Zu jung für Lorbeeren

Er fühlt sich pudelwohl in Bern: Eine Begegnung mit dem Engländer Tom Arthurs, der kürzlich die künstlerische Leitung der Abteilung für Jazz und Contemporary Music an der Hochschule der Künste übernommen hat.

Ein Musikwissenschaftler, der Musik macht: Tom Arthurs will das Schaffen der Berner Jazzstudierenden vermehrt auf die Konzertbühnen bringen.

Ein Musikwissenschaftler, der Musik macht: Tom Arthurs will das Schaffen der Berner Jazzstudierenden vermehrt auf die Konzertbühnen bringen. Bild: Remko Wieland

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Obwohl er sich in seiner Doktorarbeit über die Berliner Impro-Szene durchaus auch als Theoriefuchs zu erkennen gibt, schlägt Tom Arthurs im Gespräch lieber den Ton des schwärmerischen Enthusiasten an. Als Trompeter, Komponist und Aktivist weiss der Brite genau, dass das wahre Leben ausserhalb des akademischen Elfenbeinturms stattfindet. Nach einem 10-jährigen Aufenthalt in Berlin, wo er sich viele Feinheiten der deutschen Sprache anzueignen wusste, ist Arthurs in Bern gelandet und sagt: «Ich bin froh, nicht mehr jeden Tag zwei Stunden in U- und S-Bahn sitzen zu müssen. Mit dem Fahrrad bin ich jetzt in sieben Minuten an meinem Arbeitsort.»

Dieser Arbeitsort befindet sich am Eigerplatz oberhalb einer Coop-Filiale. Dort kämpft die Abteilung für Jazz und Contemporary Music der Hochschule der Künste mit viel Erfindergeist gegen akute Platznot – einige Probenräume hat man ausgelagert. Arthurs, seines Zeichens seit ein paar wenigen Wochen künstlerischer Leiter dieser Abteilung, kommentiert die Situation lakonisch: «Es geht.» Es könnte also besser sein.

Doch Arthurs ist nicht der Typ, der seine Zeit am liebsten mit Lamentieren verbringt – schliesslich konnte er dank seiner ausserordentlichen künstlerischen und intellektuellen Fähigkeiten der englischen Stahlarbeiterstadt Corby entfliehen, deren rapiden Niedergang unter dem erbarmungslosen Thatcher-Regime er mit Jahrgang 1980 als Kind hautnah miterlebte (der «Daily Telegraph» bezeichnete Corby als «one of the most malformed places in Britain»). Und so setzt er zu einem regelrechen Hohelied an: «Die Stimmung an der Schule ist sehr gut und sehr offen. Man kümmert sich um die Tradition, will aber auch wissen, wohin diese uns führt. Dafür haben wir die richtige Kombination von Dozenten. Die Studierenden haben die Möglichkeit, sich sowohl mit Jazzgrössen wie Dexter Gordon als auch mit elektronischer Musik zu befassen.»

Um die Vielfalt der Berner Jazzausbildung einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen, will man inskünftig die eingeschlafene Montagskonzertreihe durch Pop-up-Festivals ersetzen (das erste Festival findet vom 30. Mai bis zum 3. Juni im Sonarraum im Progr statt).

Pygmäen und Debussy

Wie sieht es mit Arthurs’ eigenen musikalischen Vorlieben aus? Diese sind extrem breit gefächert. Als Kind nahm er Radiosendungen auf und entdeckte so den enorm swingenden Jazz von Oscar Peterson, Harry «Sweets» Edison, Eddie «Lockjaw» Davis und Roy Eldridge. Als Jugendlicher spielte er mit der Schul-Bigband das Stück «Gentle Piece» von Kenny Wheeler und verliebte sich total in die Musik dieses zugleich melancholischen und jubilierenden Trompeters, der für ihn bis zum heutigen Tag ein wichtiges Vorbild geblieben ist.

1998 zog Arthurs nach London, um sein Musikwissenschaftsstudium in Angriff zu nehmen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt explodierte sein musikalisches Universum vollends. Er besuchte ein Konzert nach dem andern und begann, sich im Kollektiv F-IRE (Fellowship for Integrated Rhythmic Expression) zu engagieren. Fragt man ihn heutzutage nach aktueller Lieblingsmusik, fällt die Antwort entsprechend kunterbunt aus. Als erstes nennt er Miles Davis’ Instrumentalversion der Gershwin-Oper «Porgy & Bess», für die Gil Evans die Arrangements schrieb. Dann kommt er auf das neue Album («Cuidado Madame») des Elektro-Bossa-Nova-Sonderlings Arto Lindsay zu sprechen, um schliesslich via Debussy (gespielt von Pierre-Laurent Aimard) und Luc Ferraris Tonbandmusik bei den Pygmäen aus Uganda zu landen. «Ethnografische Feldaufnahmen bringen uns in Kontakt mit der grossartigen oralen Folk-Tradition – wie übrigens auch ganz frühe Jazzaufnahmen», erklärt Arthurs.

Kammermusik und Jazz

Unter eigenem Namen hat Arthurs kürzlich das Album «One Year» veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine Trio-Einspielung mit dem britischen Pianisten Richard Fairhurst und dem finnischen Schlagzeuger Markku Ounaskari. Die zugleich feingeistig-facettenreiche, sehnsuchtsvolle und durch tiefschürfenden Wohlklang und Entschleunigung geprägte Ästhetik dieses Trios erinnert stark an die 1977 gegründete englische Formation Azimuth, die aus Wheeler, dem Pianisten John Taylor und der Sängerin Norma Winstone bestand.

Arthurs führt aus: «Die Musik für das Album habe ich während anderthalb Monaten am Klavier komponiert. Im Zeitraum von anderthalb Jahren haben wir uns drei Mal getroffen, um die Musik gemeinsam zu entwickeln. Dabei wurden auch Sachen weggeschmissen.» Tatsächlich haben wir es mit einem sensiblel musizierenden Chamber-Jazz-Trio zu tun, das auf einem sehr hohen Empathie-Level interagiert und das dem Raum zwischen den Tönen ebenso grosse Beachtung schenkt wie den Tönen selbst, wobei Klangmalerei und melodiöses Flair verschmelzen.

Alles in allem gibt es viele Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sich Arthurs als Glücksfall für die Jazzausbildung in Bern herausstellen dürfte. Er ist nicht nur äusserst umtriebig und vielseitig interessiert, sondern auch enorm kontaktfreudig, international vernetzt und überaus sympathisch. Hört man sich ein bisschen in der Szene um, wird schnell einmal klar, dass man ihm viele Vorschusslorbeeren entgegenbringt. Um sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen, ist er mit seinen knapp 38 Jahren eindeutig zu jung. Arthurs selbst sagt: «Seit ich in Bern bin, habe ich noch keinen langweiligen Moment erlebt.» (Der Bund)

Erstellt: 03.04.2018, 06:55 Uhr

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