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Rührstengel und Stumpenbeinchen

Zack! Und schon konnte «Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen in der Businessklasse eines Kurzflugs seinen Fundus an unnützem Wissen erweitern.

Auf die Gefahr hin, den Zorn sämtlicher realexistierender Aviatikexperten des Landes auf mich zu ziehen, möchte ich mir in diesem Aufsatz ein paar Gedanken zum Flugwesen erlauben. Der Zorn dürfte gross sein, denn Aviatikexperten gibt es einige in diesem Land, und sie haben ein mediales Exklusivrecht auf das Thema. Meist werden sie ja aufgeboten, wenn irgendwo ein ungünstiges Vorkommnis mit einem Aeroplan zu beklagen ist und die Welt nach zeitnahen Erklärungen schreit.

Ich schreie da meist gerne mit. Doch die Aviatikexperten – jedenfalls die vernünftigen unter ihnen – performen dann oft ein bisschen enttäuschend: Man müsse nun die Untersuchungen abwarten, sagen sie jeweils. Das könne einige Monate, ja sogar Jahre dauern. Und der Lieblingssatz der Aviatikexperten ist: «Man muss nun alles daran setzen, die Blackbox zu finden.» Aber es sollte in meinem Text ja gar nicht um die Aviatikexperten, sondern um das Fliegen an sich gehen. Wobei ich mir zusätzlich den Zorn all jener einhandeln dürfte, die sich nun in Erwartung eines Pamphlets auf die ökologische Verwahrlosung der Menschheit bereits freudig die Hände reiben. Nein, es geht nicht um die Bedenklichkeit des Fliegens an sich, sondern bloss um die kleinen Problemchen, die sich beim fliegenden Vorwärtskommen einstellen.

Irgendwie werde ich nämlich den Eindruck nicht los, dass sich die Fliegerei gerade etwas ungünstig entwickelt. Das beginnt mit den Käse-Sandwiches, die einem unsere einst so stolze Haus­flug­linie Swiss zur Nahrungsaufnahme reicht: Sie gehören zu den Lebensmitteln, die das Wort Leben nur als Dekoration im Namen tragen. Ein ebenfalls eher unerquickliches Phänomen ist das Online-Check-in. Früher, als die Welt noch eine bessere war, bot sich einem als eher grosswüchsiger Kunde die Gelegenheit, beim persönlichen Check-in die Schalterdame zu fragen, ob da wohl noch ein Plätzchen mit zusätzlichem Platz für die Stelzenbeine zu bekommen sei.

Die Dame zwinkerte einem dann verschwörerisch zu, tippte flink in ihren Reservationscomputer und zack, es herrschte die ganze Reise über ein Klima allgemeiner Zufriedenheit. Im Zeitalter des Online-Check-in sitzen nun aber ganz gerne vorwitzige 160-Zentimeter-Menschen auf den strategisch günstigen Plätzen und lassen ihre Stumpenbeinchen zufrieden ins Reich der erweiterten Beinfreiheit baumeln. Während der bedürftige Zweimetermann, dessen Tagwerk es nicht zugelassen hat, vor einem Computer den Moment abzupassen, wo sich die digitalen Check-in-Pforten öffnen, seine Extremitäten umständlich unter einem sich im Schlafmodus befindlichen Schalensitzrücken drapieren muss.

Einmal wollte auch ich zu den ersten Check-in-Klickern gehören und mir einen Überseeflug mit Umweg über Amsterdam etwas angenehmer gestalten. Ich navigierte zu tiefnächtlicher Stunde aufs Online-Portal der KLM und blieb bei einem fast schon unanständigen Angebot hängen: «Gönnen Sie sich ein Upgrade in die Business-Klasse, zum Dumping-Preis», stand da auf blinkendem Hintergrund – der Aufpreis von 200 Franken schien mir tatsächlich verlockend. Zack. Aufs Angebot geklickt. Zack, gebucht. Zack, erst auf der Bestä­tigung bemerkt, dass sich das Upgrade nur auf den Flug Zürich–Amsterdam beschränkte. Und Zack. Schlechte Laune. Schlechter Schlaf. Schlechte Welt.

In der Businessklasse auf dem Kurzflug konnte ich dann immerhin meinen Fundus an unnützem Wissen erweitern. Mit dem bestellten Tee wurde mir von der KLM-Dame ein edles Stück Besteck gereicht, dem ich in meinem Leben noch nicht begegnet war. Es handelte sich um eine Art silbernen Rührstengel. Um dieser Kolumne einen Anflug von Nutzen zu verleihen, sei hier erwähnt, dass der niederlän­dische Name für dieses Teil Roerstaafje lautet. Zack. Wieder etwas gelernt.

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