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«Wir kreieren eine Stimmung»

Nach 40 Jahren tritt Urs Musfeld bei der Kultsendung «Sounds!» ab und zieht Bilanz. Ausserdem: Musfelds Top Ten aus vier Jahrzehnten «Sounds!».

Gibt es heute mehr interessante Bands als vor 40 Jahren? Es gibt sehr viel mehr Bands, was allerdings nicht immer etwas mit der Qualität zu tun hat.

Wie entdecken Sie diese? Ich informiere mich vor allem auf den einschlägigen Musik-Blogs. Es ist unglaublich, wie viel Zeit gewisse Nerds in solche Plattformen stecken. Was für ein Unterschied zu früher, wo man die neusten Platten von den Vertrieben paketweise geschickt bekam und sich ohne Internet über die Musik schlaumachen musste. Heute ist die Popgeschichte frei verfügbar, das erleichtert die Arbeit eines Musikredaktors.

Wieso braucht es da noch eine Sendung wie «Sounds!»? «Sounds!» ist als Neuheiten-Sendung definiert. Ein Fünftel der Songs ist jedoch älteren Datums. Da sich Musik immer stärker rezykliert, ist es wichtig, den Bogen zu früher zu spannen, zurück zum Krautrock zum Beispiel. Da helfen die Blogs nicht weiter, da ist Erfahrung nötig. Und vergessen wir nicht: Radio ist ein sinnliches, emotionales Medium. Unsere Musik-Auswahl ist sehr persönlich und moderiert. Wir kreieren eine Stimmung. Das können Streamingdienste wie Spotify nicht bieten.

«Unsere Musik-Auswahl ist sehr persönlich und moderiert.»

Die Definitionsmacht über Trends ging allerdings verloren. Wir sind nicht mehr die Instanz, die wir einmal waren. Früher gab es eine verschworene Gemeinschaft von «Sounds!»-Hörern, die sich anhand der Sendung musikalisch orientierten. Aber für Leute, die keine Zeit haben, sich ständig im Netz über die neusten Trends zu informieren, sind wir nach wie vor wichtig.

«Sounds!» ist sehr gitarrenlastig. Oder ist das mein Eindruck als Elektronika-Fan? Finde ich nicht. Gerade in den letzten Jahren ist der Retro-Synthie-Pop aufgekommen, den wir konstant begleitet haben. Und im elektronischen Bereich spielen wir aktuell viele interessante Projekte. Gerade solche mit starken Frauenstimmen, zum Beispiel Kelly Lee Owens. Das ist eine Londoner Produzentin, die eine Mischung aus Ambient und Dream Pop macht.

Haben Sie für die Sendung Unspielbares definiert? Sie meinen Experimentelles? Das ist nicht die Grenze. Noise liegt drin, ebenso verworrene Elektronika. Aber wir machen Radio. Ein siebzehnminütiges, atonales Stück liegt nicht drin.

Kann man die Hörer heute noch musikalisch vor den Kopf stossen? Wie damals mit Punk oder Techno? Nein. Das heisst jedoch nicht, dass «Sounds!» vor sich hin plätschern soll. Mein Credo ist an jenes der US-Radiostation KCRW angelehnt: Musik zu spielen, von der wir wollen, dass die Leute sie gerne hören. Will heissen: Man muss die Balance finden zwischen dem, was die Leute kennen und mögen, und dem, was sie überrascht.

Gibts für «Sounds!» eigentlich Quotenvorgaben? Nein. Die Sendung kommt ja um 22 Uhr, also ziemlich spät am Abend. Da erwartet man keine Hammerquoten.

Viele Musikfreunde sagen, dass die Musik von SRF 3 nur noch bei «Sounds!» auszuhalten sei. Wie sehen Sie das Tagesprogramm von SRF 3? Es dürfte ein bisschen mehr Mut zum Risiko geben. Wenn das Publikum ab und zu überfordert ist, ist das begrüssenswert.

«Es ist wichtig, die Linien zu früher zu ziehen.»

Die meisten der Bands, die Sie spielen, sind jung. Hatten Sie mit zunehmendem Alter nie Angst, den Zugang zu dieser Musik zu verlieren? Wenn ich mir die Frage gestellt hätte, was bei den Jungen angesagt ist – dann wäre ich fehl am Platz gewesen. Aber auf die Gefahr hin, dass es arrogant klingt: Ich habe immer gespielt, was ich mag. Ausserdem können die jungen Bands ja kaum mehr komplett Neues erschaffen. Es ist deshalb wie gesagt wichtig, die Linien zu früher zu ziehen.

Wie alt ist das Publikum von «Sounds!»? Unser Publikum ist wohl älter als die Mehrheit der Bands, die wir spielen. Ich kriege aber auch immer wieder Reaktionen von jungen Leuten.

Was waren die schönsten Momente in 40 Jahren «Sounds!»? Das waren die Besuche von Gästen, die bei uns in Montreux in den 80er- und frühen 90er-Jahren in den Sende-Wohnwagen kamen, um Interviews zu geben: Elvis Costello, Dr. John oder Gil Evans. Damals sendeten wir noch integral von vier Uhr nachmittags bis tief in die Nacht hinein. Zwischen Konzerten und Interviews legte ich Platten auf. Es war eine andere Art, Radio zu machen.

Einige der Musiker von damals sind heute tot. Wen vermissen Sie am meisten? Bowie, Prince und Cohen. Das sind nicht nur grossartige Musiker gewesen, mit denen mich unzählige Platten und Live-Konzerte verbanden – sie produzierten auch bis zu ihrem Tod relevante Musik, die jetzt fehlt.

Hat jemand wie Sie, der Hunderttausende von Songs gehört hat, einen Lieblingssong? Das wäre wohl «Sound and Vision» von David Bowie.

«Sounds!» will Trends erkennen, bevor sie kommerziell werden. Ihr grössten Entdeckungen? Ich würde sagen, wir haben die Young Gods entdeckt und auch Stephan Eicher. Internationale Bands, die wir für die Schweiz entdeckt haben, sind beispielsweise The Cure oder Depeche Mode. Lana del Rey haben wir auch sehr früh gespielt.

Wen sollte man heute im Auge behalten? Sehr spannend finde ich aktuell eine Band namens Moonlandingz. Abgedrehter Psychedelic-Pop.

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Urs Musfelds Lieblingssongs aus 40 Jahren «Sounds!»:

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