Prächtig entfaltet sich der Irrsinn

Was für ein Glücksgriff: Mit fünf Einaktern von Tschechow startet das Theater Matte in seine zehnte Spielzeit.

Gleich mehrere Nervenbündel bevölkern Tschechows Einakter: Miriam Jenni und Fredi Stettler beim Familienzwist.

Gleich mehrere Nervenbündel bevölkern Tschechows Einakter: Miriam Jenni und Fredi Stettler beim Familienzwist.

(Bild: Foto: Roland Soldi, zvg)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Was kann er sich aufregen, dieser Markus Maria Enggist. Im hellen Anzug stürmt er wehklagend über die Bühne und zählt zur treibenden Polkamusik die hundert Beschwerlichkeiten eines Erholungssuchenden auf. Mücken in der Nacht! Singende Nachbarn! Und überhaupt dieser Stress jedes Wochenende, wenn die ganze Familie ins Sommerhaus fährt!

Immerhin ist der gepeinigte Vater nicht allein; Anton Tschechow hat seine Einakter geradezu mit Nervenbündeln ausgestattet. Den Eindruck erweckt zumindest die Saisoneröffnung im Theater Matte, wo man zum Auftakt der zehnten Spielzeit fünf seiner Kurzstücke auf die Bühne bringt. Man zeige erstmals einen Klassiker, betonte das Theater im Vorfeld, was einerseits stimmen mag, andererseits viel zu ernsthaft klingt. Denn diese «Fünf Einakter von Tschechow», wie der Abend programmatisch heisst, bieten Boulevardtheater des absurden Humors.

Da wäre etwa ein junger Herr, der sich zum Heiraten entschlossen hat, stattdessen aber mit seiner Auserwählten einen Nachbarschaftsstreit darüber anfängt, wem die Ochsenwiese gehört. Oder die trauernde Witwe und ihr Schuldeneintreiber, die sich duellieren wollen, aber stattdessen ineinander verlieben.

Elegante Patchworkarbeit

So albern die Szenen, so prächtig entfaltet sich im Theater Matte der Irrsinn. Tschechows Einakter sind für die Laienbühne ein Glückgriff: Hier muss keine Tiefe behauptet werden, hier genügt es, sich auf den Text zu verlassen. Und das wiederum klappt deshalb so gut, weil der Theaterleiterin Corinne Thalmann mit ihrer Mundartübersetzung das Kunststück gelingt, Berndeutsch nicht nach Bauernschwank klingen zu lassen.

Es ist vielmehr das Groteske, das immer noch in den Dialogen schlummert und das auch Regisseur Oliver Stein den Einaktern nicht austreibt. So hockt Fredi Stettler einmal in grauen Trainerhosen und mit John-Lennon-Sonnenbrille schweigend auf einem Matratzenstapel (Bühne: Oliver Stein) und zieht an seiner E-Zigarette: Mehr braucht es nicht für ein bleibendes Bild.

Darüber hinaus leistet Oliver Stein ein elegantes Stück Patchworkarbeit, indem er die Szenen zu einem Ganzkunstwerk zusammenfügt. Das Timing sitzt, die Übergänge fliessen, das Ensemble glänzt: Es ist der Abend von Markus Maria Enggist, dem das Wutschnaubende seiner Figuren besonders gut steht; aber auch Danièle Themis’ komödiantisches Talent ist unübersehbar, als sie als rabiate Witwe mit einer Knarre hantiert (in weiteren Rollen: Hans-Jürg Klopfstein, Michael Schoch, Miriam Jenni, Kurt Rutishauser). Einzig die Betriebstemperatur könnte hin und wieder etwas abkühlen, denn das Geschehen wird nach der Pause nochmals gehörig hochgekocht. Dabei kann das Absurde doch auch ganz leise sein.

Bis 13. Oktober. Alle Termine: www.theatermatte.ch

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