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Wo die E-Gitarre schwebt und strassenkötert

Beim Montreux Jazz Festival erkundeten am Wochenende John Scofield, Kurt Rosenwinkel und Wolfgang Muthspiel mit wahrhaft goldenen Fingern ihre elektrischen Gitarren.

Wolfgang Muthspiel war einer der begehrten Gitarrenstars am 51. Montreux Jazz Festival. Foto: Marc Ducrest
Wolfgang Muthspiel war einer der begehrten Gitarrenstars am 51. Montreux Jazz Festival. Foto: Marc Ducrest

Wie verschieden die Konjunkturzyklen der E-Gitarre in Jazz und Rock doch sind! Wo die «Washington Post» just «den langsamen, geheimen Tod der elektrischen Gitarre» im Rock diagnostizierte – was international viele Diskussionen auslöste –, wäre im Jazz eine solche Feststellung völlig danebengegriffen. Unzählige Jazzgitarristen sind dieser Tage unterwegs, und sie sind sehr gefragt.

Es ist kein Zufall, dass die E-Gitarre gerade auch am diesjährigen Montreux Jazz Festival eine herausragende Rolle spielt. Hier geben sich die grossen Jazzgitarristen die Gitarre in die Hand und spielen gleichsam mit goldenen Fingern: Bill Frisell, John Scofield, Kurt Rosenwinkel, Wolfgang Muthspiel, Lee Ritenour oder Mike Stern. Fast alle der Genannten haben übrigens einst die Jazzhochschule Berklee in Boston (USA) besucht, was zeigt, welch immensen Einfluss diese Kaderschmiede auf die Hausse der Jazz-E-Gitarre heute hat.

Popaffin und sphärisch

Berklee-Absolvent ist auch Kurt Rosenwinkel, einer der massgeblichen Jazz­gitarristen der jüngeren Generation. Am Freitag spielte der 47-Jährige in Montreux und zeigte, wie ein Jazzgitarrist heute klingen kann. Für sein Album «Caipi» hat sich Rosenwinkel unlängst als Latin-Musiker neu erfunden: Seine «Caipi»-Kompositionen präsentierte er in Montreux mit einem sechsköpfigen Ensemble. Man hat Kurt Rosenwinkel wohl noch nie mit einer so popaffinen Musik gehört!

Dies passierte nun freilich über einen Brazil-Pop nach dem Muster einer Popspielart mit extrem reichen Harmonien – und so brauchte sich der Jazzmusiker Rosenwinkel nie zu einer 3-Akkord-Musik verdammt zu sehen. Stark war der Drift von Rosenwinkels «Caipi» auch in Richtung der Klangbilder der Pat Metheny Group. Metheny war immer eines von Rosenwinkels Vorbildern: Von da schien die Dichte, schien das Schwebende und Sphärische der Klänge von «Caipi» zu kommen. Und die E-Gitarre? Rosenwinkel, sonst auch fast unauffällig wirkend in Montreux in seiner Jungenhaftigkeit mit seiner Baseballkappe, suchte seine Rolle eher als Band-Mitspieler denn als Star-Gitarrero. Das samtene Klangbild seiner Gitarre fügte sich in die oft geschmeidigen Ensembleklänge ein. Das war nie forciert gitarristisch und gerade darum stimmig innerhalb einer oft stark durcharrangierten Musik.

Stimmig war danach aber auch der Auftritt von John Scofield, einem Jazz-Urgestein, auch wenn die E-Gitarre des 66-Jährigen ganz anders funktionierte als die rosenwinklige. Der jetzige Scofield war dabei ganz der alte, was nicht eben schlimm war – wo «Sco» ja das Zeug zum Klassiker hat mit seinem enthemmten Funk-Jazz. Mit seinem Überjam-Quartett machte er in dieser Weise auch am Genfersee Dampf. Und es zeigte sich einmal mehr: Unter allen grossen Jazzgitarristen der neueren Zeit ist Scofield derjenige, der den Fundamenten des Jazz am stärksten verbunden geblieben ist: dem Blues, dem Puls, dem Schrei, dem Tanz.

Frische aus abendländischer Konzertmusik

Da stand, da tänzelte Scofield mit seinem langen Schädel und seinem grau gewordenen Holzfällerbart. John Scofield gab nun mit seinen langen Improvisationen durchaus auch so etwas wie den Jazz- und Funk-Gitarrenhelden, beinahe nach der Bauart vergangener Rockdiven. Dazu passte auch der unverkennbare scofieldsche E-Gitarren-Sound, der oft angezerrt und aggressiv daherkommt, ächzend und ätzend, verschliffen und verdreckt, mit Strassenstaub an den Schuhen. Gleichzeitig – und erst so wurde alles zu Jazz – transzendierte die Musik die Blues- und R’n’B-Ursuppe. In sie waren immer wieder technoide Samples eingelassen, vor allem waren da auch die hochkomplexen «Scofieldismen» – also eckige Intervalle, Inside-Outside-Improvisationen, will heissen: Tonartnahes und tonartfremdes Material wurde gegeneinandergestellt.

Der Strassenköter-Klang von Scofield, der wäre nun wiederum verquer gewesen bei einem weiteren Gitarristen in Montreux, Wolfgang Muthspiel. Er trat am Samstag auf. Der österreichische Jazzmusiker, 1965 geboren und in der Steiermark aufgewachsen, präsentierte das Repertoire seines jüngsten Albums «Rising Grace». Der Klang Muthspiels – auch er einer jener Jazz-Figuren, die die E-Gitarre heute interessant machen – war wiederum ganz in der Nähe der gepflegten Kultur eines Rosenwinkel. In Muthspiels Quintett spielten auch Musiker wie der New Yorker Kontrabassist Larry Grenadier, bekannt vom Brad-Mehldau-Trio; oder der ebenfalls mit der New Yorker Jazzszene verbundene Trompeter Ralph Alessi. Und so war der Grundklang des Ensembles einem avancierten und sehr filigranen, kammermusikalischen Jazz verbunden.

Bevor er sich in den Jazz gestürzt hatte, war Muthspiel in die klassische Musik involviert gewesen mit seinem ersten Instrument, der Violine. In Montreux nun schimmerte im jazzigen Grundklang von Muthspiels Formation diese klassische Klangfarbe immer wieder durch: Eine Komposition wie etwa «Triad Song» wäre auch leicht als klassisches Kunstlied denkbar. Und so holte sich dieser Jazzgitarrist gar aus abendländischer Konzertmusik die Frische.

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