Schicksale berühren

Zwei sehenswerte Zürcher Fotoausstellungen beschäftigen sich mit Menschen; vor, während und nach der Flucht. Der Besucher darf dabei nicht nur schauen, sondern auch anfassen.

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Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen werden Ende dieses Jahres nach Europa geflohen sein, rund 40'000 von ihnen in die Schweiz. So hoch die Zahlen auch sind, eine Ausnahmeerscheinung sind sie nicht. Vielmehr sind Flucht und Migration Konstanten in der Geschichte Europas. Und die Migranten Menschen, deren Alltag bis zum Tag des Aufbruchs oft so normal verlaufen ist wie der unsrige. Zwei Zürcher Ausstellungen dokumentieren nun diese Aspekte, die in der aktuellen Flüchtlingsdebatte kaum eine Rolle spielen.

In der Photobastei spannt die Ausstellung «Flüchtlinge und wir» den Bogen von 1945 bis zu den Flüchtlingstragödien unserer Tage. Bilder von Mitgliedern der legendären Fotoagentur Magnum wie Robert Capa oder Werner Bischof zeigen Menschen im Deutschland der Stunde null. Ihnen ist oft nur das geblieben, was sie auf sich tragen; egal, ob es sich um ausgebombte Deutsche oder KZ-Über­lebende handelt. Arbeiten jüngerer Magnum-Kollegen zeigen Flüchtlinge aus dem Sudan oder aus Haiti. Die Fotografien sind auf Holz aufgezogen und auf einer Leiste die Wand entlang aufgestellt. Der Betrachter darf sie in die Hand nehmen und irgendwohin zurückstellen – selbst die Bilder scheinen entwurzelt, die Schicksale der Flüchtlinge austauschbar.

Keine pädagogischen Texte

Eindringlich sind die Arbeiten, die einen unmittelbaren Bezug zu aktuellen Fluchtbewegungen herstellen. So zeigt die Installation «Identity» des Asylseelsorgers Marcel Cavallo Handys mit Bildern von Flüchtlingen, die es in die Schweiz geschafft haben. Der Besucher kann durch die Bilder scrollen, so wie er es auf dem eigenen Handy tut. Er sieht belanglose Alltagsszenen irgendwo in Syrien – bis die Aufnahmen plötzlich von Krieg und Flucht handeln und ein verwackeltes Video die Überfahrt im Schlauchboot nach Europa zeigt. Die Präsentation ermöglicht einen authentischen Einblick in Einzelschicksale, ohne dass man etwas zu den näheren Umständen erfährt.

In Szene gesetzt sind derweil Bilder von Flüchtlingen am Budapester Ostbahnhof. Der ungarische Fotograf Déri Miklòs hat Migranten, die im Park vor dem Bahnhof campieren, eingeladen, sich vor einer Leinwand fotografieren zu lassen. Die Bilder hat er den Porträtierten geschenkt. Entstanden sind Nahaufnahmen von Menschen, in deren Gesichtern sich das ganze Spektrum zwischen Zuversicht und Verzweiflung spiegelt.

Eine Vielzahl von Zugängen

Grossformatige Nahaufnahmen zeigt auch der Schweizer Fotograf Denis Jutzeler. Der Kameramann von Fer- nand Melgar («Vol spécial») war mit der Fotokamera im Ausschaffungsgefängnis Frambois unterwegs. Entstanden sind Schwarzweissbilder von Menschen ohne Hoffnung. Es sind Bilder von dokumentarischem Wert, sind doch Ausschaffungsgefängnisse inzwischen für Fotografen nicht mehr zugänglich.

Die Schau in der Photobastei überzeugt durch die Vielzahl von Zugängen, die sie zu den Themen Flucht und Migration ermöglicht. Und durch den Verzicht auf pädagogisch-moralisierende Begleittexte. Die Bilder sprechen für sich.

Ein Grossteil der aktuellen Flüchtlinge in Europa stammt aus Syrien. Wie ihr Alltag ausgesehen hat, bevor der Krieg Millionen zur Flucht zwang, dokumentieren die Arbeiten von Claude Nauer in der Galerie Bürobar. Der Schweizer Fotograf hat die Bilder in den 90er-Jahren in Syrien aufgenommen. «Ich möchte zeigen, wer diese Menschen sind, die zu uns kommen, wie sie leben würden, wäre da nicht der Krieg», sagt Nauer, der heute als Arzt in Chur arbeitet.

Stolze Porträts

Entstanden sind die Bilder auch in Gebieten, die nun von der Terrororgani­sation IS beherrscht werden, etwa in Palmyra oder Deir al-Zor. Nauer zeigt Alltagsszenen aus dem unzerstörten Aleppo, Paare, die sich in der Eisdiele treffen, oder den belebten Souk von Damaskus. «Syrien war damals kein Land der Unschuld», sagt Nauer. Auf den Bildern ist immer wieder das Konterfei von Diktator Hafez al-Assad zu sehen; an Wände gesprayt, an Plakatwänden prangend. Im Vordergrund der aussagekräftigen Schwarzweissbilder stehen jedoch Menschen, die ihrem Tagwerk nachgehen. Die sich oft stolz porträtieren liessen, den Fotografen zum Tee einluden und ihm ihre Geschichte erzählten. Die Ausstellung ermöglicht Begegnungen mit Bewohnern eines Landes, in dem heute nichts mehr ist wie früher.


Die Ausstellung in der Photobastei (Sihlquai 125) läuft bis
27. Dezember; jene in der Bürobar (Max-­Högger-Str. 2) bis 30. Januar. Vernissage Bürobar: heute Samstag, 11–18 Uhr.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2015, 18:26 Uhr

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