Was soll das bedeuten?

Der Berner Bach-Chor hat in seiner 50-jährigen Geschichte über 100 Werke einstudiert. Händels «Belshazzar» aber noch nie. Bis jetzt.

«Mene mene tekel»: Die geheimnisvolle Prophezeihung des Untergangs von Belsazars Königreich, wie sie sich der Maler Rembrandt 1635 vorstellte.

«Mene mene tekel»: Die geheimnisvolle Prophezeihung des Untergangs von Belsazars Königreich, wie sie sich der Maler Rembrandt 1635 vorstellte. Bild: Archiv

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Das Festgelage des Belsazar, das Georg Friedrich Händel in seinem gleichnamigen Oratorium aufleben lässt, hat 538 vor Christus stattgefunden. Wenn man den fantastischen Bildern glauben will, die sich zum Beispiel Rembrandt von der königlichen Tafelrunde gemacht hat, muss es da ziemlich wüst zu und her gegangen sein.

Der Gastgeber ist ein babylonischer Kronprinz und Nachfahre des Königs Nebukadnezar. Die Warnung, es nicht zu wild zu treiben, schlägt er in den Wind. Schlimmer noch: Mit steigendem Alkoholpegel wächst sein Ärger über die unfreiwillig am Fest teilnehmenden Juden. Aus einer bösen Laune heraus befiehlt er, die heiligen Kelche herbeizuschaffen, welche Nebukadnezar den Juden bei der Zerstörung von Jerusalem geraubt hatte – und sie als Saufbecher zu benützen; die Gotteslästerung ist reine Provokation.

Die Schrift erfüllt sich

Als der König ansetzt, aus einem der Kelche zu trinken, passiert das Unglaubliche. Eine Geisterhand schreibt rätselhafte Worte an die Wand. Es ist keine Vision im Rausch, alle sehen sie. «Mene mene tekel u parsin» steht da. Was soll das bedeuten? Daniel, ein weiser Prophet, soll die Schrift übersetzen: «Gezählt, gewogen und für zu leicht befunden», lautet die Botschaft. Sie spielt auf das Königreich des Belsazar an, und sagt dessen Untergang voraus. Die Schrift erfüllt sich. Die Perser überwältigen die Babylonier, die Juden werden aus der Gefangenschaft befreit und Belsazar umgebracht.

Die alttestamentarische Geschichte hat vielen Künstlern und Autoren als Grundlage für Bearbeitungen gedient. Rembrandt hat «Das Gastmahl des Belsazar» 1635 auf Leinwand gebannt. Der deutsche Lyriker Heinrich Heine schrieb 1820 eine Ballade darüber, und der Komponist Georg Friedrich Händel hat 1745 in England den «Belshazzar» komponiert, der ein Meilenstein in der Musikgeschichte wurde, weil Händel damit die Gattung Oratorium erfand.

Das Besondere an dieser Mischform zwischen Konzert und Oper: Die Handlung ist auf mehrere Personen und einen Chor verteilt, aber es gibt weder Bühne oder Kostüme noch ein szenisches Spiel. Aber anders als in der Oper, wo meist weltliche Stoffe verarbeitet werden, stehen im Oratorium geistliche im Zentrum, und die Aufführung findet in einer Kirche statt.

Hoffnung auf Erlösung

Der Berner Bach-Chor führt Händels «Belshazzar», ein fast dreistündiges Werk, als Weihnachtskonzert zweimal im Münster auf. Es ist eine Premiere: Zwar hat der renommierte Klangkörper in seinem 50-jährigen Bestehen bereits über 100 grosse Werke einstudiert, den «Belshazzar» aber noch nie. Von einer Trouvaille spricht Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer. Doch warum gehört das Opus zu Weihnachten?

Obwohl weder Krippe, Hirten noch Engel vorkommen, sieht sie im «Belshazzar» durchaus eine Weihnachtsgeschichte. Die Befreiung Babylons durch den persischen Prinzen Cyrus, der vom Propheten Jesaja als Messias bezeichnet worden war und die Versöhnung zwischen den Völkern herbeiführt, erinnert sie stark an die Botschaft der Geburt Jesu als Erlöser.

Im Gegensatz zum Berner Bach-Chor hat Wüstendörfer Händels «Belshazzar» bereits mehrmals aufgeführt, zuletzt 2015 in der Tonhalle Zürich. Für sie ist es eines der aufregendsten Oratorien aus Händels Feder: «Die opernhafte dramatische Handlung garantiert einen Spannungsbogen vom Beginn bis zum Schlussakkord», sagt sie. Zusammen mit dem über 100-köpfigen Bach-Chor, fünf Vokalsolisten und dem Barockorchester Capriccio setzt die engagierte Dirigentin alles daran, mit der musikalischen Rarität ein weihnächtliches Glanzlicht zu zünden.

Berner Münster Freitag, 22. 12. (19.30 Uhr), Dienstag, 26. 12. (17 Uhr). (Der Bund)

Erstellt: 21.12.2017, 06:50 Uhr

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