Wuchtiger Weltschmerz

Einmal mehr beweist ausgerechnet Giuseppe Verdis Messa da Requiem, dass grosse Musik unsterblich ist.

Die vier Solisten des BSO sind allesamt ihren Aufgaben in dieser Adaption des Requiem gewachsen.

Die vier Solisten des BSO sind allesamt ihren Aufgaben in dieser Adaption des Requiem gewachsen. Bild: Wikipedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Verdis Requiem ist das vielleicht bekannteste sakrale Musikstück überhaupt. Ständig wird es dargebracht, und nie wird man seiner überdrüssig. Es wird gespielt in Opernhäusern und Konzertsälen, und oft in Kirchen. Da gehört es eigentlich auch hin, und so sind die zwei Aufführungen des Berner Symphonieorchesters (BSO) im Münster nichts als logisch. Nur, man weiss um die akustischen Tücken des spätgotischen Raums und ist zunächst skeptisch.

Doch auch der BSO-Dirigent Mario Venzago, frischgebackener Siebziger und jugendlich-elastisch wie eh und je, weiss um diese. Und er hat ein patentes Rezept gefunden: Seine Tempi folgen oft der Dynamik, nicht immer ganz im Einklang mit der Partitur, aber mit überzeugendem Ergebnis. Die schnellen Fortissimo-Passagen lösen das Problem des Nachhalls verblüffend gut; nur die Generalpausen wirken zuweilen etwas abrupt. Doch Venzago hetzt keineswegs durch das Werk: Das Agnus Dei oder weite Teile des abschliessenden Libera Me kostet er behutsam aus, er trägt die Sänger und lässt sie atmen. Das hat eindrückliche Kontraste zur Folge, so nach genau einer Stunde: Auf das Aushauchen des Vokalquartetts am Ende des Offertoriums folgt die schmetternde Blechfanfare, und dann legt der Chor wuchtig los zum Sanctus.

Vortreffliches Orchester

Alle vier Solisten sind ihrer Aufgabe wohl gewachsen: Die Sopranistin Ania Jeruc mit strahlender Höhe, die stilsichere Altistin Agnieszka Rehlis mit tadelloser Phrasierung; der das Ingemisco und das Hostias sorgsam gestaltende Tenor Xavier Moreno und der ruhig-abgeklärte Bass Young Kwon bilden ein perfektes Quartett.

Am meisten Zuspruch erhielt jedoch der Chor, und das war kein Zufall.

Nach der einleitenden Klangorgie der Sequenz erklingt Kwons Mors stupebit wirklich wie aus dem Grab. In den Terzetten und Quartetten mischen sich die Stimmen ideal, und die Soli sind makellos. Das gilt auch für die Solostellen im Orchester, sei es die Flöte im Lux Aeterna, das Fagott im Libera me oder die synkopisch exakten Trommelschläge in den drei Dies-Irae-Chören.

Das ganze Orchester ist vortrefflich aufgelegt, geschmeidig die Streicher, präzise die Bläser. Das ist beim oft exponierten Blech in diesem Werk nicht selbstverständlich. Die Ferntrompeten des Tuba Mirum auf der Orgelempore machen das Klangerlebnis dreidimensional, eine Spezialität des späten Verdi.

Am meisten Zuspruch erhielt jedoch der Chor, und das war kein Zufall. Engagiert wurde nach 2017 zum zweiten Mal der vielfach preisgekrönte MDR-Rundfunkchor aus Leipzig. Nicht als Misstrauensvotum gegen den Hauschor, doch war dieser gerade mit «Love Life» allabendlich ausgelastet und auch fleissig am Proben. Die Sachsen unter Chorchef Nicolas Fink wurden ihrer hohen künstlerischen Reputation mehr als gerecht. Harmonische Ausgeglichenheit über alle Register, ausgeprägte Piano- kultur und bei Bedarf apokalyptische Durchschlagskraft zeichnen den superben Klangkörpers aus. Verdis Vermächtnis wurde so einmal mehr zu einem dichten, mitreissenden, bewegenden und beeindruckenden Klangerlebnis. Mag sein, dass einigen einiges etwas laut gewesen ist. Doch dankbare Ergriffenheit herrschte vor: Es dauerte nach dem Schlussakkord fast eine halbe Minute, bis der Applaus losbrach.

(Der Bund)

Erstellt: 14.09.2018, 06:51 Uhr

Artikel zum Thema

«Messa da Requiem»: Unerhörter Verdi

Traurig und markerschütternd: Das «Requiem» des Singkreises Wohlen und des Projektchores SMW Frick riss im Kulturcasino das Publikum trotzdem mit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die glücklich machen

Tingler Verschwunden

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...