Woom, machen U2

Der erste Eindruck von «Songs of Innocence», dem neuen Album von U2. Stück für Stück.

«The Miracle (of Joey Ramone)»: Die erste Single des neuen Albums. (Quelle: U2/youtube)

Simon Knopf@SimonKnopf

Für die Iren waren U2 Helden, nichts weniger. Solche brauchten sie dringend, damals, in den wirtschaftsschwachen 80ern. Jemand, der ihnen zeigte, dass sich irisch sein und Erfolg nicht ausschliessen. U2 waren charismatisch und innovativ und spätestens nach dem Hit-Album «The Joshua Tree» von 1987 füllten sie Stadien. Aber irgendwann nach der Jahrtausendwende vermasselten es die vier Musiker: Die letzten Alben hinterliessen kaum bleibende Eindrücke. Dann verlegten U2 aus steuertechnischen Gründen noch ihren Firmensitz in die Niederlande. In Irland verzieh man das den einstigen Helden nicht. Das neue Album, «Songs of Innocence», sei nun wieder sehr Dublin-zentriert, sagte Gitarrist The Edge. Ein Versöhnungsangebot? Wir haben reingehört.

1. «The Miracle (of Joey Ramone)»: «Oh-oh-oh» – wie sonst könnte ein U2-Album beginnen als mit einem Chor? Das ist definitiv Stadion-tauglich. Die paukenden Trommeln danach wirken aber anbiedernd: zu nah an Coldplays «Paradise», zu nah an Hurts’ «Miracles». Der Refrain ist orientierungslos; Bonos Stimme ist zu dünn, als dass sie alles schön zusammenhalten könnte.

2. «Every Breaking Wave»: Den Strand und die gleichmässigen Wellen kann man sich gleich vorstellen, so ruhig treibt Adam Claytons Bass. Der Refrain ist gewohnt atmosphärisch, bleibt aber da stecken, wo U2-Songs früher erst richtig aufgedreht hätten.

3. «California (There Is No End of Love)»: Netter Drive, aber der Song holpert und bleibt an einem weiteren U2-typischen Chor hängen. Wo ist die Wucht von «Pride (in the Name of Love)»?

4. «Song for Someone»: Das ist ungewohnt: das Lied steigt mit einer gezupften Akustikgitarre ein. Schöne Melodie in der Strophe, Bonos Phrasierung trägt souverän. Starker Refrain. Einzig das Pseudo-Solo von The Edge gegen Ende müsste nicht sein.

5. «Iris (Hold Me Close)»: Nachdenkliche Stimmung, erinnert an «October» und andere Songs aus den Anfängen der Band. Ebenso das Spiel von The Edge, das mit Delay-Effekt durch das Lied wirbelt. Der Refrain ist leider etwas antiklimaktisch.

6. «Volcano»: Woom, Bass mit Wucht! Gesang und Gitarre sind roh und ungehobelt. Man wird erneut zurückgeworfen in den U2-Sound ihrer Post-Punk-Anfänge. Unaufgeregte Nummer mit Zug: Das dürfte live ganz schön für Stimmung sorgen.

7. «Raised by Wolves»: «Face down on a broken street/there’s a man in the corner in a pool of misery.» Gnadenlos holt uns Bono ins Dublin von 1974 zurück, als an einem Freitag 33 Menschen durch eine Bombe von Loyalisten starben. Bass und Schlagzeug geben dem Song die passende Schwere. Was ist das denn? Bono singt die Bridge mit jener klaren und kräftigen Stimme, die man fast seit «Pop» vermisst hat. Und dieser Refrain! So schön war The Edges minimalistisches, aber treibendes Gitarrenspiel schon lange nicht mehr.

8. «Cedarwood Road»: The Edges Revival zum Zweiten. Schmerzlich vermissten wir die Grobheit, mit der die Gitarre uns nun an die Strasse im Norden von Dublin holt. «Northside, just across the river/from the Southside, that’s a long way from here.» Mit diesem ewigen Nördlich-südlich-vom-Fluss-Klischee wird sich Nostalgiker Bono in Dublin kaum neue Freunde machen. Sonst: Gelungener Song.

9.«Sleep Like a Baby Tonight»: New Wave Synthi, verzerrte Stimme. Wir sind zurück in der Experimentalphase von U2. Süffig und atmosphärisch und zum Schluss dreckelt The Edge mit dem Verzerrer als seis noch immer 1991 und kurz nach dem Mauerfall.

10. «This Is Where You Can Reach Me Now»: So viel Pop gab es von U2 ja nicht einmal in den 90ern. Der Song ist musikgewordene Verjüngungskur – mit Synthi und lüpfig-hüpfendem Disco-Beat. Ungewohnt, aber mitreissend.

11. «The Troubles: Huch, das singt ja eine Frauenstimme! Ruhige fliessende Nummer – so muss ein Album enden.

Fazit: Ganz so rund wie die grossen Alben von U2 ist auch «Songs of Innocence» nicht. Zu uninspiriert, lose und willkürlich wirken einige der Songs im ersten Teil. Doch dann die Überraschung: In der zweiten Hälfte klingen U2 zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr nach einer U2-Coverband. Und Bonos Stimme trägt mit einer Klarheit und Sicherheit, wie es sie so schon lange nicht mehr zu hören gab.

DerBund.ch/Newsnet

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