Schiefe Stillleben

«Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel sinniert darüber, was Kunst alles darf - und was nicht.

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Jeden Tag starrt sie mich mit ihren stahlblauen Augen an. Ihr Lidschatten ist noch blauer und verliert sich in waghalsig gezupften Augenbrauen. Ihre Schultern sind seltsam disproportional, und die blonden Haare erinnern mich an Schlangenbrot. Ihr Blick sagt mir: Ich bin sehr traurig, hilf mir. Aber ich kann nicht, denn die Frau ist gefangen in einem weissen Bilderrahmen, der in einem Schaufenster auf meinem Weg zur Arbeit steht.

Neben einer unbändigen Lust auf frisch gebackenes Brot löst das Bild im Schaufenster bei mir auch immer wieder all die grossen Fragen über Sinn und Unsinn der Kunst aus: Wo hört die Kunst auf und wo fängt der schlechte Geschmack an? Und ist es nicht furchtbar elitär, diese Frage überhaupt zu stellen? Besser könnte ich es aber auch nicht.

Ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, die vor einem Kunstwerk stehen und sagen: Das könnte ich auch. Weil: Ich könnte es nicht. Früher machten sich meine Freunde regelmässig einen Spass daraus, mich alle möglichen Dinge auf Papier bringen zu lassen, nur um sich zu belustigen, wie unbeholfen ich die Sache anging. Bis heute weiss ich beim Zeichnen nie, wo bei einem Delfin genau die Flossen hinkommen, und wenn ich ein Fahrrad skizzieren muss, fühlt sich das so an, als müsse ich Shakespeares «Hamlet» auf Finnisch übersetzen.

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Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich mag die blauäugige Frau. Ich finde das Gemälde zwar furchtbar, aber eben auf eine besondere Art und Weise. Ein ähnliches Erlebnis muss wohl auch der Gründer des Museum of Bad Art in Massachusetts gehabt haben, als er auf dem Flohmarkt das Bild mit dem Titel «Lucy in the field with flowers» fand. Darauf: eine grauhaarige Dame mit Grossmutterkleid und hängenden Brüsten auf einem Blumenfeld. Aufgrund einer perspektivischen Verzerrung scheint sie in der Luft zu schweben.

Der Fund dieses Gemäldes war die Geburtsstunde des Museums, dessen Sammlung heute etwa 500 Werke umfasst. Zum Beispiel das Stillleben «My Favourite Things» mit einer viersaitigen Gitarre, einer Zitrone und einem Schiff in einer Art Urinflasche. Oder das Porträt der Hunde «Charlie and Sheba»: Charlies Halsband ist irgendwie verrutscht und er sieht nun aus, als hätte er ein Kinderpflaster über den Mund geklebt.

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Aber lange nicht jeder künstlerische Erguss wird hier aufgenommen, die Kriterien sind streng: Akzeptiert werden keine Werke auf Samt, kein Malen-nach-Zahlen, keine Kinderzeichnungen oder kitschige Motive wie Hunde, die Karten spielen. Ausserdem: keine Clowns. Ich dachte immer, Menschen malen am liebsten Menschen. Aber nein. Es sind Clowns. Ich weiss nicht, ob ich das lustig oder unheimlich finden soll.

Was sich in diesem Museum aber auch wunderbar zeigt, ist, woran die meisten Hobbykünstler scheitern: an Händen und Füssen. Und das mit der Perspektive ist auch immer so eine Sache. Trotzdem sind die Vernissagen sehr gut besucht, Berührungsängste gibt es in diesem Museum nicht.

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Ganz anders an der Art Basel, der Übermutter aller Kunstmessen, die heute ihre Tore für das breite Publikum öffnet. Wobei genau jenes, also die Mehrheit der Bevölkerung, ja grundsätzlich Schwierigkeiten mit der modernen Kunst hat. Ich kann das verstehen. Auch mir machen Werktitel wie «Elephant in the room» oder «Exomind (Deep Water)» Angst. Und wenn stundenlang über «signature style», die «Sprengung» von allerhand «Grenzen» gesprochen und eifrig alles «hinterfragt», «kontextualisiert» oder «in Dialog gebracht» wird, entweicht auch mir ein Gähnen. In diesen Momenten hilft vielleicht folgende Erkenntnis, die ich meiner traurigen blauäugigen Frau verdanke: Kunst darf mehr, als man denkt. Aber eines darf sie nicht: langweilen. (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2018, 06:45 Uhr

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