Schaffhausen: Geplanter Auftritt der Skandalrapper sorgt für Ärger

Farid Bang und Kollegah treten am «Albanian Festival» auf. Die Bestürzung darüber mündet in einen offenen Brief.

Die Rapper Kollegah (l.) und Farid Bang (r.) sollen im Mai in Schaffhausen auftreten. Bild: Keystone

Die Rapper Kollegah (l.) und Farid Bang (r.) sollen im Mai in Schaffhausen auftreten. Bild: Keystone

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Die Empörung über den Echo-Preis für die beiden Rapper Farid Bang und Kollegah ist gross. Ausgezeichnet wurde ihr Album «Jung, Brutal, Gutaussehend 3». Darauf finden sich Texte wie «Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen». Nebst antisemitischen Inhalten kommen auch solche vor, die sich gegen Frauen, Flüchtlinge, Homosexuelle und Behinderte richten. Mittlerweile haben andere Künstler aus Protest ihren Echo zurückgegeben, der Veranstalter hat angekündigt, die Preisverleihung zu überarbeiten.

Nun sollen die beiden Rapper in Schaffhausen auftreten, am 5. Mai, im Rahmen des «Albanian Festival» in der BBC-Arena. Lokale Politiker, Frauen-, Asyl-, und Queer-Organisationen sind bestürzt über das bevorstehende Konzert. Sie haben einen offenen Brief an den Patron und Financier der Halle, Giorgio Behr, und den OK-Präsidenten, Beslim Memisi, unterzeichnet. Zu den Mitunterzeichnenden gehören unter anderem auch der Zürcher SP-Nationalrat Fabian Molina und Amtskollegin Mattea Meier, die Präsidentin der Juso Schweiz, Tamara Funiciello, und der Geschäftsleiter von Pink Cross, René Schegg.

Verfasst haben den offenen Brief Isabelle Lüthi, Mediensprecherin des Frauenstammtischs Schaffhausen, SP-Kantonsrat Patrick Portmann und Anna Rosenwasser, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz. Sie fordern von Giorgio Behr, den Auftritt von Kollegah und Farid Bang zu verhindern. Sie appellieren an ihn als Präsidenten der Kadetten Schaffhausen – deren Heimstadion die BBC-Arena ist – aber auch «als Menschen». Die Sporthalle stehe für völkerverbindenden und gemeinschaftsfördernden Sport und für gegenseitigen Respekt. Bei Hetze wegzuschauen, bedeute, sie gutzuheissen, Menschenverachtung zuzulassen.

Werbung für das Konzert von Farid Bang und Kollegah am Albanian Festival in Schaffhausen. Quelle: Facebook

Weder von Giorgio Behr noch vonseiten des Veranstalters hätte man bisher eine persönliche Reaktion erhalten, sagen Lüthi und Portmann. Auch für den «Tages-Anzeiger» war OK-Präsident Memisi nicht erreichbar. Aber auf TeleZüri hat Behr gesagt, man wolle nicht eingreifen: «Würden wir das machen, würden wir am nächsten Tag mit dem Rassismusvorwurf konfrontiert.» Zudem habe man in der Vergangenheit mit dem albanischen Verein hervorragende Erfahrungen gemacht. Behr erklärt gegenüber TeleZüri weiter, dass für alle Veranstalter dieselben Regeln gelten, nämlich das Schweizer Gesetz. Seine Stiftung sei nicht befugt, einzugreifen, man sei Vermieter und nicht die Polizei.

Unternehmer Giorgio Behr möchte die Rapper vorerst nicht ausladen – seine Stiftung vermietet die BBC-Arena für das Albanian Festival. Bild: Keystone

Unternehmer Behr bemerkt gegenüber TeleZüri, dass die Rapper in Deutschland immerhin einen Preis gewonnen hätten und die deutschen Behörden das Tun der Musiker zwar grenzwertig, aber doch im gesetzlichen Sinne «korrekt» gefunden hätten.

Keine Zensur

Ähnlich sieht das der Stadtpräsident von Schaffhausen, Peter Neukomm (SP). Er findet die Texte der Rapper zwar «unter der Gürtellinie» und grenzüberschreitend. Beim Konzert handle es sich jedoch um einen privaten Anlass auf einem privaten Grundstück. Deshalb sei die Stadt nicht involviert. «Der Geschmack des Stadtpräsidenten entscheidet da nicht über das Musikprogramm.» Man sei schliesslich keine Zensurbehörde.

