Türkenpop im Tanzverbot

Müslüm im Berner Kultur-Casino? Skeptiker runzelten die Stirn, das Publikum kam in Scharen. Und es erlebte einen singenden Topimmigranten mit vorweihnachtlichen Heile-Welt-Fantasien.

«So, jetzt seid ihr musikalisch integriert»: Müslüm, hier bei der Plattentaufe im Dachstock.

«So, jetzt seid ihr musikalisch integriert»: Müslüm, hier bei der Plattentaufe im Dachstock.

(Bild: Christian Herzig)

Ane Hebeisen

Den ersten Kulturschock gibt es bereits vor dem Auftritt. Eine Stimme lässt das Publikum wissen, dass es aus feuertechnischen Gründen untersagt sei, während des Konzerts aufzustehen oder gar zu tanzen, unter Androhung von Konzertabbruch im Falle einer Widerhandlung. Da raunt die in die Holzsitzreihen des Berner Kultur-Casinos verbannte Menge, eine demografisch uneinheitliche Zusammenballung von Kindern, Erziehungsberechtigten, älteren Ehepaaren und vereinzelten Exponenten aus der Subkultur.

Ohnehin haben sich viele schon im Vorfeld gefragt, was Müslüm, dieser Untergrundkämpfer der Immigrationsspassigkeit, ausgerechnet im ehrenwerten Kultur-Casino zu suchen hat. Er liefert die Antwort gleich selbst: «Wenn ich sage Chültür, dann chommen die Schweizer, wenn ich sage Casino, dann chommen die Ausländer.» Das Vorhaben ist geglückt, das Kultur-Casino ist ausverkauft, die Platzorder etwas flatterig, denn so genau weiss niemand, was da genau zu erwarten ist. Ein Weihnachtsmärchen? Ein Hochkultur-Special? Ein Türkenfest?

Hoher Personalaufwand

Es gibt nichts von alledem. Müslüm und seine exzellente Band geben ein Konzert, ohne grosses Gefakel, aber mit zeitweise zwanzig auftretenden Bühnenarbeitern etwas personalintensiver als im richtigen Leben. Irgendwann gesellt sich das Berner Traktorkestar zur Band, es gibt Tänzerinnen, Resli Burri an der Klarinette, einen Riesen und einen Zwergen, und es gibt Müslüm als staunenswerten Sänger und drahtigen Tänzer in wechselnden Kostümen.

«Chriminelle» Vergangenheit

Doch hinter das Geheimnis dieses selbst ernannten Topimmigranten kommt man trotzdem nicht so ganz. In den Charakter des urwüchsigen Schweiz-Türken mit «chrimineller» Vergangenheit mischen sich immer öfter Heile-Welt-Fantasien («wir sind doch alle Ausländer auf dieser Welt»), und wenn der Müslüm zum bewussteren Konsumieren aufruft, dann ist das zwar schön und gut, für die Charakterformung der Figur Müslüm indes eher erschwerend. Egal.

Auch egal – in Anbetracht der Kinder im Publikum vielleicht sogar von Vorteil – dass die Textverständlichkeit im akustisch diffizilen Casino etwas leidet und Zeilen wie «Hilf mir, du muesch mi erfreue, gib mir dein Säftli, ich gebe dir meine» deshalb nicht weiter erklärt werden müssen.

Zum Schluss foutiert sich der Saal dann um das Aufstehverbot und tanzt ausgelassen den ohrwurmigen Türkenpop. «So, jetzt seid ihr musikalisch integriert», konstatiert Müslüm trocken das Geschehen. Und setzt an zu einem finalen eingedrehten Türken-Hüftschwung. Wie heisst es doch so schön: «Bringt man die Leute zum Lachen, dann kann man ihnen so gut wie alles erzählen.»

Der Bund

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