Was heisst da Comeback? Sie waren nie weg

Die Band ABBA kündigt eine virtuelle Tournee an. Wir können sie kaum erwarten. Warum?

Bieder oder einmalig eingängig? Frida, Benny, Björn und Agnetha (von links) in den 1970er-Jahren. Foto: Alamy

Bieder oder einmalig eingängig? Frida, Benny, Björn und Agnetha (von links) in den 1970er-Jahren. Foto: Alamy

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Eine der wenigen Bands, die sich nie reformiert haben, kehrt auf die Bühne zurück – «live und virtuell», heisst es in einer Ankündigung. Vermutlich werden Benny, Björn, Agnetha und Frida als Hologramm zu sehen sein, von Musikern live begleitet. Genaueres ist noch zu verkünden. Aber es wird im nächsten Jahr so etwas wie eine Konzerttournee geben. Zwar sind Coverbands wie «Björn Again» seit Jahren unterwegs. Trotzdem werden viele die virtuellen ABBA sehen wollen.

Die vier Schweden haben bis heute, schätzt man, gegen 500 Millionen Platten verkauft. Das Musical «Mamma Mia!», das auf ihrer Musik basiert, hat weltweit über zweieinhalb Milliarden Franken eingespielt. Ihre 1992 veröffentlichte Sammlung «ABBA Gold», die das erste grosse Comeback der Band einleitete, ging 30 Millionen Mal weg. Es gibt jährliche Fan-Treffen, das ABBA-Museum in Stockholm läuft über. Filme haben sie kultisch verehrt, Bands wie Erasure oder Portishead sie gecovert. Ihre Hits liefen in allen Schwulendiscos, sie selber lösten bei ihrer Tour 1977 in Australien hysterische Szenen aus. Ab Dezember geht eine Londoner Ausstellung der Frage nach, wie stark die Gruppe in den 1970ern mithalf, England aus seiner von Streiks, Massenarbeitslosigkeit und Hooligans gequälten Depression zu befreien.

Erasure covern ABBAs «Take a Chance on Me». Video: Emimusic, Youtube

Dabei hat das Quartett schon 1982 pausiert und dann aufgehört, die vier waren ausgeschrieben, geschieden, erschöpft. Aber das spielt keine Rolle: ABBA waren gar nie weg. «Ich will, dass jeder Tag ein ABBA-Tag wird», sagt die unglückliche Hauptdarstellerin in «Muriel’s Wedding», der australischen Tragikomödie von 1994. Für viele geht ihr Wunsch täglich in Erfüllung.

Der Trailer zu «Muriel’s Wedding». Video: NFSA, Youtube

Wie ist ein solches Phänomen zu erklären? ABBA war die weisseste und biederste Band der Welt. Zwei verheiratete Paare, die einander selig singend in die Augen schauten. Man trug Latzhosen, Silberstiefel, Rüschenhemden, Capes und weisse Pullover mit aufgestickten Katzen. ABBA sangen Stücke mit Titeln wie «Honey Honey», «Ring Ring» oder «Chiquitita». Sie klopften einen Viervierteltakt nach dem Vorbild deutscher Schlager, denen man noch den Stechschritt der Wehrmacht anhörte. Ihre Videos waren zum Fremdschämen. Sie waren lieb, sie blieben brav. Zerstörten keine Hotelzimmer, taumelten aus keiner Bar, riskierten keine Affären. Sie nahmen keine Drogen, sie waren selber eine.

Der wohl grösste ABBA-Song von allen: «Dancing Queen» aus dem Jahr 1976. Video: AbbaVevo, Youtube

1974 hatten ABBA mit «Waterloo» den Eurovisions-Wettbewerb gewonnen. Die Nummer wurde zum internationalen Hit – zum einzigen, hofften alle, denen ihre gute Laune schon damals auf die Nerven ging. Die nächsten Versuche scheiterten, aber ABBA machten mit protestantischer Arbeitsethik weiter. Benny Andersson und Björn Ulvaeus, der Keyboarder und der gitarristische Texter, trafen sich morgens auf einer Schäreninsel und arbeiteten jeden Tag in den Abend hinein. Wenn sie genügend Stücke beisammenhatten, gingen sie mit ihren Frauen ins Studio und nahmen, von den besten schwedischen Jazzmusikern begleitet, die Lieder auf.

Wie Manna vom Himmel

In die Details von Klang, Instrumentierung und Arrangements investierten sie so viel Sorgfalt wie die Beatles mit ihrem Produzenten George Martin, und auch die Texte wurden immer besser. Ihre Hits wurden im sozialistischen Schweden am Radio boykottiert, da zu kapitalistisch. Der Erfolg kam trotzdem, weltweit. Der Songschreiber Elvis Costello nannte ihre Musik «Manna vom Himmel», Joe Strummer von den Clash wies einen Journalisten zurecht, der sich über ABBA lustig machte. Als die Sex Pistols zum Auftakt ihrer Comeback-Konzerte zum Hohn «Dancing Queen» abspielten, erreichten sie das Gegenteil: Das Publikum brach in Begeisterung aus.

Titeln war nicht ihre Stärke: «Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)» in einer Live-Version von 1979. Video: 2Shaymcn, Youtube

Die besten Lieder von ABBA verbreiten melancholisches Glück, Musik zum Singen und Schmelzen, brillant arrangiert und in vokaler Vollendung vorgetragen – so sehr, dass man dauernd auf das wartet, was der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen «die gute Stelle» eines Songs genannt hat: das Gitarren-Intro von «Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)» zum Beispiel, der Refrain von «SOS», die Strophen im Scheidungslied «Knowing Me, Knowing You», die lakonische Melodie von «The Day Before You Came», ihrer letzten und traurigsten Single.

Ihre letzte war zugleich ihre traurigste Single: «The Day Before You Came» von 1982. Video: AbbaVevo, Youtube

Selbstverständlich findet sich auf ihren Platten, jenseits der Singles, eine Menge musikalischer Müll. Aber ihre besten Stücke, sagen wir zwei Dutzend, bleiben unerreichbar schön, froh traurig, einmalig eingängig.

Je kälter einem die Welt vorkommt, desto inniger klingen ABBAs Lieder.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2017, 21:36 Uhr

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