Zum Hauptinhalt springen

Rollenspiele mit blinden Zwergen

«Wahrheit»-Kolumnistin Céline Graf über fehleranfällige Tweets von Literatinnen und Literaten und eine mögliche Korrelation zwischen Literaturpreisen und Duden-Ignoranz auf Twitter.

Es geschieht täglich, stündlich, wahrscheinlich sogar in diesem Augenblick. Schriftstellerinnen und Schriftsteller schicken über Twitter kurze Nachrichten in die Welt hinaus. Ohne sich dabei um die Rechtschreibung zu kümmern. Und manche Botschaften sind derart von Fehlern entstellt, dass dahinter nur Absicht stecken kann.

Seit wann die Unsitte unter Literaten auftritt, ist nicht verbrieft. Allerdings kommt ein schrecklicher Verdacht auf, wenn die Absenderinnen und Absender der Botschaften näher betrachtet werden. Zwischen Literaturpreisen und Duden-Ignoranz auf Twitter gibt es offenbar eine Korrelation. @sasa_s, Deutscher-Buchpreis-Träger 2019, setzt digitale Satzzeichen und Gross- und Kleinschreibung mehr nach Lust und Laune. Die Meldung «Beginn verspätet sich weil mal wieder so viele Blitzer überall sind» schliesst er mit einem vor Wut dunkelroten Smiley anstelle eines Ausrufezeichens ab.

Vor allem auch, alles klein zu schreiben, gehört zum Habitus der frechen Schreibfeder von heute. @FlurinJecker, der für sein Debüt «Lanz» unter anderem das Berner «Weiterschreiben»-Stipendium bekam, macht es vor: «schreiben war nie ein hobby», schwebt unter dem Foto seines Twitterprofils. Und @SibylleBerg kommentiere diese Woche auf Twitter ihre Ehrung mit dem Schweizer Grand Prix Literatur in Jugendslang: «ich hab 1 Preis!»

Zugegeben, ich korrigiere notorisch Texte. Selbst die Briefe von Brieffreundinnen mussten daran glauben. Und wenn literarisches Schreiben Kunst ist, gilt Kunstfreiheit vielleicht auch für Twitter. Aus eigener Erfahrung kann ich zudem hier die Desensibilisierung nur empfehlen. Denn Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehören zur interessanteren Gattung von Twitterern, weil sie auch für Kurznachrichten einen persönlichen Stil entwickeln – wie sie das sonst in ihrem Werk tun.

Zwischen Literaturpreisen und Duden-Ignoranz auf Twitter gibt es offenbar eine Korrelation.

Mein Favorit ist @tcboyle. Er bringt es auf ein paar Dutzend Tweets pro Tag. Hauptsächlich schwätzt er mit Leserinnen und Lesern oder über die Orte, die er auf Lesereisen besucht. Oft teilt er einsilbig mit, was er gerade sieht. So dichtet er zum Foto einer Krähe: «Die Krähe.» Zu einem Ei auf einem Teller: «Das Ei.» Zu einem Sandwich auf der Strasse: «Das halb gegessene Sandwich. Werden Krähe und Sandwich je eine gemeinsame Basis finden»? Doch irgendwie funktioniert diese Schlichtheit, so konsequent durchgezogen, erstaunlich gut. Schon nach ein paar Minuten Scrollen stellt sich das Gefühl ein, den Autor ein wenig besser kennen gelernt zu haben. Zu sehen, wie er wie Welt wahrnimmt.

Manchmal entdeckt man auch gemeinsame Hobbys. Etwa bei Saša Stanišic, der getippt hat: «Und mein erster DSA-Charakter war ein auf einem Auge blinder Zwerg aus dem Fürstentum Kosch.» DSA, kurz für «Das Schwarze Auge» ist ein sogenanntes Pen-and-Paper-Fantasyspiel. Wie Stanišic in seinem autobiografischen Roman «Herkunft» beschreibt, war das Rollenspiel mit anderen Nerds eine seiner Integrationsstrategien in Heidelberg, wohin er mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg geflüchtet war.

In der Fantasiewelt Aventurien von DSA steht Rechtschreibung nicht einmal zur Auswahl bei den Talenten, mit denen man seinen Spielcharakter ausstattet. Die Zauberer und Elfen haben ja auch Besseres zu tun, als sich über fehlende Kommas zu echauffieren.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch