während 37 Jahren geleitet hatte; und auch seine Frau Barbara, die ihn während der Jahre als Konzertorganisatorin unterstützt hatte, plante, ihr Amt niederzulegen. Es bedeutete einen tiefen Einschnitt für alle, die Berner Musikfreunde, die verschworene Gemeinschaft der gut 65 Sängerinnen und Sänger des Berner Kammerchors, und auch für Dähler selber. Doch von Abschiedsschmerz war nichts zu spüren. Im Gegenteil, er wirkte irgendwie gelassen.

Viele Pläne

Nein, er habe die Freude an seinen Aufgaben keineswegs verloren, sagte er beim Gespräch in seinem Musikzimmer in Münchringen, wo er damals mit seiner Frau wohnte. Dass mit dem Chorleiter Jörg Ritter ein kompetenter Nachfolger gefunden werden konnte, der seine jahrzehntelange Aufbauarbeit mit dem Berner Kammerchor in die Zukunft führen würde, schien ihn zu beruhigen.

Er freue sich auf den Unruhestand. An Plänen mangle es ihm nicht. Er wolle wieder vermehrt komponieren und die Tätigkeit in Japan weiterführen, wo er über zwanzig Jahre an der internationalen Musik-Akademie in Kusatsu unterrichtet hatte. Und dann war da ja auch sein Interesse an der Bildhauerei, an der bildenden Kunst. Was viele nicht wussten: Der Cembalist, Dirigent, Komponist und Barockmusikforscher war auch ein begnadeter Zeichner. Bereits in den 1980er-Jahren illustrierte er zwei Sammlungen von Mundarterzählungen seines Vater, der reformierter Pfarrer in Langnau war.

Charismatische Persönlichkeit

Im Gespräch bekam man Jörg Ewald Dählers Engagement und Vitalität zu spüren – in der Musik sowieso. Eine überaus spannende Mischung. Dähler war sensibel, gleichzeitig aber auch direkt und geradlinig. Als scharfsinniger Zuhörer wusste er auch um das Geheimnis des Schweigens in der Musik. Seine charismatische Persönlichkeit war facettenreich. Das konnte auch mal irritieren. Er war ein humorvoller Träumer, aber auch ein scharfzüngiger Realist, was den Umgang mit ihm und seinem grossen musikalischem Erfahrungswissen stets spannend machte.

Dazu kam, dass Dähler niemals aufhörte, neugierig zu sein. Ja, er besass den Mut, seine einmal für richtig befundenen Ansichten zu ändern, falls er zu neuen Schlüssen gekommen war. Er scheute sich nicht, sich stetig weiterzuentwickeln. Exemplarisch zeigte sich dies an der Aufführung von Johann Sebastian Bachs «Matthäus-Passion», einem Werk, das er in- und auswendig kannte. Dähler hatte viele Komponisten in seinem Repertoire, das er mit grosser Sorgfalt pflegte. Händel, Haydn, Mozart, Mendelssohn, Schubert oder Weber, natürlich. Und er setzte sich in seinen Chorkonzerten auch für Unbekannte ein, wie Zelenka, Lechner oder Schütz. Bach aber bedeutete für ihn eine Herzensangelegenheit.

Unzählige Male hatte er die mehrstündige «Matthäus-Passion» einstudiert und aufgeführt und dem Berner Konzertleben mit eindringlichen Interpretationen Glanzlichter aufgesetzt. Dähler schien «seinen» Bach gefunden zu haben. Doch vor der Aufführung 2003 wartete er mit einer Überraschung auf. Die neue Interpretation des Werk werde ganz anders werden als die von 1985. Einfach schönes Singen genüge ihm nicht mehr. Er habe kein Interesse mehr daran, einen ästhetischen Chorklang zu demonstrieren. Diese bewegende Musik müsse expressiver, realistischer werden. «Sätze wie ‹sie schrien› oder ‹kreuziget ihn› müssen physisch greifen», so Dähler. Er werde sich nicht scheuen, alle Grenzen von Bachs Musik auszuloten. Der Rebell sei wohl gerade in ihm erwacht, sagte der damals Siebzigjährige. Je älter er werde, desto mehr wage er es, Farbe zu bekennen.

So wie Bach, dessen geniales Wesen als Komponist längst ein Teil von Dähler geworden war.

Nur so viel: Das Konzert im Münster wurde eine Wucht. Dählers Lesart brannte sich im Gedächtnis ein.

Im Pfarrhaus aufgewachsen

Früh hat Jörg Ewald Dähler zur Musik gefunden. Man könnte auch sagen, sie zu ihm. Als Zweitältester von fünf Buben war er im Pfarrhaus in Langnau im Emmental aufgewachsen, wo auch ein Konzertflügel stand. Seine Mutter habe sich in den ersten Jahren immer neben ihn gesetzt, wenn er übte, erzählte er später. Die Spannungen, die der Zweite Weltkrieg im Alltag des Buben auslöste, hat er bis ins hohe Alter nie vergessen. Der Krieg sei nicht nur durch die Flugzeuge am Himmel präsent gewesen, sondern auch im Pfarrhaus, wo militärische Meldungen eingingen. Der General sei in Langnau einquartiert gewesen, und der Oberst Meili im Pfarrhaus, in einem Zimmer, von dem noch Jahre als «dem Bunker» gesprochen worden sei.

Am Familientisch bekam der kleine Jörg Ewald nicht nur vom Krieg viel mit, sondern als Pfarrerssohn auch vom Evangelium. Nicht zufällig waren seine ersten Musiklehrer Kirchenmusiker. Einer seiner Lehrer holte grosse Sänger an die Kammermusikabende Langnau. Auch das hat ihn beeindruckt: Jeweils vor dem Konzert habe der Pianist den Solisten gefragt, in welcher Tonart er denn heute gerne singen wolle. Und dann habe er Schoeck, Brahms oder Schumann transponiert, einfach so.

Impulse von aussen

Musikalisch sei seine Zeit am Seminar eine verlorene Zeit gewesen, sagte Dähler einmal auf die Frage, wie ihn seine Lehrerausbildung geprägt habe. Deshalb habe er die Prüfung in die Berufsschule am Konservatorium gemacht. Genauer: versucht. Denn er bestand nicht. Die Expertenrunde sei sich einig gewesen. Er sei unmusikalisch, total unrhythmisch und habe kein Verhältnis zum Instrument.

Die wichtigsten Impulse für sein Wirken als Cembalist, Begleiter, Musikpädagoge, Dirigent und Chormusikleiter, für das er unter anderem mit dem Kulturpreis des Kantons Bern und der Medaille der Burgergemeinde ausgezeichnet wurde, habe er ausserhalb des Studiums erhalten. Von Geigern und Cellisten wie Yehudi Menuhin, Pablo Casals oder Max Rostal. Er habe ihnen zugehört, wenn sie spielten oder im Gespräch die Musik in Bilder fassten. Als junger Mann habe ihn das Wie in der Musik interessiert; je älter er wurde, desto wichtiger sei das Warum geworden. Deshalb sei es ihm stets ein Anliegen gewesen, seinen Schülerinnen und Schülern etwas von den Geheimnissen in der Musik zu vermitteln, die über richtige Töne hinausgehen.

Jörg Ewald Dähler ist am Samstag nach längerer Krankheit friedlich eingeschlafen. Er wurde 85 Jahre alt. (Der Bund)

Erstellt: 06.11.2018, 16:55 Uhr

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