Weil er ein Rockstar ist

Post Malone feiert phänomenale Erfolge – dank einer Musik, die sich nicht entscheiden muss. Nun trat der Amerikaner im ausverkauften Hallenstadion auf.

Post Malone füllt das Hallenstadion mit mächtigen Bässen und harmonischen, melancholisch verwehten Keyboard-Sounds.

Post Malone füllt das Hallenstadion mit mächtigen Bässen und harmonischen, melancholisch verwehten Keyboard-Sounds.

(Bild: Reto Oeschger)

Der Rock'n'Roll-Mythos wird noch ein letztes Mal in die Gegenwart geholt, von einem 23-Jährigen, der den Nachgeborenen im ausverkauften Hallenstadion von Sex, Drogen, Gewalt und den Geistern der Doors und des Ur-AC/DC-Sängers Bon Scott erzählt. «I feel just like a rockstar», brüllt Post Malone in seinem Hit «Rockstar» dann immer wieder ins Mikrofon, ehe er den Laufsteg, der ihm als Bühne dient, nochmals abschreitet, eine akustische Gitarre krallt, nur um die Requisite zu zerschlagen und zu zerstampfen. Diese Geste wirkt dann fast so, als habe er nicht einfach bloss eine Gitarre zerstört, sondern als wolle er sich über die Popgeschichte erheben. Die Altvorderen: Sie sind ja zum Grossteil sowieso längst gestorben.

Post Malone kann sich das erlauben; er ist derzeit der Erfolgreichste unter all den vielen Figuren, die ihre Songs und Soundspuren vor einigen Jahren auf den Onlinedienst Soundcloud hochgeladen haben und seither eine neue Soundästhetik prägen. Im Internet drehte sie rasch millionenfach ihre Runden, und ihre Urheber wurden zu Stars.

Bei Post Malone hiess jener Song zur Starwerdung «White Iverson», der mit einer milden Melodie, einem leicht zwirbelnden Beat und seiner Stimme ausgestattet ist, die zwar Rap-informiert ist, aber doch klar in Richtung Pop strebt. Rap im engeren Sinne war das bereits 2015, als er diesen Song veröffentlichte, nicht. Vielmehr schloss Post Malone endgültig das Feld zwischen Hip-Hop und Pop, was auch begründet, warum er gerade in Rap-Kreisen eine Reizfigur ist. Über ihn schrieb etwa die «Washington Post» in einer furiosen Tirade, dass er der Popstar ist, den die USA der Gegenwart verdient haben, und das sei nicht als Kompliment gemeint. An ihm entfacht sich denn auch einmal mehr die Frage, ob er als Weisser die Hip-Hop-Kultur nicht einfach ausbeute – so wie das bereits bei Eminem diskutiert wurde. Denn wäre Post Malone schwarz und nicht ein weisser Mann, der in New York geboren wurde und in Texas aufgewachsen ist, wäre er mit Sicherheit nicht so phänomenal erfolgreich.

Über eine Milliarde Streams

Vielleicht greifen diese Fragen der kulturellen Aneignung bei einem wie ihm, der vor seinem Durchbruch mit der akustischen Gitarre noch Songs von Bob Dylan gecovert hat, sowieso zu kurz. Seine Musik steht vielmehr für eine Popmusik, die mit allem kokettiert, damit sie in die verschiedensten Playlists der massgebenden Streamingdienste landet. Da spielt es keine Rolle, ob Post Malone nun auf einem Song von Kanye West zu hören ist – oder mit dem Mötley-Crüe-Drummer Tommy Lee sowie Justin Bieber anbändelt. Hauptsache, es entsteht Content, der erfolgreich ist.

Die Zahlen geben Post Malone recht: Alleine «Rockstar» weist auf Spotify über eine Milliarde Streams aus. Das machte ihn reich, so reich, dass der Bud-Light-Biertrinker Waffen sammeln kann und einst mit dem Bau eines Prepper-Bunkers liebäugelte, wo er sich im Falle der Apokalypse verschanzen könnte.

Aber er ist nicht nur reich, sondern auch traurig, wie er in einem seiner Songs singt. So traurig, dass er unter seinen Augen die Worte «Always Tired» tätowiert hat und im Song «I Fall Apart» beklagt, wie er auseinanderbricht, weil ihn eine Frau verlassen hat, bis nur noch sein Kern übrig bleibt.

Dieser übrig gebliebene Kern, den Post Malone in Zürich unter einem weiten Fahnenhemd versteckt, strahlt am Donnerstag die nötige Energie und Dringlichkeit aus, die diesen Trauer-Song zu einer Emo-Hymne für die Verlassenen anwachsen lässt. Post Malone pumpt diesen Kern auf, mit mächtigen Bässen und harmonischen, melancholisch verwehten Keyboard-Sounds, die das Hallenstadion füllen. Dann und wann werden hinter seinem Laufsteg Stichflammen und Feuerwerkskörper gezündet, die die Show zusätzlich befeuern. Und wenn er dann kurzzeitig auf jeglichen Bombast verzichtet und wie ein klassischer Songwriter mit einer akustischen Gitarre ein Lied singt, dann stürzt der Budenzauber ein: Post Malone ist dann nicht viel mehr als ein höchst durchschnittlicher Musiker – mit dem Unterschied, dass ihm 13’000 Menschen an den Lippen hängen.

In seinen Songs, die Post Malone im Konzert singt, schreitet er wohlbekannte Themen ab: Eine gewisse Lebensmüdigkeit dringt gleich zu Beginn des Auftritts in «Too Young» durch, die er verscheuchen will mit der flehenden Bitte, dass er nicht zu jung sterben wolle. Es gibt einen Kiffersong, der allen Bullshit dieser Welt vertreiben soll – obwohl er gar nicht mehr kiffe. Und er singt dann auch davon, dass es ihm besser gehe, und wir sind dank ihm nicht alleine.

Vor seinem letzten Song «Congratulations», in dem sich Post Malone gleich selber zu seinem Erfolg gratuliert, hält er dann noch eine kurze Rede, die sich gegen all jene wendet, die ihn nur als One-Hit-Wonder bezeichnet haben. Aber nun hat ers ja allen gezeigt.

Zurück bleibt ein euphorisch gestimmtes Publikum – und eine gewisse Leere, weil an diesem Abend so vieles egal war. Auch, dass Tyla Yaweh – einer der Vorrapper des Abends – gemeinsam mit den Fans Michael Jackson und den ermordeten Rapper XXXtentacion hochleben liess, als sei nichts geschehen.

Die Rockstars der Gegenwart dürfen das.

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