Erst wenn etwas strafrechtlich relevant würde, schalte sich die Stadt beziehungsweise die zuständige Polizeibehörde ein. Dann zum Beispiel, wenn zu Gewalt aufgerufen würde. Gewaltaufrufe können angezeigt werden. Auf die Bemerkung hin, dass die Texte ja in der Tat zu Gewalt aufriefen, sagt Neukomm, dass es Sache der Polizei sei, allfällige Anzeigen zu prüfen und eine Lageeinschätzung vorzunehmen, wenn es um die öffentliche Sicherheit gehe.

Gesetz vs. Werte

Dem widerspricht Isabelle Lüthi. Nicht nur das Gesetz sei der Massstab. Es gehe um Umgangsformen und Weltbilder. Jene der Rapper seien in Schaffhausen nicht willkommen. «Denn Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln.» Die heteronormativen, menschenverachtenden Ansichten, welche die Rapper verbreiten, seien gefährlich. Ebenso, wenn diesen Inhalten nichts entgegengesetzt werde – und das sei leider oft der Fall. «Wir wollen eine Diskussion anregen und solche Inhalte nicht einfach so stehen lassen.»

Der offene Brief, mit dem gegen das geplante Konzert von Farid Bang und Kollegah protestiert wird. Quelle: Facebook

Der offene Brief verbreitete sich schnell über die sozialen Medien. Lüthi erfuhr viele positive Reaktionen. Nicht so Mitinitiant Patrick Portmann, der nebst seinem politischen Amt in der SP Schaffhausen selbst als Rapper unterwegs ist.

Er ist nach der Veröffentlichung des Briefes verbal bedroht worden. Er nimmt an, dass es sich bei den Autoren der Nachrichten und Kommentare um Anhänger von Farid Bang und Kollegah aus Schaffhausen handle. «Offenbar haben sie unseren Protest gegen die Texte der Rapper auch gegen sich als Fans interpretiert», so Portmann. Dass er selbst Hip-Hop mache, hätte bei den einen wohl noch mehr den Geschmack eines Verrats hinterlassen. Denn für die jungen Anhänger von Farid Bang und Kollegah ist das, was ihre beiden Idole machen, Kunst, und Kunst dürfe in den Augen der Rapper und ihrer Fans alles. «Diese Jungs hinterfragen nichts, egal wie schlimm die Texte sind.»

SP-Politiker soll «kassieren»

Er würde «kassieren» und sich richtig Ärger einhandeln, wenn er weiter solche Sachen – öffentlich Rap-Texte kritisieren – mache, sagt Portmann über die Drohungen. Er nehme diese ernst und ziehe Konsequenzen. Den öffentlichen Beitrag mit dem offenen Brief hat er von seinem Facebook-Profil entfernt. Eine Besprechung soll nun klären, wie er weiter vorgehe. Am liebsten wäre ihm ein aktiver Dialog.

Portmann stellt aber klar, dass er die Kritik keinesfalls der ganzen Hip-Hop-Gemeinschaft anhängen wolle. Denn gerade Schaffhausen als Grenzstadt habe seit vielen Jahren gute Beziehungen zu deutschen Rapgrössen und deren Fangemeinden. Mit Farid Bang und Kollegah hätte aber die Aggressivität der Texte und auch der Fans, wenn es darum gehe, ihre Idole zu verteidigen, ein neues Ausmass erreicht. «Wir sind sehr offen für Gespräche mit Herrn Behr und dem Veranstalter», sagt Portmann, der sich nun von der vordersten Front der Proteste zurückziehen möchte.

SP-Kantonsrat Patrick Portmann – selbst auch Rapper – wurde bedroht, nachdem er den offenen Brief gegen den Auftritt von Farid Bang und Kollegah veröffentlicht hat. Foto: Facebook

In linken Kreisen in Schaffhausen kursiert bereits der Vorschlag, dass Giorgio Behr den Veranstalter für die Absage des Konzerts entschädigen könnte.

Gestern Nachmittag erreichte diese Zeitung eine Medienmitteilung der Stiftung NHTLZ/BBC Arena Schaffhausen. Man sehe sich mit «unberechtigten Vorwürfen konfrontiert.» Für die Durchführung des Konzerts sei der Alba-Kulturverein verantwortlich. Es bestünden keine Anzeichen dafür, dass der Verein mit dem Engagement von Farid Bang und Kollegah gegen die hiesige Rechtsordnung verstossen könnte. Trotzdem habe man mit den Verantwortlichen des Kulturvereins Kontakt aufgenommen, um den inzwischen vorgetragenen Bedenken gegen das Konzert Rechnung zu tragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2018, 10:24 Uhr

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