«Wir Frauen müssen noch härter kämpfen als die Männer»

Anna Rossinelli schlägt auf ihrem neuen Album rauere Töne an. Und wehrt sich gegen ihr Popstar-Image.

Rein in den Garten: Anna Rossinelli im Botanischen Garten Basel. Bild: Kostas Maros

Rein in den Garten: Anna Rossinelli im Botanischen Garten Basel. Bild: Kostas Maros

Die Welt ist grün in diesem tropisch feuchten Teil des Botanischen Gartens Basel. Und sie lebt, selbst im Winter. «Schauen Sie hier, die Blättchen dieser Pflanzen: wenn man diese berührt, ziehen sie sich zusammen», sagt Anna Rossinelli einmal. Die Sängerin spaziert durch das Gewächshaus, macht für sich Fotos der auffälligsten Pflanzen, die hier wachsen. «Für mich ist der Garten immer auch ein Ort der Entdeckung, das war ja auch bereits beim Garten Eden so», erzählt die 31-jährige Baslerin.

Aber nicht, dass Anna Rossi­nelli auf ihrem vierten Album «White Garden» nun über Pflanzen singt. Schon gar nicht klingt ihre Musik naturbelassener und akustischer als in der Vergangenheit. Im Gegenteil: In den neuen Songs drängen elektronische ­Elemente in den Vordergrund. Und man meint, eine rauere Anna Rossi­nelli als in der Vergangenheit zu hören.

In der Schweiz steht ihre Karriere bislang für Popmusik und eher für das Leichte als das Schwermütige. Seit 2011 ist das so, als Rossinelli mit ihren Bandkollegen am Eurovision Song Contest teilgenommen hat. «In Love for a While» hiess der unverfängliche Song, mit dem sich die damals 24-jährige Strassenmusikerin für das Finale qualifizieren konnte – und maximale Aufmerksamkeit auf sich zog. Wie sieht sie nun, fast acht Jahre später, diese Zeit? «Die ESC-Teilnahme gehört zu meinem Leben, da ist mir nichts peinlich.»

Man nannte sie ein «One-Hit-Wonder»

Aber klar: Niemand will ein Leben lang auf ein Lied reduziert werden – «so wie auch niemand ein Leben lang als Miss Schweiz gelten will», sagt Rossi­nelli. Und sie wehrt sich mit Nachdruck gegen die Stempel – «One-Hit-Wonder», «Pop-Schlampe» gar – die ihr seither anhaften: «Frauen erhalten nochmals einen Stempel mehr, weil, wenn sie dann noch gut aussehen, heissts ja auch noch: die kann nichts, sie sieht nur gut aus.» Und fügt energisch an: «Wir Frauen müssen noch härter kämpfen als die Männer.»

Anna Rossinelli gibt dem Star­image, das viele von ihr haben, eine Absage: «Die Leute sehen mich in der ‹Schweizer Illustrierten› und denken, ich sei reich, habe einen Pool und eine 10-Zimmer-Wohnung.» Dieses Bild der reichen Musikerin, die bei einem Major-Label unter Vertrag ist, tauchte zuletzt auf, als sie und ihre Bandkollegen für ihr letztes Album in die USA reisen wollten. Als sie zu diesem Zweck eine Crowdfunding-Aktion starteten, gerieten sie in einen Shitstorm. Doch Rossinelli erinnert daran, wie schwer es ist, selbst als Musikerin mit einem gewissen Bekanntheitsgrad Tickets für Konzerte zu verkaufen: «Mir gehts auf den Sack, wenn man annimmt, dass bei uns die Säle immer voll sind», sagt Rossinelli. Selbstverständlich laufe es ihr vergleichsweise gut, aber die Leute vergessen, wie viel Arbeit hinter ihrer Musik stecke, wie viel Zeit auch. Und überhaupt: Muss denn immer ein Produkt entstehen? Darf nicht einmal auch etwas ins Leere führen?

Anna Rossinelli, die jeweils im Sommer mit einer Freundin einen Kiosk in einer Basler Badi betreibt – dort, wo sie einfach die Anna ist –, konnte sich für «White Garden» von diesem Zeitdruck abkapseln. Die Zeit, die sie sich einfach nahm, habe ihr sehr gut getan. Sie pröbelten im Studio herum, zu dritt oder gemeinsam mit dem Produzenten Simon Kistler. Sie schickten die Songs auch Fabio Friedli zu, der als Pablo Nouvelle international bekannt ist. Der Berner reicherte die Songs mit zusätzlichen elektronischen Details an.

Der Song «Hold Your Head Up» vom neuen Album «White Garden». Video: AnnaRossinelliVEVO

Und dann ist ja auch noch etwas passiert, seit sie vor drei Jahren ihr letztes Album veröffentlichten: In der Zwischenzeit ging die Beziehung zum Bassisten ihrer Band, Georg Dillier, in die Brüche. Nach 12 Jahren. «Eine so lange Beziehung ist schon etwas, was dich definiert.» Und es brauchte Zeit, «weil Georg ja nicht einfach weg ist, sondern immer noch Teil der Band». Es gab Verletzungen, Kränkungen. «Nur weil wir Beziehungsprobleme hatten, schmissen wir nicht alles hin. Aber bis uns das gelungen ist, mussten wir kämpfen und arbeiten.»

«White Garden» erzählt von diesem Prozess der Neufindung. Rossinelli spricht dann von einer Art Zustand, in dem die Blätter noch weiss sind und bloss darauf warten, neu beschrieben zu werden. Mit neuen Erfahrungen, neuen Momenten, anderen Menschen auch. Oder bekannten Menschen, die nun in neuen Beziehungsrollen wieder auftauchen. Aber gänzlich neu anfangen, nein, das müsse man ja nicht. «Der Garten, der ist ja bereits da.»

Aufsteigend in hymnenhaften Refrains

So blitzen denn auch einige Pop-Referenzen im Kopf der Hörer auf: Da klingen die eisig-träumenden Gitarren der englischen Band The XX an, während in einem Song wie «Jewellery» die so agile Sängerin Rossinelli die Leichtigkeit der irischen Disco-Erneuerin Róisín Murphy erreicht. Sie sagt: «Ich will mich an dem bedienen, was alles rum ist.» Weil im Pop sei ja alles sehr weit gefächert, «du kannst sehr weit nach aussen, so viel ausprobieren und mit Effekten rumspielen». Nur einer wie der Surfer Jack Johnson könne ein Leben lang bei seinem Stil bleiben.

Letztlich sind für Anna Rossi-nelli aber nicht die Sounds, sondern das Songwriting entscheidend: «Ein Song sollte auch bloss mit Gitarre und Stimme funktionieren.» Einer jener Songs, die man sich abgespeckt vorstellen kann, ist die erste Single «Hold Your Head Up». Der Song beginnt leise und steigt dann in einen Mut machenden, hymnenhaften Refrain. Man hört, um was es geht: Um Vertrauen, um Offenheit auch. Es sind zwei Dinge, die die Band benötigte, damit sie «White Garden» aufnehmen konnte. Und die von der Botschaft zeugt, die Anna Rossinelli wichtig ist: «Wir wollen Freunde bleiben. Und wir wollen das wirklich.» Denn der Garten, der hier angelegt ist, wächst weiter.

Anna Rossinelli: White Garden (Universal), erscheint am 18. 1.

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