Wenn Jazzlegenden durch Baden schlendern

Viel Charme in kleinem Rahmen: Bei «Jazz geht Baden» machen die Musiker das Programm – eine gelungene Mischung der Stile.

«Ich dachte oft, eigentlich würde ich lieber üben»: Der Saxofonist Marcel Lüscher (l.) hat das Festival mit dem Kontrabassisten Claude Meier zusammen organisiert. Foto: PD

«Ich dachte oft, eigentlich würde ich lieber üben»: Der Saxofonist Marcel Lüscher (l.) hat das Festival mit dem Kontrabassisten Claude Meier zusammen organisiert. Foto: PD

Wie böse ein Mensch doch blicken kann! Gegen 22 Uhr betritt Michel Portal die Bühne der Stanzerei in Baden, wo an diesem Freitag und Samstag das Festival «Jazz geht Baden» stattfindet. Und der heute wohl bekannteste französische Jazzmusiker gibt alsbald vor vollem Saal die Diva. Nichts scheint Portal am Soundbild recht. Wenn Blicke töten könnten ... Und kaum je war man als Besucher an einem Konzert so froh, etwas nicht zu sein: Toningenieur.

Portals Divenhaftigkeit ändert nichts daran, dass er mit dem Drummer Daniel Humair dann ein packendes Duokonzert spielte. So mochte an diesem Abend auch Marcel Lüscher auf seine Rechnung gekommen sein. Lüscher, 44 Jahre alt, selber Saxofonist, erlebt bei seinem Festival, das er mit dem Kontrabassisten Claude Meier zusammen organisiert, was alle Musiker erleben, die zu Veranstaltern werden: Ein Festival frisst dich auf. «Abklären, wie viele Vegetarier in der Band sind», hatte einem Lüscher vor dem Festival erklärt, «wer einem nach dem letzten Gig den Saal putzen hilft – ich dachte oft, eigentlich würde ich lieber üben.» Und dennoch freute sich Lüscher ungemein auf die siebte Ausgabe des Festivals, «vor allem auf Michel Portal!».

Zwischen Jazz und Klassik

Lüscher besorgt unterm Jahr auch die Programmierung der regelmässigen Jazzkonzerte im Badener Restaurant Isebähnli. Zusätzlich veranstaltet er «Jazz geht Baden». Und dieses Festival scheint typisch auch für andere zweitägige Musikfestivals in der Schweiz, die in den letzten Jahren entstanden sind. Ob das Jazzfestival Wetzikon, ob «Zwei Tage Zeit» oder das Seismogram-Festival, beide in Zürich – immer dauern solche Kurzfestivals zwei Tage; organisiert sind sie nicht von professionellen Mana­gements, sondern von ausübenden Mu­sikern.

Lüscher formuliert Dinge zur Existenzberechtigung seines Festivals, die auch für die anderen Minifestivals gelten können. Nein, es gehe nicht darum, einen Event zu schaffen – aber: «Die Stimmung an einem Festival ist ganz anders als bei Einzelkonzerten. Ein Bogen ergibt sich, wenn sehr verschiedene Konzerte am selben Abend stattfinden. Und ich will, dass die Leute nach einem Auftritt, für den sie gekommen sind, auch noch etwas hören, das sie zuvor nicht kannten.» Dass sehr verschiedene Darbietungen am selben Abend schön nebeneinander funktionieren können, zeigte sich am Freitag, dem ersten Abend von «Jazz geht Baden». Musikalisch erhellt sich alles wechselseitig. Schwerelos ist der Klang im Ensemble von Luzia von Wyl mit den Streichern und dem vielen hohen Holz. Eine aufgeräumte Kammermusik zwischen Jazz und Klassik mit viel Notenpapier, akkurat gespielt von meist klassisch geschulten Musikern. Wie anders demgegenüber die befreite Musik von Kontrabassist Christian Weber, der bei seinem Soloauftritt oft mit wuchtiger Hand in die Saiten seines Tieftöners greift. Nochmals anders das Duo Portal-Humair, trotz ebenfalls freiem Gestus geht alles immer von Liedhaftem aus.

«Wie ein altes Ehepaar»

Nicht nur der schön programmierte Abend hängt vielleicht damit zusammen, dass hier Musiker am Werk sind. Sondern auch die Kürze des Festivals. Lüscher und Meier wollen ja auch mal wieder selbst auftreten. Das Festival soll klein bleiben. «Schon ein Puzzleteil mehr bedeutet unter Umständen gewaltig mehr Arbeit», sagt Lüscher, «etwa wenn ich im Unterschied zu den Einzelkonzerten beim Festival Musiker vom Flughafen abholen muss.»

Dies allerdings, die umfassende Betreuung der Musiker überhaupt, hat auch Vorteile. Es sei amüsant gewesen, mit Portal und Daniel Humair vor dem Konzert durch Baden zu spazieren, erzählt Marcel Lüscher dem Konzertpublikum. Shoppen mit Portal und Humair, das erlebt tatsächlich nicht jeder, «und die beiden chifleten wie ein altes Ehepaar»!

Tages-Anzeiger

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