Zentnerschwere Ausgebufftheit

Hip-Hop-Kultur in ihrer ganzen Breite: In Orpund bei Biel stehen heuer Künstler wie Megaloh, Cypress Hill oder Stormzy auf der Bühne.

Immer mit HipHop-typischer «Okay, du wolltest es nicht anders!»-Haltung: der Berliner Rapper Megaloh.

Immer mit HipHop-typischer «Okay, du wolltest es nicht anders!»-Haltung: der Berliner Rapper Megaloh.

(Bild: zvg)

Seine Reime wirken zugleich träge und agil, erratisch und elliptisch. Der Berliner Rapper Megaloh trampelt verbal stets wie ein «Regenmacher» – und hat doch immer eine Restportion «Schlaf» in der Stimme. Wer seine Stücke hört – zwei haben wir bereits erwähnt –, fragt sich, wer diesen Riesen aufgeweckt, wer dieses Reimemonster aufgescheucht hat. Seine Attitüde ist die eines Rastlosen, dem der grosse Erfolg stets verwehrt blieb.

Lange galt der heute 36-jährige Uchenna van Capelleveen als ewiges Talent. Lange kam seine Karriere nicht in Gang. Obwohl es ab Mitte der Nullerjahre nicht an Beweisen für seine Fähigkeiten mangelte und er verschiedenste Veröffentlichungen verzeichnen konnte, blieb ihm der Durchbruch verwehrt.

Erst mit der Unterstützung von Freundeskreis-Rapper Max Herre und dessen Label Nesola kam die Wende: Die Mischung aus Wucht, Storytelling und soulgetränkten Beats stimmte plötzlich. Seither lässt seine Übermittlungsform in jeder Zeile gleichzeitig Coolness, zentnerschwere Lebenserfahrung und Ausgebufftheit mitschwingen. Und immer ist auch diese Hip-Hop-typische «Okay, du wolltest es nicht anders!»-Haltung mit dabei. Konsequenz: Sein Album «Endlich unendlich» stieg in die Top 10 der deutschen Albumcharts ein.

«MEGALOH - Regenmacher» Quelle:Youtube.com

Letztes Jahr legte er mit «Regenmacher» nach und stiess gar bis auf den zweiten Chartplatz vor. Darauf zu hören: Geschichten von fast ganz unten, von grauen Welten, kleinen Lichtblicken und persönliche Durchhalteparolen. Er erzählt von seinen emotionalen Amplituden, von seinem Tagesjob als Lagerist für ein internationales Paketunternehmen, den Verpflichtungen als Familienvater und den adrenalinschwangeren Momenten auf der Bühne. Er verbiegt sich nicht, wenn er Soul, Afrobeat, Kopfnicker-Rhythmen und einprägsame Refrains kombiniert.

Übersteigerung des Raps mit S.O.S.

Gemeinsam mit Sänger Ronnie Trettmann und dem Produzentenduo Kitschkrieg machte er jüngst auf der «Herb & Mango»-EP mit Autotune, verhallten Tracks, Dancehall-Anleihen einen noch viel entschiedeneren Schritt Richtung Gegenwart.

Am Freitag tritt Megaloh am Royal Arena Festival in Orpund bei Biel auf. Der Liebhaber-Event, der heuer bereits zum zehnten Mal stattfindet und zum dritten Mal in Folge schon im Vorfeld ausverkauft ist, präsentiert seit jeher Hip-Hop in seiner ganzen Breite. Neben Graffiti-, Breakdance- und Nachwuchsrap-Wettbewerben steht dafür ein internationales Line-up bereit. Und auch dieses versucht das gesamte Spektrum, das die Kultur bietet, auszunützen. So steht mit der Berner Gruppe S.O.S. und der Superwak Clique aus Genf genauso die neue energetische Übersteigerung des Schweizer Rap auf der Bühne wie die Vertreter des goldenen Zeitalters des frankofonen Rap. Gruppen wie Les Sages Poètes de la Rue werden die Nostalgiegefühle der älteren Festivalbesucher ansprechen.

Headliner sind diesmal die beiden US-Acts Cypress Hill und French Montana. Während die Kalifornier seit 1988 in gleicher Besetzung für eskapistische Momente einstehen und in ihrer Blütezeit in den frühen Neunzigern weit über die Hip-Hop-Grenzen hinaus Fans fanden, steht der marokkanischstämmige Karim Kharbouch alias French Montana für den Rap der Neuzeit. Seine Stücke leben von der überlegeren Art, in der sie vorgetragen sind. Bei ihm geht es mehr darum, wie er etwas sagt, als was er sagt. Mit unzähligen Mixtapes zementierte er seit 2007 stetig seinen Ruf. Zuletzt gelang ihm mit der Single «Unforgettable» ein veritabler Hit.

«French Montana - Unforgettable ft. Swae Lee» Quelle:Youtube.com

Wie ein mentales Boxtraining

Allerdings geht sein erster Besuch in der Schweiz auch mit der Tatsache einher, dass seine Karriere ein wenig ins Straucheln geraten ist. Sein Album «Jungle Rules» blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Die aktuelle Trap-Welle mit Künstlern wie Drake und Future scheint ihm und seinesgleichen den Rang abgelaufen zu haben. Fraglich denn auch, wie viel man von ihm auf der Bühne erwarten kann. Oftmals tun sich Rapper, die seine nonchalante Interpretation von Rap teilen, live vor allem durch Trägheit hervor.

Beim Engländer Stormzy dürfte man hingegen von mehr Engagement ausgehen. Die von ihm vertretene englische Rapspielart Grime war für seine Konsumenten lange ein nur für gewisse Momente geeignetes, intensives Aufputschmittel. Die Musik diente als direkt in die Gehörgänge injiziertes mentales Boxtraining. Anfang der Zweitausender galten alle Vertreter als Heisssporne und Hitzköpfe, die sich beim Rappen fast überschlugen.

Nachdem der unvermeidliche Flirt mit dem Mainstream stattfand und sich mit Dizzee Rascal einer der kreativsten Vertreter des Genres in Richtung Shakira und Calvin Harris verabschiedete, hat die Kultur mit Stormzy wieder einen Vertreter gefunden, der jedes Thema unter die Schirmherrschaft des Grime stellen kann. Sogar Depression und Religion, sogar Sanftheit und Mutterliebe. Sein im Februar erschienenes Album «Gang Signs & Prayers» bringt all dies zusammen. Nun bleibt im Hinblick auf seinen Auftritt am Royal Arena Festival die Frage, ob er die der Musik immanente Energie noch besser als sein Genrekollege Skepta im Vorjahr auf die Bühne übertragen kann.

Royal Arena Festival Orpund Freitag und Samstag, 18. und 19. August. Beide Tage sind bereits ausverkauft. www.royalarena.ch

Der Bund

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